06.09.2019

Gebetsschule

Wie die anderen beten

Zu Gott oder verschiedenen Gottheiten, in Gemeinschaft oder allein: Auch Gläubige in Judentum, Islam und Buddhismus beten, bitten und meditieren. Was können wir Christen uns von ihnen abschauen?

Buddhistin beim Beten
So unterschiedlich die Formen auch sind: Gebetet wird in allen großen Religionen, auch im Buddhismus. Foto: kna/Andreas Hoffmann

Beten im Buddhismus

Es gebe keinen einheitlichen Buddhismus, sondern viele verschiedene Formen, sagt Perry Schmidt-Leukel, Professor für Religionswissenschaft und interkulturelle Theologie an der Universität Münster. Aber, so Schmidt-Leukel: „Zu fast allen Praktiken, die im Christentum unter dem Stichwort Gebet laufen, gibt es im Buddhismus unverkennbare Parallelen.“ Im Theravada-Buddhismus, einer traditionellen Form des Buddhismus, rezitieren Mönche und Nonnen regelmäßig heilige Texte. Dies erinnere an die Litaneien oder das Psalmengebet 
im Katholizismus, sagt Schmidt-Leukel. Allerdings werde von den Buddhisten in der Regel kein direktes Gegenüber angesprochen. Bittgebete, beispielsweise um von einer Krankheit geheilt zu werden, richteten Gläubige an alte indische oder hinduistische Gottheiten. Diese seien am ehesten mit himmlischen Wesen (wie beispielsweise Engeln) zu vergleichen. 

Im Mahayana-Buddhismus, einer jüngeren Form des Buddhismus, richteten die Gläubigen ihr Gebet oft an Bodhisattvas, überirdische Erlösergestalten, deren Mitgefühl allen Lebewesen gilt. Manchmal komme es sogar vor, dass diese Bodhisattvas oder auch Buddhas um Vergebung gebeten werden, wenn man jemand anderem geschadet hat, sagt Schmidt-Leukel. Auch eine Art Rosenkranzgebet findet sich im Mahayana.

Vor allem Meditationsformen hätten Christen sich bereits beim Buddhismus abgeschaut, sagt Schmidt-Leukel. Bei diesen Formen gehe es um das innere Stillwerden, indem man etwa seinen Atem beobachte oder kurze Gebetsformeln wiederhole. Christen benutzen diese Praktiken, um sich hierdurch für die Gegenwart Gottes zu öffnen.

 

Ein betender Jude
So unterschiedlich die Formen auch sind: Gebetet wird in allen großen Religionen, auch im Judentum. Foto: kna/Harald Oppitz

Beten im Judentum

Juden richten ihre Gebete direkt an Gott „in der Erwartung, dass sich die Antwort darauf in Segenswirkungen erweist“, sagt Walter Homolka. Er ist Rabbiner und Professor für jüdische Religionsphilosophie in Potsdam. Homolka sagt, für Juden gebe es drei tägliche Pflichtgebete, sogenannte „Gottesdienste des Herzens“, die allein oder in Gemeinschaft gebetet werden: eines am Morgen, eines am Nachmittag und eines am Abend; dazu das Nachtgebet vor dem Schlafengehen. 

Die individuellen Gebete können frei formuliert oder aus einem Gebetbuch rezitiert werden. Das jüdische Gebetbuch enthält Gottesdienste und Gebete für den Alltag, den Shabbat und verschiedene andere Anlässe. 
Die Texte sind in Hebräisch verfasst und werden häufig in der Landessprache übersetzt abgedruckt. Im Laufe der Jahrhunderte wurden sie kontinuierlich verändert und ergänzt, um zwar an die Tradition anzuknüpfen, aber auch zur Lebenswelt heutiger Juden zu passen. „Beim jüdischen Gebetbuch handelt sich also um ein lebendiges Werk, nicht um ein Museumsstück“, sagt Homolka. Heutige Juden sollten daher mutig damit umgehen und sich die Gebete heraussuchen, die zu ihrer Lebenssituation passen.

Was sich Christen vom jüdischen Gebet abschauen können? „Die Vorsicht, Gott um etwas zu bitten“, sagt Homolka. Juden seien extrem zurückhaltend damit, konkrete Bitt- oder Stoßgebete an Gott zu richten, da sie das als lästerlich empfänden, erklärt der Rabbiner. Vielmehr seien im 18-Bitten-Gebet, dem zentralen Gebet des jüdischen Gottesdienstes, allgemeine Anliegen formuliert, die Gott vorgelegt werden in der Hoffnung, er möge sie erfüllen: „Die Unverfügbarkeit Gottes sollte immer gewahrt bleiben.“

Betende Muslime
So unterschiedlich die Formen auch sind: Gebetet wird in allen großen Religionen, auch im Islam. Foto: kna/Stefano dal Pozzolo/Romano Siciliani

Beten im Islam

Das Gebet ist eine der zentralen Säulen des Islam. Grundsätzlich wird darin zwischen rituellen und freiwilligen Gebeten unterschieden. Zu den obligatorischen rituellen Gebeten gehören fünf Gebete am Tag, ein wöchentliches Freitagsgebet und Gebete zum Ramadan und zum Opferfest. Sie folgen einer vorgegebenen Bewegungs-
choreographie, die bestimmt, wann die Gläubigen stehen, sich verbeugen, knien oder sich niederwerfen. Das tun die Muslime, um zu signalisieren, dass der Mensch in jeder Lebenslage auf Gott angewiesen ist. Gebetet werden teilweise festgelegte Koranabschnitte. 

„Die rituellen Gebete sind zwar vorgegeben, das bedeutet aber nicht, dass man keine persönlichen Wünsche oder Äußerungen an Gott richten kann“, sagt Esnaf Begic, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für islamische Theologie der Universität Osnabrück. Das Ziel des Gebets sei es, ein Gespräch mit Gott aufzubauen. Darüber hinaus haben die rituellen Gebete auch die Funktion, den Gläubigen daran zu erinnern, dass Gott immer da ist und alles sieht. Bei den Körperhaltungen während des Gebets unterscheiden sich zum Teil Sunniten und Schiiten, also die Vertreter der beiden größten Richtungen des Islam. Trotzdem könnten sie – ähnlich wie Katholiken und Protestanten – gemeinsam beten, sagt Begic.

Täglich mehrmals mit Gott zu sprechen, könnten sich Christen vom Islam abschauen, sagt Begic. Es sei wichtig, nicht nur dann zu beten, wenn man ein konkretes Anliegen habe, sondern auch Gott zu danken, wenn es einem gutgehe. Nicht eine sporadische, sondern eine regelmäßige Beziehung zu Gott durch das Gebet sei wichtig, damit der Glaube nicht nur an bestimmten Tagen gelebt werde, sondern Teil des Alltags werde.

Von Christoph Brüwer