28.06.2019

Theologe Michael Seewald über mögliche Reformen in der Kirche

"Argumente statt Autorität"

In seinem neuesten Buch "Reform - Dieselbe Kirche anders denken" geht der Münsteraner Dogmatiker Michael Seewald der Frage nach, an welchen Stellen sich die katholische Kirche verändern kann und an welchen nicht. Dabei will Deutschlands jüngster Theologieprofessor (31) bewusst nicht auf die aktuellen Debatten eingehen, sondern die grundlegenden Fragen nach Veränderungen in der kirchlichen Lehre unter die Lupe nehmen.

Foto: kna/Harald Oppitz
Protest für die Abschaffung des Zölibats: Abseits dieser aktuellen Debatten versucht der Theologe Michael Seewald in seinem neuen Buch zu zeigen, welche Reformen in der Kirche möglich wären. Foto: kna/Harald Oppitz


Professor Seewald, in den aktuellen Reformdebatten heißt es oft, dieses oder jenes sei aber nicht verhandelbar in der katholischen Kirche. Was ist nicht verhandelbar?
Ich bin auch davon überzeugt, dass die Glaubenslehre nicht beliebig verhandelbar ist. Aber was im Einzelnen wandelbar ist und was nicht, lässt sich nicht statisch festlegen. Denn eine reine Dogmatik gibt es nicht. Religion verbindet sich immer mit anderen, nicht religiösen Faktoren, etwa philosophischen Theorien, naturwissenschaftlichen Erkenntnissen oder politischen Interessen. Die Glaubenslehre geht Verflechtungen ein und wurde daher auch immer wieder von manchem entflochten - und zwar auch von dem, was vergangene Generationen als unentbehrlich betrachtet haben mögen. Man kann eben nie trennscharf den Kern von der Schale lösen.


Und was ist wirklich nie verhandelbar?
Ich kann Ihnen nur sagen, was ich mir als nicht verhandelbar vorstelle. Die Kirche versteht sich als Gemeinschaft in der Nachfolge Jesu. Sie hat den Gott, der sich in Jesus ein menschliches Gesicht gegeben hat, in Wort und Tat zu verkünden. Würde sie das einstellen, käme es einem Verlust ihrer Identität gleich. Dass sich aber eine kirchlich anerkannte Gestalt der Christologie herausbildet, die wir uns noch gar nicht vorstellen können und die wir heute vielleicht gar häretisch fänden, lässt sich nicht ausschließen.


Ihr neues Buch heißt "Reform. Dieselbe Kirche anders denken." Heißt das, die Kirche kann sich ändern und trotzdem dieselbe Kirche bleiben?
Ja. Die Kirche unserer Zeit leidet unter einem verengten Selbstverständnis. Ob die Kirche sich und ihrer Sendung treu bleibt, wird an einem äußerst kleinkarierten Maßstab gemessen. Das war nicht immer so, ist heute aber ein großes Problem, weil es die Kirche lähmt. Jede Veränderung, die in den vergangenen Jahren diskutiert wurde, seien es nun Fragen des Kommunionempfangs, sei es die Ächtung der Todesstrafe durch Papst Franziskus oder seien es die Debatten um Geschlechterrollen in der Kirche - immer ist es interessierten Gruppen gelungen, kleine Veränderungen als großen Bruch aufzubauschen. Oft genug hat sich das Lehramt dieser dogmatischen Panikmache angeschlossen.


Sie schreiben, die Kirche reklamiere in zu vielen Fragen eine Unfehlbarkeit, die gar nicht mit Argumenten zu begründen sei, und behaupte zu häufig, das oder das sei "schon immer" so oder so gewesen.
Wenn ich höre, etwas sei "schon immer so" gewesen, bin ich doppelt skeptisch. Denn erstens sind solche Behauptungen oft einfach falsch und zweitens muss man selbst dort, wo sie stimmen, die Frage stellen, warum aus dem Argument, "es war schon immer so", folgen sollte, dass etwas auch künftig so bleiben muss. Bei näherem Hinsehen hat sich die Lehre der Kirche im Laufe der Zeit deutlich geändert und sich selbst auch korrigiert.


Wo zum Beispiel?
Ich unterscheide drei Arten dogmatischer Entwicklung. Am eindeutigsten ist der "Autokorrekturmodus": Man hat eingesehen, dass eine Lehre der Korrektur bedarf, tut das und benennt es auch offen. Ein gutes Beispiel ist die Amtstheologie von Papst Pius XII., der sowohl die Form als auch die Materie des Weihesakramentes im Vergleich zur damals geltenden Theologie und Praxis verändert hat. Das ist alles andere als eine Kleinigkeit. Denn was könnte es in der katholischen Kirche Wichtigeres geben als das Amt? Übrigens rechtfertigte Pius XII. diese Entscheidung mit einem interessanten Argument: "Alle wissen, dass die Kirche, was sie festgelegt hat, auch verändern und abschaffen kann", sagte der Papst.


Sie haben drei Wege genannt. Was sind die beiden anderen?
Es gibt auch dogmatische Entwicklungen, die durch bewusst eingeleitetes Vergessen zustande kommen. Pius XII. hatte noch 1950, als jedem Biologen der Unsinn dieser Behauptung schon klar war, verbindlich gelehrt, dass Adam und Eva historische Persönlichkeiten seien, von denen alle Menschen abstammen. Spätestens seit Paul VI. ist diese Lehre verschwunden. Im Katechismus von 1992 taucht sie gar nicht mehr auf. Und als dritten Modus dogmatischer Entwicklung untersuche ich Strategien der Innovationsverschleierung. Gelegentlich lehrt die Kirche etwas Neues und korrigiert sich selbst, deklariert das Neue aber als alt und verdeckt so die vorgenommene Korrektur.


Zum Beispiel?
Denken Sie an die Position zur Religions- und Gewissensfreiheit. Hier hat das Zweite Vatikanische Konzil eine Wende im Vergleich zu dem vollzogen, was seit der Spätantike galt und seit dem 18. Jahrhundert von den Päpsten nachdrücklich gelehrt wurde. Heute tun einige Theologen so, als habe die Kirche die Menschenrechte quasi erfunden und sei schon immer für Gewissensfreiheit eingetreten. Das ist grotesk und nur möglich, wenn man die eigene Kurskorrektur durch Innovationsverschleierung verdeckt.


Wo sehen Sie die Rolle der Theologie in solchen Debatten?
Ein Theologe beschäftigt sich kritisch mit der Kirche, der er selbst gläubig angehört. Es wird von kirchlicher Seite immer wieder versucht, der Theologie Denk- und Sprechverbote zu erteilen. Damit schießt man nur ein Eigentor. Mich überrascht es immer wieder, dass die Religion des Logos, als die sich das Christentum gerne sieht, so viel Angst vor einem vernünftigen Ringen um das beste Argument hat. Gerade dort, wo die Theologie kritisch ist, erfüllt sie ihren kirchlichen Auftrag.


Andere sagen wiederum, wer Reformen in der Kirche fordere, hechle dem Zeitgeist hinterher. Ist das so?
Zeitgeist ist weder gut noch schlecht, sondern ein nichtssagender Begriff. Es kommt darauf an, dass man in allem, auch in Glaubensfragen, gute Argumente aufbietet für das, was man vertritt.


Was empfehlen sie demnach für die aktuellen Debatten, die jetzt anstehen?
Argumente statt Autorität. Das klingt trivial, wäre aber - gemessen an dem Niveau, auf dem die katholische Kirche gerade diskutiert - ein gigantischer Fortschritt. Mir scheint diese Kirche derzeit wie gelähmt. Mein Buch ist letztlich ein Essay, der versucht, den Gründen dieser Krise nachzugehen, und der andeutet, dass man die Kirche theologisch auch anders denken kann, als es derzeit geschieht.

kna