30.01.2019

Anfrage

War der Kuss des Judas zwingend notwendig?

Warum musste Judas Jesus mit einem Kuss verraten? Darunter musste das jüdische Volk jahrhundertelang leiden. War der Kuss zwingend notwendig? M. G., Hannover

Dass der Judaskuss nicht zwingend notwendig war, sieht man schon, wenn man einen Blick ins Johannesevangelium wirft. Denn anders als bei Matthäus, Markus und Lukas gibt es bei Johannes keinen Judaskuss. Jesus ergreift im Garten selbt die Initiative:„Jesus, der alles wusste, was mit ihm geschehen sollte, ging hinaus und fragte sie: Wen sucht ihr? Sie antworteten: Jesus von Nazaret. Er sagte: Ich bin es.“ (Johannes 18,5) Judas steht nur „bei ihnen“; er hat die Soldaten und Gerichtsdiener geholt, mehr nicht. 

Überhaupt kommt Judas bei Johannes deutlich besser weg. Im Abendmahlssaal kündigt Jesus an, dass einer der Zwölf ihn verraten würde. Alle wollten wissen, wer. „Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn ... und er ging sofort hinaus.“ (Johannes 13,26–27.30) Nach dieser Version ist Judas fast schon unschuldig zu nennen: Der Satan war’s. Und Jesus hat die Katastrophe, die ihn ereilen musste, selbst und willentlich ausgelöst. 

Warum Johannes das so geschrieben hat, kann man nicht mit Sicherheit sagen. Manche Forscher vermuten, er habe die früheren Evangelien gar nicht gekannt oder nur Bruchstücke davon. Seine Darstellung sei deshalb keine Korrektur, sondern beruhe einfach auf anderen Quellen. 

Theologisch kann der Grund auch darin liegen, dass Johannes einen starken Fokus auf die Selbstoffenbarung Jesu legt. Nach diesem Konzept ist Jesus kein Opfer eines gemeinen Verrats, sondern sieht sein Leid als notwendigen Teil seines Heilswirkens; deshalb trägt er selbst größere Verantwortung für den Hergang.

Durchgesetzt in der Geschichte des Christentums hat sich der Judaskuss – mit all den schlimmen Folgen für das jüdische Volk. Vielleicht, weil er so anschaulich ist, so perfekt szenisch, so empörend. Einfach leichter nachvollziehbar als die komplexe Gedankenwelt des Johannes.

Susanne Haverkamp