24.06.2020

Lesungen zum 28. Juni (13. Sonntag im Jahreskreis)

Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf

Ist es nun eine Ehre oder eine Last, einen Wanderprediger aufzunehmen? Einen wie Elischa. Oder einen von den Jüngern, die Jesus losschickt. Oder Bruder Ludwig Kaut, der im Amazonasgebiet durch die Dörfer reist.

Foto: Adveniat/Jürgen Escher
In der Amazonasregion leben die Menschen unter einfachen Bedingungen. Foto: Adveniat/Jürgen Escher


Der Prophet Elischa hat Glück: Kommt er nach Schunem, hat er ein eigenes Zimmer bei einem Ehepaar. Er kann die Tür schließen, sich von der Reise ausruhen und in einem bequemen Bett übernachten, erzählt die Lesung dieses Sonntags. Einen solchen Luxus kennt Bruder Ludwig Kaut nicht. „Keine der Gemeinschaften, die ich besuche, hat für mich ein Zimmer eingerichtet“, sagt er. „Und in einem Bett zu schlafen, habe ich mir gleich abgewöhnt, als ich nach Brasilien kam. Dafür habe ich jetzt meine Hängematte immer dabei.“ 

Der 67-jährige Steyler Missionar, der ursprünglich aus Belgien stammt, lebt seit 1981 in Brasilien. Seit acht Jahren arbeitet er in der Gemeinde Santo Antonio in Alenquer. In der Stadt am Amazonas leben rund 50 000 Menschen; weitere 40 000 im Landesinneren in kleineren Dörfern und Gemeinschaften. Regelmäßig macht sich Bruder Ludwig auf den Weg, um die Katholiken dort zu besuchen. 

„Meistens bin ich die ganze Woche unterwegs. Montags fahre ich in Alenquer los und komme erst am Freitag oder Samstag zurück“, sagt der Ordensbruder. Am Vormittag ist er in der einen Gemeinschaft, feiert dort einen Wortgottesdienst, isst zu Mittag und fährt dann nach einer kurzen Pause zum nächsten Dorf, wo er am Abend erneut einen Wortgottesdienst hält und dann übernachtet. 

Die Dörfer, die er besucht, liegen bis zu hundert Kilometer von der Stadt entfernt. „Das hört sich erst einmal nicht so schlimm an, aber wenn in der Regenzeit die Straßen schlammig sind, dann brauche ich dafür bis zu sechs Stunden“, sagt Kaut, der immer mit seinem 20 Jahre alten Toyota unterwegs ist. In den katholischen Gemeinschaften leben manchmal nur fünf Familien, zu manchen gehören aber auch bis zu 200. Große Gemeinschaften besucht er einmal im Monat, zu den kleineren kommt er nur sechs- oder siebenmal im Jahr. 

Im Gegensatz zum Propheten Elischa sucht sich Kaut seine Bleibe für die Nacht nicht selbst aus. „Das wird schon am Sonntag vorher geregelt“, sagt er. „Dann sagt der Gemeindeleiter: Der Luiz kommt nächste Woche. Wer will ihm etwas zu essen machen? Bei wem kann er übernachten?“ Eine besondere Ehre sei das nicht, sondern mittlerweile ganz normal. 

Messe gefeiert wird hier nur selten

Foto: privat
Bruder Ludwig Kaut 
Foto: privat

Anders als früher. Damals, sagt Kaut, sei es ein richtiger Festtag gewesen, weil Priester und Brüder nur sehr selten in die Dörfer kamen. Alle Sakramente seien auf diesen Tag hin ausgerichtet gewesen: Taufen, Erstkommunion, Hochzeiten. Heute kommt er öfter. Und die Bewohner, meist Kleinbauern, die Maniok anbauen und Vieh halten, müssten in der Woche arbeiten. „Ich sage immer: Der Wortgottesdienst am Sonntag mit dem ehrenamtlichen Gemeindeleiter ist wichtiger als mein Besuch in der Woche. Aber natürlich versuchen die Leute, ihre Arbeit in den frühen Morgen oder späten Abend zu legen, um mich zu sehen“, sagt Kaut. Er selbst tauft bei seinen Besuchen Kinder, für die heilige Messe kommt ein Priester in das Dorf. „In meinem Seelsorgegebiet in der Regel ein- oder zweimal im Jahr.“

Eine Familie zu finden, die mit ihm eine Mahlzeit teilt, sei leicht, sagt Kaut. „Aber manchmal ist es schwierig, eine zu finden, bei der ich übernachten kann. Die Familien sind groß und die Häuser klein.“ Aber der Ordensbruder ist genügsam. „Mir reichen zwei Haken an der Wand, damit ich meine Hängematte aufspannen kann. Dann schlafe ich im Flur oder in der Küche und richte mich auch sonst ganz nach der Familie.“ Wenn die Familie um 6 Uhr aufstehe, dann sei auch er wach. „Und wenn sie erst um 7 Uhr aufstehen, dann bleibe ich noch eine Stunde in meiner Matte liegen“, sagt er. „Ich will nicht das ganze Familienleben durcheinanderbringen.“ 

Am Morgen reicht Kaut ein Kaffee. Und auch zum Mittag- oder Abendessen gibt es kein großes Festmahl. „Es ist einfach einer mehr am Tisch“, sagt Bruder Ludwig. „Und ich esse sehr gerne das Maniokmehl, was typisch für diese Region ist.“ Manchmal schlachte eine Familie auch ein Huhn. „Die Leute sagen gerne: Wenn der Pater kommt, dann verstecken sich die Hühner“, sagt Kaut und lacht.

Besonders wichtig sind ihm die Gespräche. „Wenn ich nur einmal im Jahr in ein Dorf käme, dann würden mich die Leute nicht richtig kennen. Und ich wüsste auch nichts von ihren Problemen. Die Probleme erfordern mehr Anwesenheit“, sagt Kaut. Häufig gehe es dabei um Umwelt- und Landprobleme. „Oft ist der Besitz von Grund nicht eingetragen. In Brasilien kann es sein, dass jemand ein Stück Wald rodet, Gras sät und sagt, es sei von jetzt an sein Grund und Boden“, erklärt Kaut. Genauso werde Wald gerodet, um das Holz teuer in Europa verkaufen zu können. „Als Kirche versuchen wir zu vermitteln. Wir ermutigen die Menschen, sich an die landwirtschaftlichen Gewerkschaften zu wenden, die den Menschen am besten helfen können“, sagt Kaut. Auch in Gesundheitsfragen hilft er. „In einer Gemeinschaft war jemand an Malaria erkrankt. Ohne Medikamente ist das sehr kritisch. Zurück in Alenquer habe ich da Druck gemacht, dass die Leute Hilfe bekommen.“

Er vermittelt auch mal im Familienstreit

Bei den Gesprächen mit Gemeindeleitern oder Katecheten gehe es vor allem um die Sakramente. „Die Taufe ist für die Menschen hier besonders wichtig“, erzählt Kaut. Gemeinsam besprechen sie, welche Vorträge sich die Eltern von Täuflingen anhören sollen, um sich gut auf das Sakrament vorzubereiten. „Die Katecheten und Gemeindeleiter sind sehr erfahren, aber sie sind keine theologischen Spezialisten. Da erwarten sie von mir auch Unterstützung.“

Und manchmal muss er, ganz ähnlich wie der Prophet Elischa, auch bei Familienproblemen helfen. „Wenn ich bei einer Familie bin, kann es sein, dass ich in einen Ehestreit verwickelt werde“, sagt Kaut. „Vielleicht misstraut die Frau dem Mann, weil er so oft unterwegs ist und so spät nach Hause kommt.“ Dann versuche er zu vermitteln, dass beide miteinander sprechen. „Wir versuchen immer so weit zu helfen, wie es uns möglich ist und so weit die Menschen auch die Hilfe bei uns suchen.“

Kerstin Ostendorf