24.10.2019

Ökumenischer Wanderweg zu 30 Jahren Mauerfall

"Für das Zusammenwachsen beten"

Vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer. Dass die Wende völlig friedlich geschehen konnte, ist für viele noch immer unglaublich. Aus diesem Grund organisiert eine Projektgruppe vom 3. Oktober bis 9. November eine Pilgerwanderung entlang des ehemaligen Todesstreifens. Im Interview erklärt Projektgruppenleiter Bernd Oettinghaus den Hintergrund.

Foto: kna/Markus Nowak
Erinnerung an den Mauerfall vor 30 Jahren - ob bei einer Pilgerwanderung oder wie hier an der Gedenkstätte Berliner Mauer. Foto: kna/Markus Nowak


Herr Oettinghaus, wie entstand die Idee der Pilgerwanderung?
Diese Grenze hat 40 Jahre eine so deutliche Trennlinie gezogen wie nirgendwo sonst auf der Welt. Das Verschwinden dieser Grenze ist ein großes Wunder. Die Natur hat sie längst zurückerobert, und am Todesstreifen ist wieder Leben eingekehrt. Wir haben uns gefragt, ob inzwischen auch die Grenze in den Herzen der Menschen überwunden ist.

Heilungsprozesse brauchen Zeit. Als Christen sind wir überzeugt, dass wir durch Gebet mithelfen können, dass Heilung fortschreitet und gelingt. So war der Gedanke geboren, erstmals zum 25. Jahrestag an dieser Grenze entlangzuwandern und für das weitere Zusammenwachsen unserer Nation zu beten.


Wie war die Resonanz bei der Premiere?
Damals sind viele hundert Menschen mitgepilgert; an manchen Tagen waren es 80, an anderen 10. Es kamen ganz unterschiedliche Pilger - alte, junge und auch Menschen mit einer intensiven DDR-Biografie, die nach 25 Jahren nochmal ein Stück ihrer Vergangenheit aufarbeiten und ins Gebet und unter die Füße nehmen wollten. Es machten sich aber auch Westdeutsche auf den Weg, die sich einfach mal der Erfahrung stellen wollten. In diesem Jahr rechnen wir mit deutlich mehr Teilnehmern. Denn diesmal haben zehn verschiedene Gruppen und Gemeinschaften die Wanderung vorbereitet, somit sprechen wir nun ein breiteres Publikum an.


Wer steht hinter der veranstaltenden Initiative?
Wir sind eine Projektgruppe. Sie heißt "3. Oktober Gott sei Dank - 30 Jahre Wunder der Freiheit und Einheit". Sie besteht unter anderen aus Bürgern, Politikern wie Christine Lieberknecht und Steffen Reiche, die als Bürgerrechtler in den Prozess der Friedlichen Revolution oder durch ihr politisches oder religiöses Engagement miteingebunden waren. Wir haben uns vorgenommen, in den Jubiläumsjahren 2019 und 2020 - also 30 Jahre nach dem Mauerfall und zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit - die Menschen im Land aufzurufen, sich mit einem Dankfest am Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober an ihren jeweiligen Orten mit uns auf den Weg zu machen.

In den Kirchengemeinden, wo wir übernachten, findet abends ein Begleitprogramm statt: Zeitzeugenberichte, Konzerte, Gebetsabende. Wir werden aber auch entlang des Weges Gedenkstätten besuchen.


Ihre Initiative sieht im gewaltfreien Mauerfall Gott am Werk; Sie sprechen von einem Wunder - ein großes Wort...
Das Wort Wunder wird im Kontext des Mauerfalls nicht nur von religiös angehauchten Menschen gebraucht. Denn kaum einer hat das für möglich gehalten. Er ist durch eine einzigartige Abfolge von Umständen und Entscheidungen Einzelner möglich geworden. Interessanterweise können selbst die wichtigsten Akteure nicht mehr sagen, warum sie so gehandelt haben. Günter Schabowski etwa, der bei der legendären Pressekonferenz mit sofortiger Wirkung die Reisefreiheit verkündete. Oder auch das besonnene Verhalten der Diensthabenden an den Grenzübergängen in Berlin an diesem Abend. Jeder entschied für sich und ohne Rücksprache, den Schießbefehl nicht zu befolgen. Auch die die absolut friedlich verlaufenden Massendemonstrationen an den Tagen vor dem Mauerfall zählen dazu.

Dass es dieses erstaunliche Geschehen gegeben hat und dass alles friedlich passiert ist - wie will man sich das erklären? Es gibt viele kleine Geschichten, die wir in unserem Buch "Wunder der Freiheit und Einheit" gesammelt haben. Selbst Menschen mit kommunistischem Background sagen: "Wir haben keine Erklärung dafür, wie bestimmte Sachen gelaufen sind."


Areligiöse Menschen werden das für einen glücklichen Zufall halten...
Es mag sein, dass viele Menschen das bloß als einen Zusammenfall von unglaublichen Zufällen sehen, einmalig in der Geschichte. Christen können darin das Wirken Gottes erkennen. In der ganzen Bibel offenbart er sich als ein Gott, der immer wieder im konkreten Leben der Menschen wirkt und ihnen im Alltag nahe ist. Christen glauben, dass Gott auch in unserer Zeit eingreift und handelt, weshalb sie zu ihm beten.

Und deshalb ist es nur folgerichtig, Gott für dieses Eingreifen zu danken - auch im Rahmen unserer Gebetswanderung. Aber wir beten für unsere gemeinsame Zukunft auch stellvertretend für jene, die keinen Draht zu ihm haben.


Welchen Anteil hatten Christen an der friedlichen Revolution?
Fast alle großen Demonstrationen in der DDR haben in einer Kirche begonnen oder dort ihren Abschluss gefunden. Christen haben brennende Kerzen mit auf die Straßen genommen; sie standen vor den Stasi-Büros und riefen «Keine Gewalt». Das Symbol der Kerze ist ja keines der sozialistischen Diktatur, sondern eines aus den Kirchen. Und es hat bei den Demonstrationen eine zentrale Bedeutung bekommen. Dieses Symbol hat Menschen motiviert, Hoffnung zu haben. Kerzen haben ihnen Mut gegeben und zugleich Respekt ausgestrahlt, so dass die Staatsmacht vor Gewalt zurückgeschreckt ist. Auch auf unserer Pilgerwanderung werden wir eine Kerze als Zeichen der Hoffnung mitnehmen - als Erinnerung, dass es immer auch andere als militärische Lösungen gibt.

Mit unserer friedlichen Revolution, der Erlangung von Freiheit und Einheit, hüten wir einen großen Schatz. Wenn wir ihn weiterentwickeln und mit anderen teilen, können wir vielen Nationen auch in anderen Teilen der Welt helfen. Derzeit erleben wir, dass viele Länder uneins sind und auseinanderzubrechen drohen. Warum sollten wir nicht die Hoffnung haben, dass Menschen auch aus diesen Konflikten wieder mit Gottes Hilfe herausfinden?


Heute sind viele Ostdeutsche in ihrem Alltag frustriert, wie auch der Zuspruch zur AfD zeigt. Was sagen sie denen?
Wir greifen diesen Unmut ganz zentral bei unserer Gebetswanderung auf. Unser Motto heißt: "Verstehen, versöhnen, Verantwortung übernehmen". Deshalb gehen wir dahin, wo die Menschen sind - entlang der Grenze. Wir begegnen ihnen und hören, was sie weiterhin bedrückt, verletzt und verbittert, welche enttäuschte Erwartungen sie auch nach 30 Jahren noch haben. Verstehen ist die Grundlage dafür, dass man nach Wegen der Versöhnung suchen kann. Denn nur so kann man eine Grundlage dafür schaffen, dass man gemeinsam Verantwortung für die Zukunft übernimmt.

Das ist im Endeffekt die einzige Alternative in unserem Land - gemeinsam für das Gemeinwohl aufzustehen. Deshalb gilt es Wege dahin zu beschreiten. Deshalb machen wir uns auf den Weg, gehen symbolisch und betend an dieser Narbe entlang, die unser Land getrennt und mehr als 1.000 Menschen das Leben gekostet hat.

kna