03.08.2018

Festivalseelsorge beim Wacken Open Air

Ohne Berührungsängste

"Viele Sorgen kommen erst auf dem Festival zutage", sagt Wulff. Er ist einer der Seelsorger auf dem Wacken-Open-Air.

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Die Seelsorger Wulff und Lutz beim Wacken Open Air. Foto: kna


Im schleswig-holsteinischen Wacken herrscht in diesen Tagen wieder der Ausnahmezustand: Schon auf der Hauptstraße des 2.000-Einwohner-Dörfchens drängen sich dicht an dicht schwarz gekleidete Metal-Fans. Auf den Äckern, wo sonst die Kühe weiden, haben sie ihre Zelte aufgeschlagen und feiern zu harten Klängen von Bands wie Judas Priest, Sepultura oder Running Wild. Es fließt jede Menge Alkohol.

Insgesamt rund 75.000 Besucher aus aller Welt sind zum Wacken Open Air in den Norden gereist. "Wer hier arbeitet, darf keine Berührungsängste haben", sagt Seelsorger Lars Wulff. Der evangelische Diakon aus Husum hat seinen Gesprächspartnern schon ihre Wunden verbunden oder Erbrochenes aus dem Haar gewaschen. Er ist bereits zum fünften Mal Mitglied im Team der Festivalseelsorge der evangelischen Nordkirche auf dem Wacken Open Air.

20 ausgebildete Fachleute, darunter Pastoren, Erzieher und Psychotherapeuten, kümmern sich rund um die Uhr um die ganz persönlichen Sorgen der Fans. Zu erkennen sind sie an ihren blauen Westen mit der Aufschrift "Festivalseelsorger", bei Bedarf steht ein Beratungszelt für Gespräche zur Verfügung.

 

Viele sind mit der ungewohnten Situation überfordert

Die Themen reichen vom verlorenen Schlüssel über den Ärger nach einer nichtbestandenen Prüfung bis zur Trauer um einen verstorbenen Freund oder Angehörigen. "Viele Sorgen kommen auf dem Festival erst richtig zutage", sagt Wulff. Außerdem seien viele mit der ungewohnten Situation überfordert: "Es ist laut, es ist heiß, überall sind Menschen. Wenn man gerade einmal nicht in Partystimmung ist, kann das schnell zur Herausforderung werden."

Für Wulff - ein offener Typ, der sich gerne unterhält - sind die Nachtschichten am spannendsten. "Dann kommt das Festival eigentlich erst richtig in Gang." Häufig fördere der Alkohol Probleme zutage. In den durchschnittlich rund 30-minütigen Gesprächen versucht er eine Lösung für die Probleme der Festivalbesucher zu finden. "Im schlimmsten Fall kann das auch bedeuten, dass wir jemandem raten, nach Hause zu fahren."

Der Hamburger Lutz Neugebauer ist einer von drei Katholiken, die in diesem Jahr erstmals mit im Team sind. Er führte sein erstes Seelsorgegespräch bereits am Bierstand, wo ihn zwei Männer ansprachen. "Ich erwarte hier ganz andere Gespräche, als ich sie sonst in meiner Gemeinde führe", so der ehrenamtliche Diakon. Über konkrete Inhalte der Gespräche sprechen die Mitarbeiter nicht.

"Es ist uns wichtig, dass Seelsorgegeheimnis zu wahren", sagt der Leiter des Teams, Landesjugendpastor Tilman Lautzas. Es gehe um vertrauliche Beratung, nicht aber um christliche Mission: "Mission und Beratungsgespräch vertragen sich unserer Auffassung nach in keinster Weise." Demzufolge ist das Angebot für Menschen jeden Glaubens offen: "Wenn jemand mit uns über Odin und Thor diskutieren will, dann tun wir das auch gerne", so Lautzas.

Die Initiative, Seelsorge anzubieten, ging 2010 vom Veranstalter des Festivals aus. Das von Lautzas entwickelte Konzept diente bereits als Vorbild für vergleichbare Angebote, etwa auf dem Greenfield-Festival in der Schweiz. 241 Gespräche führten die Seelsorger im vergangenen Jahr, fast doppelt so viele wie noch 2014.

Die Festivalseelsorge ist nicht das einzige Angebot der Kirchen auf dem Metal-Festival. Bereits am Mittwochabend wurde die Wackener Dorfkirche bei einem eigens für die Festivalbesucher gestalteten Gottesdienst zur "Metal Church". Im Anschluss trat Sängerin Doro Pesch in der Kirche auf. Eine freikirchliche Initiative nutzt das Festival regelmäßig, um vor den Eingängen zu missionieren und eine eigens erstellte Übersetzung der Heiligen Schrift, die "Metal-Bibel" zu verteilen.

Für Lars Wulff ist der kirchliche Einsatz auf dem Festival eine zeitgemäße Form, den christlichen Glauben zu leben. Unter den Metallern trifft er teils auch engagierte Gemeindemitglieder. "Den Menschen in Notsituationen beizustehen, ist für mich der Auftrag, den Jesus uns gegeben hat."

kna