30.08.2018

Altbischof Joachim Reinelt zu den Übergriffen in Chemnitz

"Ein harter Schlag für diese Stadt"

Die Christen müssen sich nach Auffassung von Dresdens katholischem Altbischof Joachim Reinelt eindeutig vom Extremismus distanzieren. Sie müssten sich entscheiden, "auf welche Seite sie sich stellen", sagte Reinelt im Interview  zu den Vorfällen von Chemnitz. Reinelt leitete von 1988 bis 2012 das Bistum Dresden-Meißen.

Foto: kna
Joachim Reinelt war von 1988 bis 2012 Bischof von Dresden.
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Herr Bischof, die rechtsextremistischen Ausschreitungen in Chemnitz haben viele Menschen schockiert. Wie geht es Ihnen damit?
Es ist immer traurig, wenn solche Menschen in Aktion treten. Dass es jetzt ausgerechnet Chemnitz getroffen hat, ist auch typisch. Die Rechtsextremisten wechseln die Orte, um sich überall präsent zu machen. Das ist ein harter Schlag für diese Stadt. Aber ich schätze, dass 95 Prozent der Chemnitzer damit nichts zu tun haben. Den Rest werden wir wahrscheinlich nie ganz überzeugen können für das Gute.


Wird der Einfluss der Rechtsextremisten in Sachsen richtig eingeschätzt?
Jeder vernünftige Politiker fürchtet diesen schrecklichen Einfluss, aber zugleich wird mehr dagegen getan, als es scheint. Die Radikalen sind aber schwer zu greifen. Sie sind untereinander gut organisiert und plötzlich da. Man müsste einen riesigen Geheimdienst entwickeln, um sie ständig im Blick zu haben.


Teilen Sie den Eindruck, dass der Widerstand dagegen aus der Gesellschaft schwach ist?
Das stimmt so nicht, weil es auch viele Gegendemonstranten gibt. Aber sie sind nie so spektakulär wie ein gewaltiger Auftritt der Rechtsextremisten mit großem Geschrei.


Inwieweit gibt es rechtsradikales Denken auch bei Christen?
Bei einzelnen auch. Das ist doppelt traurig, denn wir haben als Christen keinen Grund zum Extremismus. Wir versuchen, auch die zu verstehen, die entgleist sind. Das sind keine Teufel, sondern Menschen auf einem Irrweg.


Was können die Kirchen tun?
Wir müssen unseren Gemeinden dabei helfen, zu einem vernünftigen Urteil über den Rechtsextremismus kommen. Christen müssen deutlich machen, auf welche Seite sie sich stellen. Sie müssen für den Frieden eintreten und nicht für Extremismus.


Caritas und Diakonie haben einen guten Ruf auch bei Nichtchristen. Was können die christlichen Wohlfahrtsverbände tun?
Sie müssen sich vor allem um die Jugendlichen kümmern, die Orte brauchen, wo sie sich treffen können. Rechtsextremisten haben es vor allem außerhalb der großen Städte ausgenutzt, wenn andere den Jugendlichen keine Angebote gemacht haben.


Trifft der Vorwurf zu, dass die Landespolitik in Sachsen zuwenig dagegen unternommen hat?
Es wird immer so sein, dass vorher zu wenig getan wurde, wenn es zu solchen Übergriffen kommt. Derartige Phänomene gibt es doch von Moskau bis Portugal. Man sollte sich auch davor hüten, den Rechtsextremisten durch überzogene Kritik an den Politikern zu viel Bedeutung einzuräumen. Das bestärkt sie nur, noch stärker aufzutreten.


Erhebt die Kirche in der Debatte um den Rechtsextremismus laut genug ihre Stimme?
Sie könnte stärker sein, aber das ist auch sehr problematisch. Unter den Parteien und selbst innerhalb der Parteien gibt es dazu unterschiedliche Positionen. Die Kirchen sollten sich davor hüten, nur für eine Seite Stellung zu beziehen. Ihre parteipolitische Neutralität in Deutschland ist eine positive Entwicklung. Wir machen keine Politik, wir können Politiker nur unterstützen.

kna