29.06.2019

Leitplanken aber kein Stoppschild für den synodalen Weg

Papstbrief zum synodalen Weg

Ein überraschender Brief aus Rom: Papst Franziskus schaltet sich in die Debatte um den synodalen Weg ein. Er setzt Leitplanken, aber kein Stoppschild.

Foto: kna/Vatican Media/Romano Siciliani
Ein Brief an alle Katholiken in Deutschland: Papst Franziskus äußert sich in einem Schreiben zum synodalen Weg. Foto: kna/Vatican Media/ Romano Siciliani


Ein Papstbrief aus Rom? Bei so manchem Zeitgenossen weckt diese Ankündigung eindeutige Erinnerungen an Zeiten, in denen die deutschen Katholiken mit dem Vatikan über die Schwangerenberatung stritten. Ende der 90er Jahre bestimmte ein Machtwort aus Rom, dass die kirchlichen Beratungsstellen aus dem gesetzlichen System aussteigen mussten.

Jetzt gibt es wieder einen Papstbrief. Doch er liest sich nicht wie ein Machtwort, sondern wie eine Ermutigung zur Reformdebatte. Gleichzeitig setzt Papst Franziskus in seinem 28 Seiten umfassenden Brief durchaus Leitplanken und Grenzen. Dass das Schreiben am Fest der Apostelfürsten Peter und Paul erscheint, ist sicher kein Zufall.

Anlass des überraschenden Schreibens ist der "verbindliche synodale Weg", den die deutschen Bischöfe in der Folge des Missbrauchsskandals und des massiven Vertrauensverlustes für die Kirche im Frühjahr beschlossen hatten: Unter Mitarbeit des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und externer Fachleute wollen sie Themen wie Macht, Sexualmoral und die Lebensform der Priester beraten. Ein weiteres Forum zur Rolle der Frauen in der Kirche ist im Gespräch.

 

Papst wendet sich ausdrücklich an alle Katholiken

Heiße Eisen wie der Zölibat und die Weihe von Frauen stehen derzeit in der Debatte. Viele konservative Katholiken warnen vor einer Anpassung an den Zeitgeist und dem Verlust katholischer Identität. Sie befürchten eine Spaltung. Reformorientierte Katholiken wie die Initiative Maria 2.0 oder kirchliche Frauenverbände betonen dagegen, dass eine Spaltung längst stattfinde: Tausende Katholiken verließen jedes Jahr die Kirche, vor allem viele Frauen fühlten sich als Kirchenmitglieder zweiter Klasse abgespeist. Die Kirche in Deutschland scheint in einer Zwickmühle.

In dieser Situation wendet sich der Papst ausdrücklich an alle Katholiken - an "das pilgernde Volk Gottes in Deutschland", wie es in seiner Anrede heißt. Franziskus schreibt sehr persönlich, zitiert ein argentinisches Sprichwort und zeigt sich in der Rolle des nachdenklichen Hirten: Berichte der Bibel über die nach der Kreuzigung mutlosen Jünger und den Aufbruch, den der Heilige Geist bewirkte, hätten ihn bewegt, diesen Brief zu schreiben.

Der Papst lobt die Großzügigkeit und Verantwortung der Gemeinden in Deutschland, begrüßt das Miteinander der getrennten Kirchen im Reformations-Gedenkjahr und beklagt den Verfall des Glaubens auch in traditionell katholischen Gebieten. Angesichts der Erfahrung, dass "der Herr mit seiner Neuheit immer unser Leben und unsere Gemeinschaft erneuern kann", wolle er den Menschen in Deutschland "nahe sein und Eure Sorge um die Zukunft der Kirche in Deutschland teilen".

 

Brücken bauen und keine Denkverbote aussprechen

Im Streit um Reformen versucht der Papst, Brücken zu bauen und den Blick zu weiten. Den Missbrauchsskandal erwähnt er nicht, konkrete Streitfälle werden nicht an- und Denkverbote nicht ausgesprochen. Franziskus beschreibt die großen Linien: Nicht die Anpassung an den Zeitgeist, Umfragen und Medien dürften den Prozess bestimmen, betont er in Richtung der Reformkräfte. Aber auch der Versuch, zu alten Gewohnheiten aus anderen Zeiten zurückzufinden, sei nicht zielführend, heißt es an die Adresse der Konservativen. Zentral sei ein gemeinsamer "Weg unter der Führung des Heiligen Geistes".

Auch bei der Frage, wie weit eine Ortskirche bei Reformen voranpreschen darf, äußert sich Franziskus vermittelnd: Teilkirchen und Weltkirche lebten voneinander und seien aufeinander angewiesen. Das bedeute nicht, dass man nicht voranschreiten, ändern oder debattieren könnte. Wichtig sei aber die Perspektive, Teil eines Ganzen zu sein und die Einheit zu wahren. Die Ortskirchen seien vielfältig und hätten eigene Traditionen und Probleme. Der Blick aufs Ganze könne aber verhindern, dass man sich in begrenzten Fragestellungen verirre und den Weitblick verliere.

Was das für den synodalen Weg der Bischöfe bedeutet? Franziskus räumt ein, dass der Begriff noch unklar sei und "sicherlich noch tiefer in Betracht gezogen werden" müsse. Ein Stoppschild allerdings - von manchen befürchtet und anderen erhofft - hat er nicht aufgestellt.

Als Zeichen der Wertschätzung und der Ermutigung für die Katholiken in Deutschland haben die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) den Papstbrief gewertet.

 

Reaktionen zum Brief aus Rom

"Wir danken dem Heiligen Vater für seine orientierenden und ermutigenden Worte und sehen uns als Bischöfe und Laienvertreter eingeladen, den angestoßenen Prozess in diesem Sinn weiter zu gehen", erklärten der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und ZdK-Präsident Thomas Sternberg.

Papst Franziskus wolle die Kirche in Deutschland bei ihrer Suche nach einer zukunftsfähigen Gestalt der Kirche unterstützen, so Marx und Sternberg. Es sei das zentrale Anliegen des Kirchenoberhaupts, die Kirche "weiterhin als eine starke geistliche und pastorale Kraft zu verstehen, die das Evangelium in die Gesellschaft hinein vermittelt und glaubwürdig verkündet". Diese Glaubwürdigkeit sei in den zurückliegenden Jahren erschüttert worden.

Marx und Sternberg betonten, dass der synodale Weg sich nicht in Strukturdebatten erschöpfen dürfe, sondern eine geistliche Ausrichtung benötige. "Für den vor uns liegenden Prozess mahnt uns PapstFranziskus zu einer neuen Art des Hörens aufeinander, damit wir uns als Teil der Weltkirche mit aller Kreativität, Spiritualität und Leidenschaft in den Dienst des Glaubens stellen."

kna