23.01.2019

Der Evangelist Lukas

Der Zuverlässige

Die Leseordnung der Kirche kennt für die Sonn- und Feiertage drei Lesejahre. Im laufenden Lesejahr C stammen die Evangelien meist von Lukas. Er stellt sich an diesem Sonntag selbst vor. Ein Anlass, ihn und seinen Text näher zu betrachten.

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Nach einer alten Legende malte Lukas die Gottesmuter. Pierre Mignard hat die Szene in seinem Gemälde von 1695 dargestellt. Foto: pa


Was wäre Weihnachten ohne das Kind in der Krippe im Stall von Betlehem, was wäre der Kindergartengottesdienst ohne das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und was wäre das Abendlob der Kirche ohne den Lobgesang Marias, das Magnifikat? 

Alle drei Texte wären für uns verloren, wenn sie der Evangelist Lukas nicht niedergeschrieben hätte – in den anderen Evangelien sucht man sie vergebens. Dass Lukas die Begegnung Marias mit dem Engel beschreibt, der ihr die Geburt Jesu ankündigt, hat vielleicht auch zu der altkirchlichen Legende beigetragen, nach der Lukas der erste Porträtmaler Marias war.

Doch nennen wir den Evangelisten nur aus Gewohnheit Lukas, ohne streng genommen zu wissen, ob er tatsächlich so hieß, denn seine Schrift ist anonym verfasst. Er wird aber als der Reisebegleiter des Paulus identifiziert, von dem im Philemonbrief die Rede ist und von dem es im Kolosserbrief heißt, dass er Arzt war. Dafür spricht, dass dieser Evangelist auch die Apostelgeschichte geschrieben hat und dort Erlebnisse mit Paulus zum Teil mit einem „Wir“ beginnt. 

Auch pflegt Lukas einen sehr gebildeten Stil, schreibt ein gediegenes Vorwort für sein Evangelium (Lukas 1,1–4), verbessert den Stil der Passagen des Markusevangeliums, die er übernimmt, und hat schlicht einen deutlich größeren Wortschatz als die anderen Evangelisten. Er hat wohl ein gutes Stück mehr griechische Bildung genossen. 

Dass er allerdings ein Arzt gewesen sein soll, zeigt sich weder im Evangelium noch in der Apostelgeschichte, denn fundierte medizinische Kenntnisse lassen sich da nicht belegen. Wohl aber zeigt sich, dass er Ahnung sowohl von römischem Prozessrecht als auch von jüdischer Theologie hatte – weswegen man heute oft vermutet, dass er ein Judenchrist aus der griechischen Diaspora war. Dass der Evangelist dieser Lukas aus den Paulusbriefen ist, lässt sich heute also nicht wirklich schlüssig beweisen, aber der Name hat sich seit dem 2. Jahrhundert n.Chr. so durchgesetzt, weswegen er also auch hier weiter verwendet wird.

Der Weg Jesu und seiner frohen Botschaft

Lukas schreibt sein Doppelwerk aus Evangelium und Apostelgeschichte vermutlich zwischen 80 und 90 n.Chr. auf. Er ist damit nicht der Erste, das macht er im Vorwort deutlich („Schon viele haben es unternommen ...“), aber er möchte ein sehr zuverlässiger Chronist der Ereignisse sein. Dabei verlässt er sich auf das ältere Markusevangelium, die sogenannte Logienquelle, die Aussprüche Jesu gesammelt und aus der sich auch das Matthäusevan-
gelium bedient hat, und eigene Quellen, aus der auch alle drei zu Anfang genannten Texte stammen.

Lukas hat seine Texte als Weggeschichte angelegt: Im Evangelium nimmt der Weg Jesu von Galiläa nach Jerusalem einen großen Teil ein, nach der Auferstehung erklärt er auf dem Weg nach Emmaus den Sinn seines Leidens und die Apostelgeschichte schildert den Weg der frohen Botschaft von Jesus Christus in die ganze Welt hinaus. Lukas zeigt sich dabei sicher: Nichts vermag es aufzuhalten und alles, was geschieht, geschieht unter der Regie Gottes, „denn ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde“ (Apostelgeschichte 1,8), wie Jesus selbst es bei seiner Himmelfahrt prophezeit.

Jesu frohe Botschaft besteht im Kern darin, dass die Königsherrschaft Gottes in dieser Welt angebrochen ist – auch wenn sie noch nicht vollendet ist. Dazu muss der Mensch seine Sünde ablegen, die aus den vielen kleinen und großen Verfehlungen besteht, die den Menschen von Gott trennen und dessen Ankommen in der Welt behindern. Dies zeigt Lukas besonders in seinen Erzählungen von Zöllnern, aber auch, wenn er die Reichen kritisiert. Dabei ist Besitz an sich für ihn nichts Schlimmes, aber solange es noch Armut in der Welt gibt, ist Gott in ihr noch nicht angekommen. Allen soll es gutgehen. „Denn ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.“ (Lukasevangelium 16,9)

Die Passion zeigt die Hoheit des Gottessohnes

Jesus ist bei Lukas deshalb besonders der Heiland der Verlorenen und sozial Entrechteten. In ihm zeigt sich Gottes ganze Liebe zu den Menschen. So ist er das Vorbild schlechthin für das eigene christliche Leben, bis hin in seinen Tod. Denn selbst die Leidensgeschichte Jesu hat bei Lukas ihr eigenes Profil: Sie zeigt nicht den Tiefpunkt menschlicher Existenz, sondern die Hoheit des Gottessohns. So trägt Jesus in der Passion nach Lukas keine Dornenkrone und ruft auch nicht vor dem Sterben seine Gottverlassenheit heraus wie in den Evangelien nach Markus und Matthäus. Bei Lukas haucht Jesus seinen Geist mit den Worten aus: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lukasevangelium 23,46, siehe Psalm 31,6)

Christoph Buysch