05.11.2021

Wie gute Taten einem selber helfen

Besser gut!

Die Witwe von Sarepta teilt ihr letztes Brot mit Elija, und das gute Werk zahlt sich aus: „Der Mehltopf wird nicht leer und der Ölkrug versiegt nicht.“ Das ist typisch, sagt der Mediziner Johannes Huber im Interview. Gutsein nützt auch mir selbst.

Foto: imago/ari
Glaubt man den Erzählungen der freiwilligen Helferinnen und Helfer im Ahrtal, ist die Zeit dort zwar anstrengend, tut ihnen selbst aber auch richtig gut. Foto: imago/ari

Herr Professor Huber, überrascht Sie das, was die Witwe erfährt?
 

Das eine ist die biblische Botschaft. Die lese ich als Theologe. Das andere ist, dass wir tatsächlich durch Forschungen gesehen haben, dass es auch in wissenschaftlicher Hinsicht lohnt, ein guter Mensch zu sein. Insofern überrascht es mich gerade als Mediziner nicht. 

Die Frage an den Theologen: Gibt es einen Zusammenhang von guter Tat und Belohnung?

Die Frage hat eine weltimmanente, also auf das irdische Leben bezogene, und eine trans-zendente, also auf das künftige, das ewige Leben bezogene Dimension. In beiden glaube ich persönlich, dass sich Gutsein lohnt.

Was ist überhaupt gut? Was sind gute Taten?

Taten sind dann gut, wenn wir der Stimme des Gewissens folgen. Diese Stimme können wir trainieren, dann wird sie immer lauter. Und wenn wir versuchen, uns in den anderen hineinzuspiegeln. Das begründet die alte Regel: Was Du nicht willst, dass man Dir tu …


Inwiefern lohnt es sich auch aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht, ein guter Mensch zu sein?

Gute und damit friedliche Menschen haben meist einen niedrigeren Stresshormon-Spiegel. Dann gibt es weniger Entzündungsreaktionen, und auch Folgeerkrankungen wie Krebs werden dadurch seltener. Gutes Verhalten wirkt sich also positiv auf unseren Hormonhaushalt aus und beugt Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. 


Wenn gute Menschen dann doch krank sind: Werden sie leichter gesund?

Ja, es hilft bei der Heilung. Außerdem erhöht es die Lebenserwartung. Es gibt erstaunliche Fälle, bei denen Menschen, die schwer an Krebs erkrankt sind, dennoch über Jahrzehnte durchhalten, weil sie zum Beispiel für eine beeinträchtigte Tochter oder einen beeinträchtigten Sohn da sein wollen. Gutes Verhalten sorgt für den inneren Frieden und bewirkt, dass wir besser schlafen können und kraftvoller sind. Wir sind dann zufriedener, ausgeglichener und besser geschützt vor Angstzuständen und Depressionen.

Sind gute Menschen also glücklicher?

Konsum macht jedenfalls nicht glücklich. Das haben die meisten Menschen längst gemerkt. Wir brauchen einen gewissen Wohlstand für ein glückliches Leben, aber das ist nicht alles. Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen, die im Einklang mit ihren Mitmenschen, aber auch mit der Natur und letztlich mit sich selbst sind, nicht nur gesünder und entspannter sind, sondern auch glücklicher als Menschen, die sich von Egoismus und Selbstsucht treiben lassen.

Spielt da auch die religiöse Überzeugung eine Rolle? 

Ja. Religiöse Menschen haben weniger Herzinfarkt-Rückfälle und bei ihnen ist auch der Spiegel des Stresshormons Cortisol im Blut niedriger. Studien haben auch gezeigt, dass religiöse Menschen weniger anfällig sind für Depressionen, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Selbstmord als etwa Atheisten. Spirituelle Menschen können auch mit schockierenden Ereignissen besser umgehen. Sie passen sich oft schneller an neue Situationen an und können auch dort noch einen Sinn erkennen, wo es schwierig für sie wird.

Ist es dann nicht aus christlicher Sicht schon fast bedenklich, wenn man quasi aus Eigennutz gut ist?

Der Christ ist nicht aus Opportunismus gut, sondern weil wir Menschen alle den gemeinsamen Vater und Schöpfer haben und damit Schwestern und Brüder sind; die psychologischen und somatischen, also den Körper betreffenden Vorteile des Gutseins sind nur willkommene Nebeneffekte.

Sind alle Menschen von Natur aus gut?

Es hängt zum einen stark davon ab, wie gut unsere unmittelbaren Vorfahren waren. Das bekommen wir über das Erbgut mit. Aber auch die Sozialisierung innerhalb der Familie und mit anderen Menschen spielt natürlich eine entscheidende Rolle. Wir sind dem aber nicht einfach ausgeliefert. Wir können uns ja auch das Rauchen abgewöhnen. Und so können wir uns auch das Bösesein ab- und das Gutsein angewöhnen. Nur ist das für manche eben schwerer als für andere.

Kann man Gutsein lernen?

Wir trainieren unseren Körper. Aber auf die Idee, dass wir auch den inneren Menschen trainieren könnten, kommen wir erstaunlicherweise nicht. Wir entwickeln uns im Lauf des Lebens, wir trainieren damit auch unseren Charakter. Und später gehen wir dann idealerweise in verbesserter Form in etwas Neuem auf. Wenn wir unseren Charakter trainieren, erfahren wir nicht nur unmittelbare Vorteile hier auf der Erde, sondern möglicherweise sogar im ewigen Leben, wie wir Christen sagen. Im Französischen umschreibt man das Wort „sterben“ mit „die Seele zurückgeben“ – wobei gefragt werden muss, wie unversehrt wir sie zurückgeben.

Interview: Michael Kinnen

Foto: Lukas Beck
Johannes Huber (75), ist Theologe und Mediziner. Er war zehn Jahre lang persönlicher Sekretär des Wiener Erzbischofs Franz Kardinal König. Danach war er bis 2011 Professor für Frauenheilkunde und Hormonforschung  an der Universitätsmedizin Wien. Vor einem Jahr erschien sein Buch: „Das Gesetz des Ausgleichs: Warum wir besser gute Menschen sind“ (edition a – Wien 2020). Foto: Lukas Beck