11.12.2019

Nach schlimmen Erlebnissen neues Vertrauen fassen

Der Blick nach vorne

„Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie“, schreibt der Prophet Jesaja. Aber wie können Menschen, die Schlimmes erlebt haben, wieder Vertrauen finden? Ein Besuch bei syrischen und irakischen Christen in Berlin.

Foto: Andreas Kaiser
Fadi (Mitte) stammt aus Homs, einer einstigen Hochburg des IS. Von dort wurde er wegen seines christlichen Glaubens vertrieben. In einer Berliner Gemeinde fand er neue Hoffnung.  Foto: Andreas Kaiser


Der Abend beginnt mit einem arabischen Lied. Fadi klopft den Takt auf seinen Schenkeln mit, seine Augen strahlen. Es sind vor allem Loblieder und Gottesdank, in denen, so könnte man meinen, die „Befreiten“ die blühende Wüste, die Pracht des Herrn besingen. 

Fast so wie das einst der ­Prophet Jesaja beschrieben hat. „Wir haben hier eine neue Familie gefunden“, sagt der Syrer und lacht. Nichts deutet in diesem Moment auf das harte Schicksal hin, das alle hier hinter sich haben. Den Krieg, die vielen Toten, den Verlust der Heimat. Fadi, ein Rechtsanwalt, der sich in Deutschland als Arbeiter über Wasser hält, scheint den ganzen Abend fröhlich zu sein. „Der Blick nach hinten bringt doch nichts“, sagt er.

Ein Zurück kam für ihn nie infrage

Einmal in der Woche kommen in Berlin 10 bis 20 orientalische Christen zu einem Bibelabend zusammen. Bei den Gottesdiensten sind es oft mehrere hundert. Allesamt Menschen, die aus dem Irak oder Syrien vertrieben wurden. Fadi stammt aus Homs, einer einstigen Hochburg des IS.

Mariam floh aus dem Irak. Mehr aber möchte die junge Ärztin nicht sagen. Aus Sorge um ihre Verwandten, die noch geblieben sind. Im Gegensatz zu Fadi wirkt sie meist ernst und mustert ihren Gesprächspartner zuweilen mit messerscharfem Blick. So als erwarte sie überall einen Hinterhalt, einen Feind. „Es gab für uns Christen nur drei Möglichkeiten. Entweder zum Islam konvertieren, getötet werden oder Schutzgeld zahlen“, sagt Mariam. 

Vor gut drei Jahren wurde Fadi ins Gefängnis gesperrt, weil er sich weigerte, für Assads Armee zu kämpfen. Nach einer Schmiergeldzahlung kam er frei und floh. Am schlimmsten war die Fahrt in dem überfüllten Schlauchboot nach Griechenland. Mit 40 Menschen in einem kleinen Lkw eingepfercht, ging es nach Deutschland. Im Gepäck immer die Angst, dass die Fluchthelfer ihn einfach erschießen könnten. Denn bewaffnet waren die immer.

Doch ein Zurück kam nie infrage. Bei einem Raketenangriff auf Homs war sein kleiner Bruder schwer verletzt worden, bis heute hat er zig Metallsplitter im Leib. „Immer mal wieder erschossen muslimische Milizen gezielt Leute. Ein Nachbarmädchen wurde vor den Augen der Eltern vergewaltigt. Anschließend wurde die gesamte Familie ermordet.“

Mariam hat Ähnliches erlebt. Hilflos musste sie mit ansehen, wie aus Nachbarn plötzlich Mörder und Vergewaltiger wurden. Ihr trauriger Blick macht klar: Das sind keine Geschichten aus der Zeitung. Sondern Erlebnisse hautnah. Auf die Frage, wie man das aushält, antworten Fadi und Mariam unisono: „Gar nicht. Nur abhauen hilft.“ Für ihre Heimat haben beide keine Hoffnung mehr. Nur noch für sich selbst. 

Beide sprechen, obwohl sie erst drei Jahre in Deutschland leben, erstaunlich gut Deutsch. Geholfen, hier anzukommen, hat ihnen Amill Gorgis, ebenfalls ein gebürtiger Syrer, der seit mehr als 40 Jahren in Berlin lebt. Mehr als 100 Menschen hat der pensionierte Ingenieur inzwischen betreut. Füllte mit den Neuankömmlingen Formulare aus. Half bei der Arbeits- und Wohnungssuche. Auf die Frage, was sie ohne Gorgis getan hätten, antwortet Fadi: „Dann hätten wir vielleicht unsere Hoffnung verloren.“

„Hau ab“ steht auf einem Drohbrief

Trotzdem war der Start in Deutschland nicht leicht. Viel zu tief saß der Schock über das Erlebte. Fast anderthalb Jahre war Mariam „zu nichts imstande“, wurde depressiv, wollte nicht einmal Deutsch lernen. Nicht, weil sie etwas gegen ihre neue Heimat hatte, sondern weil die Vergangenheit viel zu schwer wog. Immer wieder sagte sie sich, „das Leben geht weiter“ – und stand irgendwann auf, büffelte Deutsch und wiederholte Teile ihrer Ausbildung, damit sie hier als Ärztin zugelassen werden konnte.

Überstanden hat sie den Krieg auch wegen ihres Glaubens: „Wenn man auf Gott schaut, dann geht es irgendwie.“ Mariam betet viel, fragt Gott um Rat, wie sie sagt. Nach einer Weile fügt sie hinzu: „Gott sagt zu gläubigen Menschen nie Nein.“ Dabei wird ihr Blick energisch. So als dulde sie keinen Widerspruch. Inzwischen arbeitet Mariam in einer Klinik als Fachärztin für Geriatrie. Von einem palästinensischen Kollegen wird sie geschnitten. Nachdem er erfahren hatte, dass sie Christin ist, beschimpfte er sie nur. Aus Neukölln hält sie sich fern, nachdem sie gehört hat, dass dort ganze Straßenzüge arabisch geprägt sind. „Ich halte den Hass nicht aus, der mir von vielen Muslimen entgegenschlägt.“ Fadi erzählt, dass er von Deutschen drangsaliert wurde, und zeigt dem Reporter einen Drohbrief. „Hau ab!“, steht da. 

Halt fanden Mariam und Fadi, die aus Furcht vor Übergriffen ihre Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchten, in der syrisch-orthodoxen Gemeinde Berlins. Ja, das sei fast so, wie das bereits Jesaja beschrieben habe, sagen sie. Die schlaffen Hände wurden allmählich wieder stark. Anstelle des Verzagens trat nach und nach Mut. Als Mariam, die jedes Vertrauen verloren hatte, das erste Mal wieder lachen konnte, war „das für mich das schönste Geschenk“, erzählt ihr Helfer Gorgis. 

Auch wenn Fadi in Deutschland nicht als Rechtsanwalt arbeiten darf, hat er hier, wie er sagt, „Erfolg gefunden“. Er fand Arbeit, eine neue Wohnung. Inzwischen hat er eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. „Hauptsache ist doch, wir leben. Ein neuer Anfang heißt neue Hoffnung, so einfach ist das“, sagt Fadi und strahlt wieder. 

Andreas Kaiser