21.01.2020

Eine Gemeinde im Erzbistum Köln legt eine Pause ein

Der Monat, der anders ist

Im Mai unterbricht eine Gemeinde im Erzbistum Köln ihren Alltag. Streicht Gottesdienste, Hochzeiten, Taufen. Und nimmt sich Zeit, um viele Menschen zu fragen: Was ist euch wichtig? Wie können wir euer Leben reicher machen?

Foto: Jan Schmitt
Der Schlüssel zu einem innovativen Projekt – gehalten von Daniel Klaas, Nele Harbeke, Albert Lange und Thomas Antkowiak (von links) aus dem Vorstand des Langenfelder Pfarrgemeinderates. Foto: Jan Schmitt


Kürzlich hatte Daniel Klaas mit seiner Friseurin ein überraschendes Gespräch. Seit Jahren lässt er sich von ihr die Haare schneiden, sie reden dabei über dies und das, und nach einer Viertelstunde ist er fertig. Diesmal aber blieb er länger. Denn als er reinkam, sagte die Friseurin zu ihrer Mutter, die neben ihr stand: „Das ist der Kollege, wegen dem unsere Tochter nicht im Mai, sondern schon im April zur Erstkommunion geht.“ Da spürte Klaas, dass die Aktion, die seine Mitstreiter und er gerade erst planen, schon zu wirken beginnt.

Im Mai werden sie in der katholischen Gemeinde St. Josef und Martin in Langenfeld den Alltag radikal unterbrechen. Es gibt in diesem Monat keine besonderen Gottesdienste wie Taufen, Hochzeiten, Erstkommunionfeiern. Vom 21. bis 31. Mai fallen sogar alle Gottesdienste aus – bis auf drei Ausnahmen: an Christi Himmelfahrt, an Pfingsten und am Sonntag dazwischen.

Ein Croissant und ein Impuls an der S-Bahn

Das Motto des Projekts: „Die Kirchen machen zu. Der Schlüssel bist du!“ Das Ziel: Die Haupt- und Ehrenamtler der Gemeinde aus dem Erzbistum Köln wollen mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch kommen. Und sie fragen: Was glaubt ihr? Was ist euch wichtig? Und wie müsste die Kirche sich verändern, um zu eurem Leben, euren Hoffnungen und Sehnsüchten zu passen? 

Mit seiner Friseurin, erzählt der Pfarrgemeinderatsvorstand Klaas, habe er nun schon über diese Fragen diskutiert. Sie aber mit vielen Menschen zu besprechen, braucht Zeit – und die fehlt im Alltag. Deshalb nehmen die Langenfelder sie sich jetzt. „Wir wollen diesen Gesprächen eine Bedeutung geben“, sagt Klaas. „Wir wollen sie nicht nebenherlaufen lassen. Deshalb brauchen wir eine Unterbrechung.“ 

Die Unterbrechung soll auch ein Signal sein. Sie wollten damit „das Bewusstsein wecken, dass was passieren muss“, sagt Klaas. Misereor-Geschäftsführer Thomas Antkowiak, der Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, fügt an: „Wir spüren, dass wir mit unseren bisherigen Vorstellungen nicht mehr weiterkommen.“ 

Die Langenfelder haben das Problem, das viele Gemeinden haben: Von ihren 22 000 Mitgliedern kommen nur rund 2000 sonntags zum Gottesdienst. 90 Prozent nehmen am Gemeindeleben kaum teil. Zudem gibt es nicht mehr genug Priester, um die Zahl der Eucharistiefeiern halten zu können. Nun hat auch noch Pfarrer Stephan Weißkopf aus persönlichen Gründen sein Priesteramt aufgegeben. Das verschärft den Personalmangel. 

Jetzt tun die Langenfelder etwas gegen ihre Probleme. Sie wollen im Mai auf ungewöhnliche Art und an ungewöhnlichen Orten auf die Menschen zugehen. Sie überlegen, morgens an der S-Bahn zu stehen und den Leuten ein Croissant mit auf den Weg zu geben, dazu eine Postkarte – mit einem Impuls auf der Vorderseite und auf der Rückseite mit der Einladung, dass man nachmittags, wenn sie zurückkommen, über den Impuls ins Gespräch kommen kann. Oder, andere Idee: Sie öffnen ein Café in einer Straße, die nach einer christlichen Persönlichkeit benannt ist – am Mutter-Teresa-Weg, an der Kolpingstraße oder am Piusweg. Und versuchen dort das, wofür diese Persönlichkeiten stehen, mit Passanten in unsere Zeit zu übersetzen. Oder, noch eine Idee: ein Grillstand an Markttagen in der Fußgängerzone, um Menschen zum Gespräch einzuladen und dabei auch den Mittagshunger zu stillen. Titel: „Ist der Glaube dir denn Wurst?“ 

„Wir wollen die Leute neugierig machen und kitzeln“, sagt der Pfarrgemeinderatsvorsitzende Antkowiak. Sein Kollege Klaas ergänzt, es gehe nicht darum, Mitglieder zu werben. Die Frage sei vielmehr: „Wie können wir euch gemeinsam etwas anbieten, was euer Leben in Einklang mit unserem Glauben reicher macht?“

 

Projekt soll die Gemeinde verändern

Auch die Gruppen der Gemeinde sollen ihre Treffen im Mai anders nutzen als sonst.  Der Kirchenchor etwa könnte über neue Liedformen diskutieren oder seine Probe in die Fußgängerzone verlegen. Oder darüber reden, wer sich in der Chorgemeinschaft wohlfühlt und warum.

Das Projekt soll die Gemeinde verändern, das zeigt schon sein Titel. „Die Kirchen machen zu“ soll provozieren. „Der Schlüssel bist du“ soll heißen, dass jeder helfen kann, die Kirche attraktiver zu machen. „Jeder soll motiviert werden, mit den kleinsten Ideen, die er hat, aktiv zu werden“, sagt Klaas. 

An Christi Himmelfahrt, Pfingsten und dem Sonntag dazwischen wollen die Organisatoren zeigen, wie neue Wege aussehen könnten. Sie planen drei besondere Gottesdienste – an Orten, an denen viele Menschen sind: am Fußballplatz, im Freibad oder im Park. Sie suchen einen neuen Geist, da erscheint Pfingsten ihnen als perfekter Abschluss des Projekts. „Wenn wir nicht mit einem richtig coolen Spirit aus dieser ganzen Nummer rausgehen, dann haben wir was falsch gemacht“, sagt Klaas. „Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir das hinkriegen werden.“

Weitere Informationen zu dem Projekt: www.kirchebleibt.de

Andreas Lesch