27.11.2019

Friedensarbeit in Mosambik

Einsatz für den Frieden

Der Prophet Jesaja verkündet eine Zeit des Friedens: Die Völker werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und nicht mehr gegeneinander kämpfen. Mit Hilfe der Gemeinschaft Sant’Egidio ist das 1992 in Mosambik gelungen.

Foto: Sant'Egidio
Zwei Feinde reichen einander die Hand: Mosambiks Präsident Joaquim Chissano (rechts) und der Rebellenführer Afonso Dhaklama bei der Unterzeichnung des Friedensvertrages 1992 in Rom. Foto: Sant'Egidio


Der Bürgerkrieg in Mosambik war brutal: Er dauerte 16 Jahre, eine Million Menschen starben, 4,5 Millionen wurden vertrieben. Die Bevölkerung litt Hunger. Die Bauern bewirtschafteten die Felder nicht mehr, Dürren vernichteten den Rest. Die katholische Laiengemeinschaft Sant’Egidio wollte die Not lindern und schickte Nahrungsmittel und Medikamente in das südafrikanische Land.

Nach der Unabhängigkeit von Portugal 1975 standen sich in Mosambik zwei Gruppen feindlich gegenüber: Die Regierungspartei Frelimo, die das Land nach kommunistischem Vorbild umstrukturierte, und die Rebellengruppe Renamo. Sie lehnte die neue Politik ab und wollte die Regierung mit Gewalt zu Reformen zwingen: Sie zerstörte Fabriken, Schulen und Gesundheitszentren. Die Frelimo wiederum verwüstete Regionen, in denen sie Renamo-Anhänger vermutete. 

Ohne Frieden keine Zukunft für das Land

Weder die Regierungspartei noch die Rebellen waren aber militärisch stark genug, um den Gegner zu besiegen. Den Vertretern von Sant’Egidio war klar: Damit Mosambik sich entwickeln kann, braucht das Land Frieden. Durch die Entwicklungshilfe hatte die Gemeinschaft das Vertrauen der Regierung gewinnen können. Es gelang ihnen auch, Kontakt zu den Rebellen aufzunehmen.

Am 8. Juli 1990 trafen sich die Feinde erstmals im Kloster von Sant’Egidio in Rom. Ein Satz von Papst Johannes Paul II. wurde dort zur Grundlage für die Verhandlungen: „Wir müssen eher das suchen, was uns verbindet, als das, was uns trennt.“ Die Gespräche sollten kein Tribunal gegenseitiger Schuldzuweisungen werden, sondern ein Neustart. Sant’Egidio gelang, womit keiner gerechnet hatte: Die beiden verfeindeten Gruppen akzeptierten die Gemeinschaft als Vermittler – auch weil Sant’Egidio keine politischen oder wirtschaftlichen Interessen in Mosambik hatte.

Dieter Wenderlein aus Würzburg erinnert sich gut an diese Zeit. Damals hatte er sich gerade der Laiengemeinschaft angeschlossen; heute organisiert er für Sant’Egidio Hilfsprojekte in Mosambik. Es sei für ihn unglaublich gewesen, dass Laien, die keine Übung in Diplomatie und Politik hatten, einen so lange dauernden Bürgerkrieg beenden konnten, sagt Wenderlein. „Das zeigt doch, wie viel Kraft die Kirche haben kann, wenn sie bereit ist, für den Frieden zu arbeiten. Wenn wir als kleine Bewegung eine solche Rolle spielen konnten, wie viel mehr könnten die Christen gemeinsam erreichen.“ 

Die Gespräche in Rom waren höflich, aber distanziert. Zumindest in der ersten Zeit gab es keine informellen Treffen und keine Drinks an der Hotelbar. Einzig ein Händedruck vor jeder Gesprächsrunde zeigte, dass beide Parteien sich respektierten. „Die Frelimo lernte, die Renamo nicht länger als Terroristen zu sehen, sondern erkannte sie im Laufe der Verhandlungen als politischen Gegner an“, sagt Dieter Wenderlein. „Die Renamo hat gleichzeitig den Übergang von einer blutrünstigen Busch-Guerilla zu einer politischen Partei geschafft. Das waren entscheidende Fortschritte hin zum Frieden.“

Die Vermittler brauchten viel Geduld. Oft wurde stundenlang über einzelne Textabschnitte gestritten. Häufig war es nur ein Satz, mit dem beide Seiten einverstanden waren. Die Verhandlungen dauerten 27 Monate, aber eine schnellere Lösung hätte langfristig nichts genutzt: Frelimo und Renamo mussten vom Vertrag überzeugt sein, damit der Friede stabil ist.


„Die Aussagen von Jesaja sind keine leeren Worte“

Bis zum Schluss war unklar, ob es eine Einigung geben würde. Doch am 4. Oktober 1992 besiegelten Staatspräsident Joaquim Chissano und der Rebellenführer Afonso Dhaklama mit ihrer Unterschrift den Friedensvertrag. Die Menschen in Mosambik feierten. Es gab keine Rache-Aktionen und Versöhnungsriten halfen, Trauer und Wut zu verarbeiten. „In Mosambik wurden wirklich Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet“, sagt Dieter Wenderlein. „Die Aussagen von Jesaja sind keine leeren Worte. Der Frieden in Mosambik zeigt, dass das zur Wirklichkeit werden kann.“

Und dennoch war dieser Friede brüchig. „Die Regierungspartei durchdringt den Staat und die Verwaltung. Es gibt irrsinnige Korruptionsskandale“, sagt Wenderlein. Außerdem hatte die Renamo bis zu den letzten Wahlen im Oktober nicht das Recht, trotz Wahlsiegen in einigen Provinzen, die lokalen Gouverneure zu ernennen.

Die Renamo fiel deshalb 2013 in alte Muster zurück: Sie versuchte, ihre berechtigten politischen Forderungen nach mehr Föderalismus mit Gewalt durchzusetzen. Heckenschützen verübten Attentate und Renamo-Milizen überfielen Militärbasen. Die Rebellen drohten gar, den Vertrag von Rom aufzukündigen. Einer internationalen Gruppe von Vermittlern, in der auch Sant’Egidio für die EU vertreten war, gelang es 2016 erneut, beide Parteien an einen Tisch zu bringen. „Das ist ein elementarer Punkt: Die Gegner dürfen nie aufhören, miteinander reden. Vermittler müssen erreichen, dass der Dialog nicht abbricht“, sagt Wenderlein.

In den vergangenen Jahren verhandelten die Regierung und die Rebellen alleine. Sie haben gelernt, dass Frieden nur gelingen kann, wenn sie die Waffen ruhen lassen und miteinander sprechen. Im August haben sie ein Abkommen unterzeichnet, das die Demilitarisierung und die Eingliederung der Renamo-Miliz in das Militär regelt. Der Frieden hat eine neue Chance in Mosambik bekommen. Dieter Wenderlein ist optimistisch. „Das Land hat in den letzten Jahren unglaubliche Fortschritte gemacht: Die Wirtschaft wächst, die Säuglingssterblichkeit ist gesunken, es müssen keine Menschen mehr fliehen“, sagt er. „Jetzt kommt es auf die politische Klasse an. Hoffnung macht, dass die politischen Führer gezeigt haben, dass sie zum Dialog fähig sind.“

Kerstin Ostendorf