03.09.2014

Stefan Branahl und Martin Holluba berichten von ihren Erlebnissen in der Wendezeit

Erinnerungen aus der Wendezeit

Die Kirchenzeitungsredakteure Stefan Branahl und Matthias Holluba sind unterwegs und reisen die ehemalige innerdeutsche Grenze ab. Dabei fragen sie nicht nur die Menschen, was sich in den letzten gut zwei Jahrzehnten getan hat, sondern erinnern sich selbst an die Zeit der Wende und ihre Erlebnisse vor 25 Jahren.

Die Grenze ist offen: Menschen klettern 1989 auf die Mauer am Brandenburger Tor in Berlin. Foto: kna-bild

 

 
Matthias Holluba : "Es gab drei Klassen von Ostdeutschen"

 

Matthias Holluba

Stefan schreibt, der Osten war ihm ziemlich egal (auch wenn er das inzwischen schon relativiert hat). Mir war der Westen nicht egal. Ich habe zu DDR-Zeiten – wahrscheinlich wie die meisten Ostdeutschen - einen Teil meines Lebens im Westen gelebt. Virtuell, würde man heute wohl sagen. Statt der DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ wurde abends die Tagesschau geguckt. Die Minister der Bundesregierung kannte ich – im Gegensatz zu denen der DDR-Regierung – fast alle namentlich. Und wenn es ein Fest zu feiern gab, hoffte man, dass Westtanten und -onkel ein Paket oder ein paar Mark schickten, damit man im Intershop die gute Krönung kaufen konnte … oder eine Dose Mandarinen für den Kuchen. Nur das Ost-Sandmännchen fand ich immer besser als seinen West-Kollegen.

Es gab drei Klassen von Ostdeutschen. Die erste hatten Westverwandte. Möglichst viele. Diese kamen – möglichst oft – zu Besuch oder schickten Päckchen. Zu dieser Klasse gehörten wir. Dass mein Westonkel mich am Tag vor meiner Erstkommunion mit seinem 5er BMW mitnahm, um in der Kreisstadt im Intershop das Nötigste einzukaufen, hat mich schon mächtig beeindruckt. Und wie habe ich meine Cousinen beneidet, die jeden Tag in einem solchen Auto fahren konnten. Mein Vater hatte nur einen gebrauchten 311er Wartburg.

Die zweite Klasse von DDR-Bürgern, das waren meist Handwerker oder andere Leute, die Dinge besorgen konnten, die andere DDR-Bürger unbedingt brauchten und die es gerade nicht zu kaufen gab. Um die Hilfsbereitschaft bei der Beschaffung von Autoersatzteilen, zum Beispiel etwas zu beschleunigen, waren ein paar Westmark durchaus hilfreich. Die dritte Klasse war ziemlich arm dran, weil sie über kein Westgeld verfügte. Denen blieb nur übrig, die sauer verdienten Ostmark zu sparen und im Delikat- oder Exquisit-Laden einzukaufen. Hier gab es dann für horrende Preis einige Westprodukte und Ostprodukte von höherer Qualität.

Auch während meines Studiums hab ich den Westen als „golden“ erfahren. Manches Ost-Pfarrhaus, in dem ich während eines Praktikums mitgelebt habe, war ein kleines Westberlin – angefangen von Fernseher und Waschmaschine über die Bücher bis zu Kaffee, Wein, Schokolade und Zigaretten. Auch wir Theologiestudenten hatten – wenn ich mich richtig erinnere – im Semester 100 Westmark zu Verfügung, um im Westen Bücher zu bestellen, die uns dann auf teils abenteuerlichen Wegen erreichten. Kurier waren meist Partner-Theologen aus westdeutschen Seminaren, mit denen man bei der sogenannten Theologen-Hochzeit in Berlin verkuppelt wurde. Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin für all diese Hilfe bis heute dankbar. Wie stolz war ich auf meine erste West-Jeans. Und die Armband-Uhr, die ich zur Erstkommunion von Tante Dora und Onkel Gerhard aus der Nähe von Frankfurt / Main geschenkt bekam, habe ich über 25 Jahre getragen.

In der Studienzeit habe ich angefangen mich etwas intensiver mit den politischen Systemen in West und Ost zu beschäftigen. Ich fand, als Christen leben wir in der DDR und haben hier unsere Aufgabe. Die katholische Kirche um mich herum erlebte ich oft als eine Kirche im Winterschlaf. In der Kirche war es schön kuschelig warm. Was außen vor sich ging, war ziemlich egal. Es galt in der Zeit des Kommunismus zu überwintern. Und auf sein Ende zu warten, damit die Kirche dann wieder in Freiheit leben konnte. „Dass du der Kirche die Freiheit, unserem Volk die Einheit und der Welt den Frieden schenken wollest“ wurde dreimal am Tag als Gebetsbitte nach dem „Engel des Herrn“ gebetet.

Ich war nicht sehr zuversichtlich, dass diese Bitten bald erhört würden. Vor allem an ein baldiges Ende der DDR habe ich bis zum Herbst 1989 nicht geglaubt. Und in der DDR gab es so viele Fragen, die auf der Tagesordnung standen und zu der wir Christen etwas zu sagen gehabt hätten: „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ - so die Themen des Konziliaren Prozesses, mit dem sich meine Kirche in der DDR so schwer tat. Zum Glück gab es ab den 80er Jahren erste Veränderungen. Neue Bischöfe traten ihren Dienst an, allen voran Bischof Joachim Wanke in Erfurt. Er sprach gleich zu Beginn seines Dienstes davon, dass es gelte, das Evangelium auf Mitteldeutsch zu buchstabieren. Die evangelischen Kirche in der DDR hatte sich zu dieser Zeit schon viel intensiver darauf eingelassen. Wie froh war ich, als sich die katholische Kirche als vollwertiges Mitglied an der ökumenischen Versammlung in der DDR beteiligte.

Die Frage nach dem Westen wurde für mich dann noch einmal drängend im Frühjahr und Sommer 1989. Immer mehr Menschen, viele Bekannte und Freunde – gingen in den Westen. Zwar hatte ich mein Theologiestudium abgeschlossen, aber in der DDR galt dieses Studium nichts. Ich arbeitete als Kraftfahrer beim Gesundheitswesen. Eine wichtige Erfahrung, aber keine berufliche Erfüllung. Bleiben oder in den Westen gehen? Wie oft habe ich mir in diesen Wochen diese Frage gestellt! Für den Weg in den Westen konnte ich mich nie zu 100 Prozent entscheiden. Aus Angst (was würde passieren, wenn man mich doch schnappt, ehe ich die Prager Botschaft erreicht habe)? Aus Sorge um meine Familie (ich war zwar Single, aber welche Konsequenzen würde vielleicht mein Vater zu tragen haben)? Aus Sorge um die Menschen, mit denen ich bisher zusammen lebte (was würde werden, wenn immer mehr Menschen dieses Land verlassen)? Ich entschloss mich zu bleiben, fand im Herbst 1989 die Stelle beim „Tag des Herrn“. Wenig später fiel die Mauer und ich war nun doch im Westen angekommen. Einem Westen, der nicht nur aus Lewis-Jeans, Jakobs-Kaffee und Camel-Zigaretten besteht.

 

 

Stefan Branahl: "Der Osten war mir ziemlich egal"

Stefan Branahl

Genau genommen habe ich keine Vorurteile. Auch nicht gegenüber Menschen aus dem Osten. Gut, wenn mir jemand sagt, er komme aus Hoyerswerda zum Beispiel oder aus dem Vogtland, dann denke ich manchmal schon: Hätten wir heute noch die Grenze, wäre uns RTL II vielleicht erspart geblieben. Aber das ist ja kein Vorurteil.

Am frühen Morgen des 10. November 1989 war ich auf dem Weg ins Eichsfeld, um für die Hildesheimer KirchenZeitung über das bis dahin Undenkbare zu berichten. Die Nachrichten hatten gemeldet, dass in der Nacht die Mauer gefallen war. Auf der Landstraße kam mir knatternd ein voll besetzter Trabi entgegen, der Fahrer hupte und winkte aus dem offenen Fenster. Später, in Duderstadt, sah ich Menschenmassen, die eigentlich gar nicht hierher gehörten. In Trainingsanzügen und weißen Turnschuhen, müde und fassungslos standen sie in langen Reihen vor dem Supermarkt tatsächlich nach Bananen an.

Bis zu diesem Tag kann mein Interesse am Osten Deutschlands kurz so zusammengefasst werden: Er war mir ziemlich egal. In der Schule, einem Gymnasium mit Schwerpunkt Wirtschaft, sollten wir lernen, dass wir das bessere Deutschland vertraten. Konservative Zeitungen schrieben DDR mit Anführungsstrichen und wenn wir Jugendlichen aufmüpfig waren, hieß es: "Geh doch nach drüben!"
Wir hatten keine Verwandten im Osten und schickten darum auch keine Pakete mit Schokolade, Kaffee und aufgetragenen Pullovern. Einmal erlebte ich bei einem Freund den Besuch einer alten Tante aus Leipzig, die eine Reisegenehmigung bekommen hatte. Ich fühlte eine gewisse Seelenverwandschaft, als sie erzählte, sie könne sich nichts kaufen. Bei ihr war der Grund das leere Regal im Konsum als Folge der Planwirtschaft, bei mir lag es am kleinen Taschengeld.

Erfahrungen mit der DDR hatte ich bis zur Öffnung der Grenze in jener Novembernacht vor 25 Jahren nur ganz am Rande. Die obligatorische Klassenfahrt nach Berlin führte über die Transitstrecke, die mit prägenden Erlebnissen untrennbar verbunden ist: Die humorlose Grenzabfertigung in Marienborn kannten einige von uns ja bereits von Urlaubsfahrten nach Österreich. Dass aber eine Autobahn aus einem einzigen 200-Kilometer-Schlagloch bestehen kann, erschütterte uns schon allein aus dem Grund, weil wir uns nicht vorstellen wollten, wie wir hier mit dem Maserati aus unserem Autoquartett in den zweiten Gang schalten könnten. Hatten wir auf der Anreise noch unsere Witzchen gemacht über so viel Rückständigkeit, verging uns ein paar Tage später auf der Rückreise das Grinsen: Wir hatten jede Menge Berliner Billigbier in den Bus geschmuggelt - ohne zu ahnen, dass bis Magdeburg keine Pinkelpause eingelegt werden durfte.
Angenehm in Erinnerung ist der Besuch eines Ostberliner Weihnachtsmarktes. Ein Bruchteil unseres Zwangsumtauschs wurde in einen feucht-fröhlichen Nachmittag investiert. Nein, so völlig unsympathisch war mir dieser Sozialismus an diesem Tag nicht.

 

 

Matthias Holluba: "Am liebsten bin ich Thüringer"

Matthias Holluba

Ich bin also der Ossi. Obwohl, diesen Begriff benutze ich nicht für mich. Als Ostdeutschen bezeichne ich mich schon gelegentlich, weil mit diesem Begriff meinem Gesprächspartner normalerweise nicht nur die geografische Herkunft klar ist, sondern auch die Geschichte, die ich mitbringe.
Am liebsten aber bin ich Thüringer, auch wenn ich in Sachsen-Anhalt  geboren bin (1962 in Naumburg) und heute in Sachsen arbeite und lebe: Genau in jenen "heißen" Herbsttagen vor 25 Jahren habe ich in Leipzig den Schreibtisch eines redaktionellen Mitarbeiters beim Tag des Herrn übernommen.

In Thüringen bin ich aufgewachsen - in Pfiffelbach, einem kleinen Dorf bei Weimar. Hier bin ich zur Schule gegangen (Abitur 1981 in Apolda). Und hier habe ich studiert (katholische Theologie in Erfurt). In diesen Jahren hab ich Thüringen lieben gelernt. Sicher hat damit auch die katholische Kirche in Thüringen, das heutige Bistum Erfurt, etwas zu tun. Hier kenne ich viele. Hier fühle ich mich bis heute ein Stück zu Hause.

Die Kirche war für mich in den DDR-Jahren ein Ort der Freiheit. Dass ich nach dem Abitur Priester werden wollte, hat sicher damit zu tun. Mein Lebensweg ist dann anders verlaufen. Heute bin ich verheiratet, habe eine Tochter und zwei Enkel.

Dass ich katholische Theologie am Erfurter Priesterseminar studiert habe, habe ich nicht bereut. Es gab wohl wenig vergleichbare Studienmöglichkeiten in der DDR, die eine so hervorragende Bildung vermittelten, fernab von aller Staatsideologie. Das hatte freilich auch einen Nachteil: Das Leben im Priesterseminar hatte mit dem normalen DDR-Alltag wenig zu tun. Wir genossen Narrenfreiheit (die Zeiten des massiven Kirchenkampfes waren in der DDR der 80er Jahre längst vorbei). Welche Kompromisse gegenüber dem DDR-Regime dem Lehrling im benachbarten Betrieb, dem Medizinstudenten an der Karl-Marx-Uni oder dem christlichen Familienvater Gewissensnöte bereiteten, kann ich nur erahnen.

Aus der Zeit vor dem Eintritt ins Priesterseminar kenne ich diese Kompromisse: ich war Pionier, ich war in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und ich habe den Deutschaufsatz geschrieben, in dem ich schon in Goethes Faust das sozialistische Menschenbild grundgelegt sah. Ich weiß, dass andere konsequenter gehandelt haben und dass sie dafür manches in Kauf nahmen, was mir erspart geblieben ist. In den Fällen, wo ich dann nicht kompromissbereit war, hatte ich entweder Glück: Trotz Verweigerung der Jugendweihe konnte ich eine staatliche Oberschule besuchen und das Abitur machen. Oder andere mussten die Konsequenzen tragen: Als ich angesichts des drohenden Einmarsches der Nationalen Volksarmee im Nachbarland Polen Anfang der 80er Jahre den Wehrdienst mit der Waffe verweigert habe, musste mein Vater - er war Lehrer - die Konsequenzen tragen. Meinen Wehrdienst habe ich dann tatsächlich in den waffenlosen Baueinheiten der NVA geleistet, eine Lebenserfahrung für die ich dankbar bin.

Ein Oppositioneller war ich nie. Mit dem Ende der DDR habe ich bis zum Herbst 1989 nicht gerechnet. Dass ich aber dazu beigetragen habe, dass es heute dieses System nicht mehr gibt und dass ich so ein Stückchen Weltgeschichte mitgeschrieben habe, das macht mich stolz. Denn als am 9. Oktober die 70.000 Menschen in der Innenstadt von Leipzig demonstrierten, war ich einer von ihnen.