27.05.2020

Anfrage

Was soll das mit der Zungenrede?

Jetzt in der Pfingstzeit ist das Thema Zungenrede wieder aktuell. Ich kann diese Gnadengabe wirklich nicht verstehen und nachempfinden. Wie gehen die christlichen Glaubensgemeinschaften damit um? Welche Bedeutung hat sie für heute? W. W., Sandersdorf-Brehna

Ich kann Ihre Skepsis gut verstehen. Für uns verkopfte (Nord-)Deutsche ist die Zungenrede ein schwieriges Thema. Ich versuche es mal mit einem Vergleich, obwohl Vergleiche immer hinken.

Stellen Sie sich ein Kind vor, das auf dem Fußboden sitzt und völlig in sich versunken spielt. Vielleicht mit Legos oder mit Puppen. Und während es so neue Welten erschafft und mit dem Kopf ganz woanders ist, singt es vor sich hin. Keine richtigen Lieder, sondern ein „LaLaLa“. Könnten Sie diese Versunkenheit, aus der ein einfacher Singsang aus dem Inneren aufsteigt, nicht verstehen und nachempfinden? Ich glaube doch! Vielleicht würden Sie sogar neiderfüllt lächeln.

Und jetzt verbinden Sie diesen Gedanken mit dem Wort Jesu „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ...“: so fähig, in sich zu versinken, sich frei zu machen von Konventionen, von rein vernünftigem Nachdenken, sich fallenzulassen in eine innere Welt ... dann sind wir bei der Zungenrede.Vor mehreren Jahren nahm ich für diese Zeitung teil an einem Gottesdienst der Charismatischen Erneuerung; das ist eine geistliche Bewegung innerhalb der katholischen Kirche. Hier gab es das Gebet „in Sprachen“, wie man es nannte, also die Übung, sein Gebet in wortlosem Singsang vor Gott zu tragen. Manche machten es, andere nicht. Ob es daran lag, dass nur manche die Gnadengabe besaßen, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich würde es weniger hochhängen und sagen: Manchen liegt es, anderen nicht. Gezwungen wurde jedenfalls niemand.

In charismatischen Gemeinschaften – oft evangelisch-freikirchlich, aber durchaus eben auch katholisch – ist das Gebet in Zungen jedenfalls eine gängige geistliche Übung. Und ich denke, es geht genau darum: den Kopf mal auszuschalten und nur aus dem Gefühl heraus einen Zugang zu Gott zu finden. Ganz kindlich bei sich zu sein, egal, was drumherum passiert. Man muss es nicht machen, aber vielleicht doch nachvollziehen?

Susanne Haverkamp