20.12.2019

Rabbiner Homolka zur neuen jüdischen Militärseelsorge

Getilgtes Unrecht und neues Vertrauen

In Berlin wurde der Staatsvertrag für die Einführung einer jüdischen Militärseelsorge unterzeichnet. Rabbiner Walter Homolka ist Rektor des Potsdamer Abraham Geiger Kollegs und Oberstleutnant der Reserve. Im Interview spricht er über die Bedeutung des Staatsvertrag und das lange Zeit schwierige Verhältnis zwischen deutschen Streitkräften und der jüdischen Gemeinschaft.

Foto: kna/Harald Oppitz
Begrüßt die pluralistisch aufgestellte Militärseelsorge: Rabbiner Walter Homolka. Foto: kna/Harald Oppitz


Herr Rabbiner Homolka, es war ein langes Stück Arbeit, wie man hört. Sind Sie erleichtert, dass es nun schon bald jüdische Militärseelsorger geben wird?
Distanz und Misstrauen sind einem entspannten Miteinander gewichen. Früher ging es vorrangig um Gedenken und Aufarbeitung von Diskriminierung und Zurücksetzung. In den letzten 15 Jahren kam es zu einer Orientierung nach vorne. Als Reservestabsoffizier bin ich erleichtert, dass sich heute jüdische Bundeswehrangehörige auf Augenhöhe mit ihren Kameradinnen und Kameraden begegnen. Seit etwa zwei Jahren lag das Thema nun in der Luft. Im April 2019 einigten sich der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, und die damalige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen über die Wiederaufnahme im Grundsatz. Seitdem ist es dem Zentralrats-Geschäftsführer Daniel Botmann gelungen, mit Bundesministerin Annegret Kramp-Karrenbauer den strukturellen Rahmen zu bauen und einen Militärseelsorgevertrag auszuhandeln, der es dem liberalen und orthodoxen Judentum erlaubt, in der Militärseelsorge mitzuwirken. Ich halte diese Erweiterung für einen Paradigmenwechsel. Militärseelsorge wird künftig pluralistisch gestaltet werden.


Warum hat die Einführung so lange gedauert? Sah man von staatlicher Seite keine Notwendigkeit?
Das Verhältnis zwischen den deutschen Streitkräften und der jüdischen Gemeinschaft war seit den Befreiungskriegen gegen Napoleon sehr belastet. In der Vergangenheit waren Juden in Friedenszeiten zumal als Offiziere nicht gerne gesehen. Reichsaußenminister Walther Rathenau hat aus seiner vergeblichen Kandidatur als Reserveoffizier noch in der Weimarer Republik den Schluss gezogen, man bleibe als Jude eben Staatsbürger zweiter Klasse. In Kriegszeiten haben Juden ihre Pflicht oft übererfüllt, die Anerkennung blieb ihnen aber versagt.


Aber jüdische Militärrabbiner gab es doch schon mal.
Im Ersten Weltkrieg wurden jüdische Soldaten erstmals von Feldrabbinern betreut und begleitet. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestanden zwischen Bundeswehr und jüdischer Gemeinschaft lange Vorbehalte. Gegen die Sprachlosigkeit wirkten zahlreiche Einsätze deutscher Soldaten in den letzten Jahrzehnten zur Sicherung und Wiederherstellung jüdischer Friedhöfe. Seit ungefähr 15 Jahren machten angehende Rabbiner dann Praktika bei den beiden großen Kirchen, um sich dem Thema Militärseelsorge anzunähern. 2006 entstand der Bund Jüdischer Soldaten, 2010 brachte das Zentrum Innere Führung der Bundeswehr eine Handreichung für Jüdische Soldaten heraus und im gleichen Jahr bekam der Zentralrat der Juden einen Sitz im Beirat Innere Führung der Bundeswehr. Die Wiederaufnahme der jüdischen Militärseelsorge fußt also auf einer ganzen Reihe von Schritten in die richtige Richtung.


Welche Bedeutung hat die Einführung von jüdischen Militärrabbinern für das Judentum in Deutschland?
Es tilgt meines Erachtens das Unrecht, das Juden in deutschen Armeen früher erfahren mussten. Die Wiederaufnahme der jüdischen Militärseelsorge durch den Zentralrat der Juden in Deutschland zeigt: Die jüdische Gemeinschaft hat Vertrauen in die Bundeswehr als einer pluralistischen, demokratischen Armee. Und: Wir Juden haben vor, dieses Gemeinwesen in all seinen Aspekten mitzugestalten.


Was erwidern Sie denjenigen, die sagen: "Für bundesweit nur 300 jüdische Soldaten braucht es doch keine eigenen Seelsorger."
Deutsche Militärseelsorgerinnen und -seelsorger sind für alle Soldatinnen und Soldaten da, auch für die anderer Religion oder ohne Bekenntnis. Andere Länder wie die USA, Frankreich oder die Niederlande haben es uns mit ihren Militärrabbinern vorgemacht. Militärseelsorger gleich welcher Denomination haben ein offenes Ohr und sichern die freie Religionsausübung aller. In Deutschland geben Militärseelsorger außerdem den weltanschaulich neutralen lebenskundlichen Unterricht. Es ist ein gutes Zeichen, dass hier nun auch Rabbiner sichtbar ihren Dienst leisten. Ich freue mich, dass darunter Absolventen des Abraham Geiger Kollegs sein werden, weil die jüdische Militärseelsorge paritätisch von liberalen Rabbinern zusammen mit ihren orthodoxen Kollegen geleistet werden soll. Hier sind sich Union progressiver Juden in Deutschland und der Zentralrat der Juden in Deutschland einig.


Sie selbst sind Oberstleutnant der Reserve und kennen die Truppe in Teilen: Inwieweit ist Antisemitismus dort ein Thema?
Ich habe persönlich in der Bundeswehr nie Antisemitismus erlebt. Wie in allen gesellschaftlichen Gruppen schließe ich ihn aber auch unter Soldaten nicht grundsätzlich aus. Bundeswehrrabbinerinnen und -rabbiner werden das Signal geben: Unsere Armee dient einer pluralistischen Gesellschaft und ist offen für alle, die auf der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen.


Gibt es besondere religiöse Fragen und Themen, die jüdische Soldaten umtreiben?
Im Bereich von Kämpfen, Töten und Sterben gibt es eine ganze Reihe von wesentlichen Fragen, die uns Menschen umtreiben. Da nehme ich uns Juden nicht aus. Es ist wichtig, dass jüdischen Soldatinnen und Soldaten hier ihre eigene Tradition begegnet. Die jüdische Stimme soll in diesen ethisch-moralischen Abwägungen gehört werden.


Gibt es in der jüdischen Community noch Stimmen, die vor dem Hintergrund der Schoah sagen: "Als Jude deutscher Soldat werden, das geht gar nicht."
Es mag sie geben. Der Militärseelsorgevertrag zwischen Deutschland und dem Zentralrat der Juden bedeutet aber, dass die Jüdische Gemeinschaft und die Bundeswehr vertrauensvoll in die Zukunft blicken. Ich empfinde das als einen großen Schritt nach vorne und sehe breite Zustimmung dafür innerhalb des deutschen Judentums und auch im Ausland.

kna