27.11.2018

Klima-Experte Ottmar Edenhofer im Interview

"Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben"

Der Sozialwissenschaftler Ottmar Edenhofer erhofft konkrete Maßnahmen von der nächsten UN-Klimakonferenz im polnischen Katowice. Sonst werde die Staatengemeinschaft "verantwortlich für zunehmende Klimaschäden etwa durch Extremwetter und letztlich für menschliches Leid", so Edenhofer im Interview. Der Co-Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung nimmt an dem Treffen teil, das vom 3. bis 14. Dezember stattfindet.

Foto: kna
Nimmt an dem Treffen in Katowice teil: der deutsche Klimaforscher Ottmar Edenhofer
Foto: kna


Herr Professor Edenhofer, was erwarten Sie von der UN-Klimakonferenz in Katowice?
Die Staaten der Welt haben im Paris-Abkommen von 2015 den Menschen ein Versprechen gegeben, sie haben zur Stabilisierung unseres Klimas die Verminderung des Ausstoßes von Treibhausgasen versprochen. Diesem Versprechen werden sie, das zeigt die Forschung sehr klar, nicht mal annähernd gerecht. Hochrechnungen der angekündigten Emissionsreduktionen zeigen, dass diese dem von den Regierungen gesetzten Ziel einer Erwärmungsgrenze von 2 Grad oder sogar 1,5 Grad Celsius nicht genügen. Beim UN-Klimagipfel in Katowice werden die Staaten entsprechend Bilanz ziehen und voraussichtlich auch ein so genanntes Regelbuch beschließen zum Paris-Abkommen.


Geht es also voran in Sachen Klimaschutz?
Das ist richtig so, aber es reicht nicht. Dringend nötig wäre, dass die Staaten endlich auch gemeinsam direkte konkrete Maßnahmen zur Erreichung der Klimaziele beschließen, etwa eine Bepreisung von Kohlendioxid. Tun sie dies nicht, so sind sie verantwortlich für zunehmende Klimaschäden etwa durch Extremwetter, und letztlich für menschliches Leid. Die vergangenen zehn Jahre waren klimapolitisch eine verlorene Dekade. Die Kohlendioxid-Emissionen steigen weiter, es werden weiter Kohlekraftwerke gebaut.


Sind Sie trotzdem optimistisch?
Ich bin nicht optimistisch, aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Optimistisch kann man sein, wenn man glaubt, dass die Entwicklung in die richtige Richtung geht. Hoffen muss man auch dann, wenn die Entwicklung in die falsche Richtung läuft. Bei den erforderlichen Maßnahmen gegen den Klimawandel gibt es die moralische Verpflichtung zur Hoffnung.


Wie groß ist die Bereitschaft, den Klimawandel als eine Ursache des Flüchtlingsproblems anzuerkennen?
Wer glaubt, dass die Flüchtlingsfrage vor allem polizeilich oder militärisch zu lösen ist, verweigert sich in absurder Weise der Realität. Wenn wir irgendwann in einer Welt leben, deren Durchschnittstemperatur vier oder fünf Grad höher liegt als noch vor der Industrialisierung, ist doch völlig klar, dass noch viel mehr Menschen aus Afrika neue Lebensräume in Europa suchen werden. Deshalb müssen wir unbedingt dafür sorgen, den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf weniger als zwei Grad zu begrenzen, wie im Pariser Klimaabkommen festgeschrieben. Zudem müssen wir ein humanes System zur Aufnahme von Flüchtlingen entwerfen, das die Lasten fair verteilt.


Sie nehmen als einer der beiden Direktoren des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung teil. Warum hat es jetzt eine Doppelspitze, bisher hat doch ein Direktor gereicht?
Das Institut hat sich zur Aufgabe gemacht, Ursachen und Folgen des Klimawandels zu analysieren. Dabei spielen nicht nur die Naturwissenschaften eine Rolle, sondern auch die Sozialwissenschaften, Risikoforschung und Lösungsforschung müssen dabei zusammenkommen. Wir müssen nicht nur untersuchen, wie sich das Klima verändert und mit welchen Folgen, es gilt auch zu verstehen, wie Menschen auf den Klimawandel reagieren und warum sie vielleicht zögern, gegen den Klimawandel vorzugehen. Für diese beiden Perspektiven stehen Johan Rockström und ich als neue Doppelspitze.


Was ist Ihre Funktion?
Ich bin Sozialwissenschaftler. Von Hause aus bin ich ein mathematisch orientierter Klimaökonom, aber natürlich mit naturwissenschaftlichen Kenntnissen. Bei meinem Kollegen Johan Rockström ist es anders herum. Als Doppelspitze werden wir diese beiden Perspektiven künftig so stark wie nie zusammenführen.


Wo wollen Sie inhaltlich neue Akzente setzen?
Wir wollen sehr viel stärker Künstliche Intelligenz nutzen, um festzustellen, wie Menschen etwa auf Dürren oder Überschwemmungen reagieren. Ein wichtiger Faktor ist dabei offenbar, wie arm oder reich die Betroffenen sind. Arme Menschen neigen zum Beispiel viel stärker dazu, ihre Kinder nach solchen Katastrophen nicht mehr in die Schule zu schicken, weil ihnen der entscheidende Wert der Bildung zu wenig bewusst ist. Dies kann dann noch über Generationen negative Folgen für die Entwicklung eines Landes haben.


Welche Rolle spielt die Künstliche Intelligenz?
Um in solchen Fällen wirksam helfen zu können, ist es sehr wichtig, das Wohlstandsniveau einer betroffenen Region möglichst genau zu kennen. Das kann man etwa ermitteln, indem erfasst wird, wie viele Handys in der Region wofür genutzt werden oder wie lange nachts elektrisches Licht messbar ist. Künstliche Intelligenz, das sogenannte Maschinenlernen, kann eine wichtige Rolle spielen, konventionelle statistische Daten mit Licht- und Handydaten zu verknüpfen, um das Wohlstandsniveau und die daraus resultierenden Reaktionen auf den Klimawandel zu erfassen.

kna