17.09.2020

Suizid von jungen Menschen

Caritas bietet Beratung auf Instagram an

Rund 500 Jugendliche nehmen sich in Deutschland jedes Jahr das Leben. Die Caritas will Menschen, die suizidgefährdet sind, unterstützen. Neben einer Chatberatung bietet sie Hilfe in den Sozialen Medien an - weil die Hemmschwelle dort geringer ist. 

Ein Mann schaut auf sein Smartphone.
Hilfe am Smartphone: Die Caritas sucht in den Sozialen Medien das Gespräch mit jungen Menschen. 

Fast einmal pro Stunde, zwanzigmal am Tag, ist ein junger Mensch in Deutschland so verzweifelt, dass er versucht, sich das Leben zu nehmen. Rund zwei dieser Versuche, so eine Auswertung der Caritas, enden tödlich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts nehmen sich jährlich rund 500 Jugendliche im Alter zwischen 10 und 25 Jahren das Leben. Suizid ist damit nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen.

Die Suizidrate unter deutschen Jugendlichen ist im internationalen Vergleich niedrig. Dennoch haben Experten diese Gruppe besonders im Blick: der Deutsche Caritasverband etwa mit dem Internetprojekt [U25], bei dem junge Menschen Gleichaltrige per E-Mail um Beistand und Rat bitten können. Seit etwa zwei Jahren gibt es dazu einen Youtube-Kanal. Nun sucht der Verband auch über das Videoportal TikTok und über Instagram das Gespräch mit jungen Menschen. Denn: "Oft ist die Hemmschwelle für junge Menschen mit suizidalen Gedanken zu hoch, eine Beratungsstelle in ihrer Region aufzusuchen", sagt Caritas-Präsident Peter Neher.

Auch für andere Helfer sind das Internet und die Sozialen Medien nicht mehr wegzudenken. Der Dachverband "Nummer gegen Kummer" etwa ist seit rund zwei Jahren auch beim Bilderdienst Instagram vertreten. Ziel sei es, die unterstützenden Angebote bei der jungen Zielgruppe bekannter zu machen. Beratung finde dort aus Gründen der Anonymität und Vertraulichkeit nicht statt.

Caritas und andere Hilfsverbände wollen das Thema damit auch der Tabuzone herausholen. Denn dort steckt die Selbsttötung in vielen Gesellschaften - auch begünstig durch moralisch-religiöse Bewertungen. Christentum, Judentum und Islam sehen das Leben als gottgegeben an, das von einem Menschen nicht vorzeitig beendet werden sollte. Bis ins 20. Jahrhundert konnte Suizidanten daher eine christliche Bestattung verweigert werden. Kirchenvater Augustinus (354-430) bezog das fünfte Gebot "Du sollst nicht töten" auch auf das eigene Leben. Suizid galt lange als schwere Sünde. Heute sehen die Kirchen das anders.

Gesprächs- und Hilfsangebote sollen dazu beitragen, Menschen von Suizidgedanken abzubringen. Eine der ältesten ist die ökumenisch getragene Telefonseelsorge. Sie entstand vor rund 60 Jahren. Als Initiator gilt ein anglikanischer Pfarrer, der 1953 in der Zeitung "Times" seine Telefonnummer angab und aufforderte: "Ehe Sie einen Suizidversuch unternehmen, rufen Sie mich an!"  

kna/Brigitte Wike und Paula Konersmann