18.01.2023

Interview mit Caritas-international-Leiter Oliver Müller zur Lage in Afghanistan

"Es ist ein unglaubliches Dilemma"

Die Taliban in Afghanistan verbieten Frauen, für Hifswerke zu arbeiten. Caritas international hat deshalb Teile seiner Hilfsprojekte vorläufig eingestellt. Leiter Oliver Müller erklärt, was das für die Menschen in Afghanistan bedeutet und was passieren muss, damit die Hilfe wieder anläuft.

Foto: Caritas international/Reza Nazari
Den Kontakt zu Frauen und Kindern braucht Caritas international unbedingt. Foto: Caritas international/Reza Nazari


Warum zieht sich Caritas international aus Afghanistan zurück?
Wir ziehen uns nicht  zurück. Aber wir haben von sieben großen Hilfsprojekten vier vorläufig eingestellt. Die Taliban verbieten Frauen, bei Hilfsorganisationen zu arbeiten – das ist ein extrem besorgniserregender Eingriff in die humanitäre Hilfe. Zum einen verletzt es die Menschenrechte der Frauen, die für uns arbeiten. Zum anderen – und das ist noch wichtiger – können wir notleidende Frauen nicht länger direkt erreichen, da es in Afghanistan nicht erlaubt ist, dass ein fremder Mann mit einer Frau spricht.

Welche Programme ruhen jetzt?
Das sind Nothilfe-Programme, über die wir Lebensmittel, Bargeld, Winterhilfen und andere Güter des täglichen Bedarfs an Notleidende verteilt haben. Lediglich Projekte, die als medizinische Hilfe eingestuft sind, können noch arbeiten. Das sind ein Mutter-Kind-Projekt, eine Prothesen-Werkstatt und ein Lepra- und Tuberkulose-Programm.

Was heißt das für die Menschen, die Sie bislang unterstützt haben?
Für diese Zehntausende Menschen ist das eine Katastrophe. Jetzt im Winter ist es eiskalt in Afghanistan. Sie sind geschwächt durch die Dürre und die Naturkatastrophen der Vergangenheit, durch den Krieg und das Chaos nach der Machtergreifung der Taliban. Es gibt eine enorme Arbeitslosigkeit. Fast 20 Millionen Menschen leiden Hunger – das ist die Hälfte der Bevölkerung. 

Was bedeutet Ihre Entscheidung für Ihre Mitarbeiterinnen?
Für viele qualifizierte Frauen in Afghanistan war die Mitarbeit bei Hilfsorganisationen die einzig verbliebene Möglichkeit, Geld zu verdienen. Für sie wäre es eine Katastrophe, wenn sie ihre Arbeit verlieren. Selbstverständlich haben wir aber niemanden gekündigt und wir zahlen allen weiterhin Lohn. 

Hat das Beschäftigungsverbot von Frauen Sie überrascht?
Ja. Wobei sich die Bedingungen für Frauen in den vergangenen Monaten stetig verschlechtert haben. Ohne eine männliche Begleitung dürfen Frauen das Haus nicht mehr verlassen. Im März wurde Mädchen der Besuch einer weiterführenden Schule verwehrt, dann kam der Ausschluss von den Universitäten und jetzt das Verbot von Tätigkeiten für Hilfsorganisationen. Dieser Schritt ist erschütternd – und Teil einer größeren Strategie der Taliban. Derzeit gibt es auch Probleme für internationale Mitarbeiterinnen, Langzeitvisa zu bekommen. Ich glaube, die Taliban wollen die Aktivitäten und die Präsenz ausländischer Hilfsorganisationen grundsätzlich zurückdrängen.

Was bedeutet das Berufsverbot für das Land?
Afghanistan ist das Land mit der weltweit höchsten Säuglings- und Kindersterblichkeit. Gerade in dieser traditionell aufgestellten patriarchalischen Gesellschaft erreichen wir Kinder und Jugendliche nur über ihre Mütter. Wenn wir keinen direkten Kontakt mehr zu ihnen haben, wird sich ihre Situation weiter verschlechtern. Das macht mich richtig wütend. Denn angesichts der massiven Unterernährung der Bevölkerung zählt jeder Tag.

Wie schwierig war für Caritas international die Entscheidung, Nothilfeprojekte zu stoppen?
Es ist ein unglaubliches Dilemma, in dem wir stecken. Wir können uns nicht richtig verhalten und wir sind mit keiner unserer Handlungsoptionen zufrieden. Unsere Aufgabe ist es, notleidenden Menschen beizustehen. Unter diesen Bedingungen können wir aber nicht weiterarbeiten.

Warum nicht?
Das Berufsverbot trifft den Nerv der humanitären Hilfe. Wir arbeiten in vielen Kriegs- und Krisensituationen und es ist immer schwierig, zu Menschen in Not vorzudringen. Manchmal müssen wir auch schmerzhafte Kompromisse schließen. 

Foto: Caritas international/Bente Stachowske
Oliver Müller, Leiter von Caritas international
Foto: Caritas international/Bente Stachowske

Wo zum Beispiel?
In Nigeria  etwa ist der Zugang zu bestimmten Regionen durch islamistische Terroristen extrem gefährlich. Da mussten wir die Entscheidung treffen, einige Regionen zum Schutz unserer Mitarbeiter von der Hilfe auszunehmen. So konnten wir unsere Ziele nicht erreichen, aber halfen immer noch einer großen Gruppe von Notleidenden an Orten, an die sonst fast keine Organisation kommt. 

In Afghanistan geht das nicht?
Nein. Das Verbot der Mitarbeit von Frauen ist mehr als ein Kompromiss, den wir hinnehmen könnten. Es berührt den Kern unserer Hilfe. Wir könnten momentan lediglich Lebensmittel an die männlich geprägten Ortschaftsräte geben und hoffen, dass sie die Rationen an Frauen und Kinder weitergeben. Das ist nicht akzeptabel. Wir könnten nicht sicherstellen, dass die Hilfe wirklich ankommt. 

Gibt es keine Alternative?
Zunächst nicht. Denn es gibt eine strikte Geschlechtertrennung im Land. Durch den Beschluss der Taliban verlieren wir den Zugang zu mehr als der Hälfte der Bevölkerung, wenn man die Kinder und Jugendlichen einrechnet. Damit ist bei uns eine Grenze überschritten.

Gibt es einen Punkt, an dem Sie Ihre Projekte komplett einstellen würden?
Momentan steht das nicht zur Debatte. Aber wir hören, dass es zunehmend von Taliban gegründete Hilfsorganisationen gibt. Wenn man uns zwingen würde, unsere Arbeit über solche Organisationen zu leisten, wäre das ein K.o.-Kriterium für jede Art von Hilfe.

Wie reagiert die afghanische Bevölkerung auf das Berufsverbot für Frauen?
Es wäre zu erwarten, dass die Menschen auf die Straßen gehen, gegen den Beschluss protestieren und die Regierung zum Einlenken bringen. Aber wir befürchten, dass die Menschen dafür zu schwach sind, zu hungrig und zu eingeschüchtert. Proteste sind mit einem hohen persönlichen Risiko verbunden. Wir können das von den Menschen nicht erwarten.

Stützt Ihre Arbeit nicht zu einem gewissen Maß die Taliban?
Diese Frage muss sich die humanitäre Hilfe immer wieder stellen. Aber: Sollen wir Menschen verhungern lassen, weil sie das Pech haben, in einem diktatorischen Regime zu leben? Das kann nicht die Lösung sein – schon gar nicht aus christlicher Sicht. Wir haben den Auftrag, Leben zu retten und menschliches Leid zu verhindern, egal unter welchen Umständen. 

In Afghanistan riskieren Sie mit Ihrer Entscheidung nun, dass Menschen hungern und leiden.
Keiner von uns fühlt sich mit dieser Entscheidung wohl. Wir sitzen ja nicht hier in Deutschland am Schreibtisch, entscheiden das leichtfertig und schauen dann in ein paar Monaten mal, ob die Kriterien jetzt wieder passen. Ich erwarte auch nicht, dass die Taliban ihren Beschluss einfach zurücknehmen. Wir müssen jetzt verhandeln und versuchen, einen Kompromiss zu finden. Aber die Zeichen stehen momentan nicht gut. 

Gibt es denn Reaktionen der Taliban?
Nein. Es gibt unterschiedliche Strömungen innerhalb der Taliban. Mit diesem Beschluss haben sich die Hardliner durchgesetzt.

Wie verhandeln Sie mit den Taliban-Führern?
Es gibt einen Zusammenschluss der verschiedenen Hilfsorganisationen, die in Afghanistan aktiv sind und natürlich die Vereinten Nationen. Beide suchen das Gespräch mit den Taliban.

Was muss passieren, damit Sie Ihre Arbeit wieder voll aufnehmen?
Unsere Mitarbeiterinnen müssen Zugang zu Frauen und Kindern haben. 

Damit kommen Sie den Taliban nicht entgegen. 
Vielleicht müssen wir über die Kleiderordnung sprechen oder noch stärker auf eine Geschlechtertrennung achten. Aber der Zugang und die Erreichbarkeit von bedürftigen Frauen und Kindern müssen sichergestellt werden.

Wie stehen die Chancen, eine Lösung zu finden?
Ich bin momentan nicht sehr optimistisch. Eine Chance könnte sein, dass das Regime auf Unterstützung von außen angewiesen ist, auf andere Staaten und die Hilfe der Vereinten Nationen. Die Politik muss den Druck auf die Taliban jetzt erhöhen. Wir werden alles dafür tun, den Menschen in Afghanistan auch in Zukunft beizustehen.

Als Hilfsorganisation haben Sie da nur bedingt Einfluss.
Wir sind nicht völlig machtlos. Aber wenn eine Regierung die Bedürfnisse ihres Volkes in einem so hohen Maße ignoriert wie in Afghanistan, dann sind uns die Hände gebunden. Wir brauchen jetzt den Rückenwind der Politik. Die Taliban sind auf Devisen und den Import wirtschaftlicher Güter angewiesen. Da gibt es schon Verhandlungsansätze für die internationale Staatengemeinschaft.

Interview: Kerstin Ostendorf