24.10.2018

Skypeschichten in der Adventszeit

Besinnung am Computer

Wie findet man heute noch genug Menschen, die Lust haben auf eine Früh- oder Spätschicht im Advent? Ganz einfach: Man vernetzt sich über Skype. So sitzt jeder zu Hause – und es entsteht doch ein besonderes Gruppengefühl.

Foto: Lukas Huth
Klarer Fokus: In diesem Jahr geht es in den adventlichen Schichten um die Weihnachtsgeschichte. Foto: Lukas Huth


Die Kerze, sagt Max Pilger, die sei wichtig. Jeder, der mitmacht, bekommt eine Kerze zugeschickt, zündet sie an und stellt sie neben seinen Computer. Wo immer er gerade ist. Die Lichter der Kerzen verbinden die Menschen, die sich rein räumlich so fern sind. Die in Köln oder Essen sitzen, vielleicht aber auch in London oder Schanghai. An den vier Dienstagen vor Weihnachten treffen sie sich zu einer adventlichen Früh- oder Spätschicht – aber nicht in der Kirche oder im Gemeindehaus, sondern auf Skype, also in einer Videokonferenz am Computer.

Die Organisatoren der Skype-Schichten probieren aus, wie eine junge, moderne Kirche in einer global vernetzten Welt funktionieren kann. Sie bieten besinnliche Momente, bei denen jeder mitmachen kann – und für die er sich nicht mal aus dem Haus bewegen muss.

Die Teilnehmer der Skype-Schichten sehen die anderen auf ihrem Computerbildschirm, sie hören sie durch die Lautsprecher, aber sie sind nicht zusammen mit ihnen in einem Raum. Pilger, einer der Organisatoren der Skype-Schichten, sagt: „Es entsteht trotzdem ein überraschendes Gefühl von Zugehörigkeit und Gemeinschaft.“

Zu jeder Skype-Gruppe gehören bis zu zehn Teilnehmer und ein Moderator. Vor Beginn jeder Schicht wählen sich alle bei Skype ein und prüfen, ob ihre Technik funktioniert. Es folgt ein Moment der Stille, dann geht’s los. Die Teilnehmer hören Bibeltexte oder andere Geschichten. Sie reden darüber, was diese Texte ihnen bedeuten. Sie sprechen Fürbitten, hören Lieder oder schauen Videos im Internet gemeinsam an. Nur Singen geht schlecht. „Das ist nicht ganz so synchron“, sagt Pilger. Jede Schicht endet mit dem gemeinsamen Vaterunser.

Wie er die 15 bis 20 Minuten einer Schicht im Detail gestaltet und welche Gedanken er einbringt, kann jeder Moderator selbst entscheiden. Das Thema aber steht fest: In diesem Jahr kreisen alle Schichten um die Weihnachtsgeschichte. Einmal sprechen die Gruppen darüber, dass die Engel Frieden auf Erden verheißen, und sie fragen: Frieden auf Erden, was ist das überhaupt? Gibt es das heute? Was fehlt dazu?

In einer anderen Woche nehmen die Gruppen den Befehl des Kaisers Augustus als Anlass zu fragen: Wo gibt es heute in unserer Gesellschaft Befehle und Zwänge? Und was bewirken die? Sind sie immer ein Problem, oder können sie manchmal auch eine Chance sein?


Manchmal schweigen alle auch einfach

Wer bei den Frühschichten mitmacht, kann damit in den Tag starten; wer die Spätschichten wählt, kann damit den Tag beenden. Sie passen in jeden Zeitplan, egal wie eng er ist. Durch ihre Form bieten sie Chancen, die herkömmliche Adventsschichten nicht bieten. „Ich weiß nicht, ob man in der typischen Ortskirchengemeinde von heute genug junge Menschen zusammenbekommt, die begeistert sind, an einer Früh- oder Spätschicht teilzunehmen“, sagt Pilger. „Über Skype geht das halt. Weil man nicht auf den eigenen Umkreis begrenzt ist, sondern überall auf der Welt Leute dazuholen kann.“

Im Jahr 2015 haben die adventlichen Skype-Schichten begonnen. Die Idee stammte von Mitgliedern der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG) Haltern im Bistum Münster, die aus der Heimat weggezogen waren und im Advent weiter gern zusammen beten und reden wollten. Das Projekt wuchs und wuchs. Im vergangenen Jahr haben 120 Leute mitgemacht, in diesem Jahr hoffen die Organisatoren von der Landesarbeitsgemeinschaft der KJG in Nordrhein-Westfalen auf 150 Teilnehmer.

Mitmachen lohne sich, betont Pilger. Schon wegen der besonderen Form. Wer zu Hause sitzt, in der Küche oder am Schreibtisch, an einem vertrauten Ort, der könne sich besser konzentrieren, tiefer einlassen auf die Gedanken und die Musik, die er hört. Weil er sich nicht mit einem fremden Ort, einem Kirchraum etwa, auseinandersetzen muss. Weil er ganz bei sich ist. In seiner Welt.

Im vergangenen Jahr, erzählt Max Pilger, habe er eine Gruppe moderiert. Oft habe er die anderen dazu eingeladen, ihre Gedanken zu einem Text zu formulieren. Manchmal habe dann niemand etwas sagen wollen. So hätten alle einfach fünf Minuten geschwiegen. Jeder vor seinem Computer, verbunden in Stille.

Andreas Lesch