26.10.2018

Fröhliches Totengedenken

Wenn Skelette auf der Straße tanzen

Party auf den Straßen: Jedes Jahr zu Allerheiligen und Allerseelen gedenken mit einem schrillen Umzug ihrer Toten.

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Mit Totenköpfen und bunten Kostümen: In Austin wird seit Jahren der Dia de los Muertos gefeiert. Foto: kna

Jedes Jahr um Allerheiligen und Allerseelen ist auf den Straßen im texanischen Austin Party angesagt: Wenn die amerikanischen Mexikaner beim Dia de los Muertos ihrer Toten gedenken, geht es alles andere als traurig zu. Herzstück ist ein großer Umzug, der in der texanischen Hauptstadt besonders schrill zelebriert wird. Aztekische Trommler und Tänzer erinnern dabei an die vorkolumbianischen Traditionen des "Tages der Toten". Riesenraupen, Rollschuhfahrer und schräge Blaskapellen geben sich ein fröhliches Stelldichein.

Rund 40 Prozent aller Texaner haben mexikanische Wurzeln. Dieses Erbe wird beim Dia de los Muertos in Austin farbenfroh gefeiert. Traditionell schmücken die Mexikaner ihre Gräber und errichten Altäre, die sie mit besonderen Speisen und anderen Liebesgaben dekorieren. Hierdurch sollen die Seelen der Toten für kurze Zeit zurückgeholt werden.

Schon vor 3.000 Jahren brachten die Azteken ihren Vorfahren als Teil ihrer Totenrituale Opfer dar. Nach der aztekischen Tradition wurden die Verstorbenen jedoch nicht um Allerheiligen, sondern im Sommer geehrt. Als die Spanier im 16. Jahrhundert Mexiko missionierten, versuchten sie, Traditionen der Ureinwohner mit katholischer Überlieferung zusammenzuführen. Dies sollte die Akzeptanz des katholischen Glaubens erhöhen. So wurde das Totengedenken an den Novemberanfang verlegt. In Amerika hat sich der Brauch verbreitet, den Tag zusätzlich mit großen Umzügen und Straßenfesten zu feiern.

 

Festival mit 10.000 Teilnehmern

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Schrille Kostüme: Olivia Tamzarian
arbeitet im Mexic-Arte Museum. Foto: kna

Das Mexic-Arte Museum in Austin organisiert seit 35 Jahren das Festival "Viva la Vida!" ("Es lebe das Leben!"). Mit mehr als 10.000 Teilnehmern ist es den Angaben zufolge das größte und langlebigste "Dia de los Muertos"-Fest in Austin. Die Innenstadt sprudelt dabei über vor Lebensfreude: Musik, Tanz, mexikanisches Essen, und überall Skelette, die genau das tun, was auch die Lebenden machen: Radfahren, Gitarre spielen, Spaß haben.

Allen voran "La Catrina", die Personifizierung des Dia de los Muertos, ein weibliches Skelett. Es ist die Kreation von Jose Posada, einem Kupferstecher. Er veröffentlichte Anfang des 20. Jahrhunderts politische Karikaturen mit Skeletten, in denen er sich über die mexikanische Oberschicht lustig machte, die versuchte, europäisches aristokratisches Verhalten nachzuahmen.

Posadas Werke galten als erster Ausdruck der typischen mexikanischen Kunst, die später mit Diego Rivera und Frida Kahlo, zwei der bekanntesten mexikanischen Künstler der Gegenwart, ihren Höhepunkt fand. Und so finden sich auch häufig Darstellungen der Catrina von Rivera in den Umzügen; aber auch Verkörperungen von Frida Kahlo und Diego Rivera selbst sind zu sehen, meist zusammen mit ihren Xolo-Hunden.

Diese mexikanischen Nackthunde begleiten Menschen seit aztekischer Zeit. Xolos, die zu den ältesten Hunderassen der Welt zählen, haben eine mystische Bedeutung. Ihnen werden besondere Heilkräfte zugesprochen. Nach der aztekischen Mythologie war der Xolo der Hund des Gottes Xolot und begleitete die Menschen nach ihrem Tod in das Reich des Todes. Weil Xolos heutzutage sehr selten sind, sieht man bei den Umzügen meist verkleidete Chihuahua-Hunde, die ihnen ähnlich sehen.

 

Dia de los Muertos als Bestandteil der mexikanisch-amerikanischen Identität

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Ein traditionelles Kostüm: Eine weiß gekleidete Frau mit
einer Totenkopfmaske trägt das Kostüm "La Catrina".
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In den 1950er und 60er Jahren wurden die Feierlichkeiten zum Dia de los Muertos immer mehr säkularisiert und kommerzialisiert. In den 60er und 70ern stärkte sich aber auch das Selbstbewusstsein der in Amerika lebenden Mexikaner und ihrer Nachfahren, den "Chicanos". Im Zuge der Bürgerrechtsbewegung gewannen sie ein neues Selbstvertrauen. Ausdruck dieser Bewegung sind "Lowrider"-Autos - bewusst tiefergelegte Autos, die inzwischen oft zum Dia de los Muertos zu sehen sind und die Chicano-Bewegung symbolisieren.

Heute wird der Dia de los Muertos als wesentlicher Bestandteil der mexikanisch-amerikanischen Identität gepflegt. Die Unesco hat ihn 2008 auf ihre Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit gesetzt. In Austin hat der Tag der Toten mit all seinen skurrilen Details einen idealen Ort gefunden. Denn das Motto der Stadt lautet: "Keep Austin Weird!" ("Sorgt dafür, dass Austin schräg bleibt!").

kna