14.08.2019

Regierungschaos in Italien und die Kirche schweigt

Kaum ein Bischof will Salvini entgegentreten

Im italienischen Regierungschaos ist eine Stimme nicht zu hören: Die katholische Kirche hält sich zurück. Traut sie sich nicht und fürchtet, Gläubige zu vergraulen?

Foto: imago images/Marco Passaro/Independent Photo Agency Int.
Will Neuwahlen in Italien: Innenminister Matteo Salvini
Foto: imago images/Marco Passaro/Independent Photo Agency Int. 

Von Misstrauensvotum ist die Rede, von Neuwahlen, anderen parlamentarischen Koalitionen. Zum zweiten Mal binnen weniger Tage hat die Regierungskoalition aus Lega und Fünf-Sterne-Bewegung gegeneinander gestimmt: vergangene Woche die Lega gegen einen Antrag der "Fünf Sterne", das Eisenbahntunnelprojekt zwischen Turin und Lyon auf Eis zu legen, am Mittwoch die "Fünf Sterne" mit den Sozialdemokraten der PD gegen einen Antrag der Lega, schon jetzt Ministerpräsident Giuseppe Conte das Misstrauen auszusprechen und so den Weg zu Neuwahlen freizumachen.

Nach seiner Niederlage erklärte sich Lega-Chef Matteo Salvini bereit, die von den "Sternen" verlangte Verringerung der Abgeordnetenzahl anzugehen. Dann aber müsse sofort gewählt werden. Die Italiener sollten selbst entscheiden, wie es weitergehe, fordert Salvini seit Tagen bei abendlichen Kundgebungen an diversen Stränden des Landes. Dort halten sich die Italiener jetzt im August bevorzugt auf.

Angesichts solcher "Bade-Kundgebungen" häufen sich süffisante Meldungen darüber, welcher Politiker am besten gebräunt sei. Allein am Mittwoch in Genua, beim Gedenken an die Opfer des Brückeneinsturzes vor einem Jahr, trat für einen Moment Ruhe ein: Salvini und "Sterne"-Chef Luigi Di Maio einträchtig neben Conte und Staatspräsident Sergio Mattarella.

Nun soll Conte am 20. August erst einmal dem Parlament die aktuelle Lage erläutern. Unklar, ob er sich anschließend einem Misstrauensvotum stellen muss, ob zwei Tage später das Parlament gestutzt wird und ob es im Oktober Neuwahlen geben wird.

 

"Ein ohrenbetäubendes Schweigen" 

In all dem Chaos nicht zu vernehmen ist die katholische Kirche des Landes. Die einst einflussreiche Bischofskonferenz und ihr Vorsitzender, Kardinal Gualtiero Bassetti, scheinen abgetaucht. "Ein ungewöhnliches und ohrenbetäubendes Schweigen bei den Spitzen der italienischen Kirche", monierte am Mittwoch der Kirchenexperte der Zeitung "Il Fatto Quotidiano", Francesco Antonio Grana. Das sei mit Ausnahmen schon bei den Europawahlen so gewesen, ähnlich bei der Verschärfung des umstrittenen Sicherheitsgesetzes am 5. August.

Sollte es bald zu Neuwahlen kommen, fürchtet Grana erneutes Schweigen aus dem Walde der gut 230 Mitglieder der Bischofskonferenz. Der frühere langjährige Konferenz-Vorsitzende Kardinal Camillo Ruini wäre längst auf die Barrikaden gegangen und hätte Politikern wie Bürgern erklärt, wo es aus Sicht der Kirche langgeht. Doch die Zeiten haben sich geändert. Bei den Europawahlen stimmte die Mehrheit der praktizierenden Katholiken für Salvinis Lega.

Früher hätte einer wie Ruini noch den Ausgang von Wahlen beeinflusst. Doch sein Nach-Nachfolger Bassetti ist kein Don Camillo. In seiner Predigt zum Tag des Heiligen Laurentius am Samstag fand der zurückhaltend und mitunter unsicher auftretende Bassetti nur allgemeine Worte über Vertrauen und Zusammenarbeit. Es hat den Anschein, als wenn Bischöfe in Italien sich entweder nicht trauen, Sympathie für Positionen Salvinis zu äußern, oder sie fürchten, mit zu deutlicher Kritik an ihm noch mehr Menschen aus der Kirche zu vertreiben.

 

Papst Franziskus setzt Akzente

So war es Papst Franziskus, der am vergangenen Freitag in einem Interview mit "La Stampa" Akzente setzte. Er sei besorgt, "weil man Reden hört, die denen von Hitler 1934 ähneln: 'Zuerst wir. Wir ..., wir ...' - das ist ein Denken, das Angst macht", so der Papst. Namen brauchte er nicht zu nennen. Salvinis ständiges Credo: "Die Italiener zuerst", wurde von jedem mitgehört.

Die Vatikanzeitung "Osservatore Romano" berichtet zwar über die Entwicklungen in Italien, kommentiert sie aber nicht. In "Avvenire", der Zeitung der Italienischen Bischofskonferenz, erklärte Gastkommentator Mauro Leonardi am Mittwoch die derzeitige Krise mit dem Wahlkampfmodus, aus dem die Politik seit gut einem Jahr noch nicht herausgefunden habe. Als Beispiel zitiert er unrealistische Steuerversprechen Salvinis - ohne dessen Namen zu nennen.

Der Name des Lega-Chefs wurde in der Kirche Italiens zum Unaussprechlichen. Umgekehrt gibt der durch Umfragen und Sympathiekundgebungen gestärkte Salvini sich ungeniert religiös. Am Ende seiner abendlichen Strand-Kundgebungen küsst er demonstrativ den Rosenkranz. Und den Abstimmungssieg zum Sicherheitsdekret II sieht er als "schönes Geschenk zum Geburtstag der Madonna".

Am Donnerstag erreichen die italienischen Ferientage "Ferragosto" ihren Höhepunkt. Ob an dem damit verbundenen religiösen Festtag Mariä Himmelfahrt aus der Kirche etwas zur politischen Lage zu hören ist? Die heißen Tage von Rom jedenfalls werden Italien noch eine ganze Weile beschäftigen.

kna