31.03.2021

Religiöse Bilder eines bekannten Malers

Chagall und die Bibel

Chagall-Bibeln werden immer wieder neu aufgelegt. Kirchen und Synagogen mit seinen bunten Glasfenster sind Touristenmagneten. Denn die alten Texte der Bibel erstrahlen durch die Kunst Marc Chagalls in ganz neuem Licht.

König David: eines der bekanntesten Bibelbilder von Marc Chagall.
König David: eines der bekanntesten Bibelbilder von Marc Chagall.

Von Christan Feldmann 

„Ich habe die Bibel nicht gesehen, sondern geträumt“, sagt Marc Chagall über seine Bilder vom Paradies, von der Arche Noah und von der Wüstenwanderung der Kinder Israels. Aus seinen Engeln und Traumgestalten spricht eine Ahnung, dass die Welt voller Wunder steckt. 
1887 wurde er als Arbeiterkind im jüdischen Schtetl Witebsk in Weißrussland geboren. Sein Vater verpackte sein Leben lang Fische, die Mutter führte einen winzigen Kramladen. Das Leben war hart, aber am Shabbat kehrte in der Blockhütte der Friede des Himmels ein: „Abends, wenn der Laden geschlossen wurde und alle Kinder heimgekehrt waren, schlief Papa bei Tisch ein, ging die Lampe zur Ruh, langweilten sich die Stühle; und draußen wusste man nicht mehr, wo der Himmel war oder wohin sich die Natur geflüchtet hatte, alles blieb einfach reglos“, erinnert sich Chagall.

Ein offenes Fenster zur Ewigkeit

Er geht bei einem Witebsker Maler in die Lehre, fällt in Sankt Petersburg durch die Aufnahmeprüfung einer Kunstakademie, findet eine Anstellung als Schildermaler – und wird schließlich von dem großbürgerlichen Bühnenbildner Léon Bakst entdeckt. 
Dann geht es Schlag auf Schlag: Paris, wo er mit der in wilder Bewegung befindlichen europäischen Malerei in Berührung kommt. Rückkehr nach Russland als „Kommissar für die Schönen Künste“, dann wieder Frankreich, und als ihn die Nazis als entartet verhöhnen, siedelt er in die USA über. 

Längst ist er berühmt geworden. Die Menschen lieben seine poetischen Bilderträume. „Er muss einen Engel in seinem Kopf haben“, staunt der Künstlerkollege Pablo Picasso. Auf jeden Fall hat er ein offenes Fenster zur Ewigkeit. 

Ein religiöser Mensch im Sinne eines fest umrissenen Glaubens ist Chagall zwar nie gewesen, doch seit seiner frühesten Kindheit hat er mit der Bibel gelebt, in der er alle Fragen und Sehnsüchte der Menschheit wiederfindet – und die Vision eines geglückten Lebens. „Wenn ich zweifelte, hat mich ihre Größe und poetische Weisheit besänftigt“, sagt Chagall. Wenn die Menschen die Geschichten der Patriarchen und Propheten nur aufmerksam lesen würden, sie könnten hier „den Schlüssel zum Leben finden“. Mit seinen Bibelszenen wolle er „zu einer Brüderlichkeit ermutigen, die den Menschen von Gott aufgegeben ist“.

Rund dreihundert Radierungen und Farblithographien zur Bibel schuf der Künstler.  Denn für ihn enthält die Bibel keine verstaubten historischen Erinnerungen; sie bildet die Grundsituation des Menschen ab: zwischen Schuld und Gnade, Verzweiflung und Erlösung.  
Das Licht, das in der Dunkelheit leuchtet

Oft malt Chagall Engel. In „Die Erschaffung des Menschen“ trägt  ein kraftvoll voranschreitender Engel den noch nicht zum Leben erwachten Adam wie ein schlummerndes Kind ins Dasein hinein. In der „Vertreibung aus dem Paradies“ ist es ein Engel mit unerbittlich geschlossenen Augen, der die Menschen aus der Schönheit des Anfangs ins Ungewisse hinaus- treibt – aber der von strahlendem Licht erhellte Lebensbaum steht noch, und aus ihm neigt sich eine Gestalt, die lächelnd einen Blütenstrauß weiterreicht: der Neuanfang ist möglich. 

Genauso wie nach der großen Flut: Über Noah und den anderen Geretteten wölbt sich wie ein schützendes Dach der Regenbogen, den Gott als Zeichen seiner barmherzigen Solidarität mit allen Lebewesen in die Wolken gestellt hat. 

Marc Chagall hat schwere Schicksalsschläge verarbeiten müssen: den mehrfachen Verlust sämtlicher Gemälde bei seiner Odyssee durch die Welt, den Tod seiner ersten Frau Bella. Als er sie verliert, lehnt er alle seine Bilder umgedreht an die Wand, sitzt wochenlang wie gelähmt da, will nie mehr malen, sein Haar wird weiß. In solchen Situationen entdeckt Chagall in der Bibel das Licht, das auch in der Dunkelheit leuchtet, die starke Hand Gottes, die in der äußersten Verzweiflung Halt zu geben vermag.

Kreuzigung Jesu, Kreuzigung der Juden

Leid, Grausamkeit, menschliche Gemeinheit findet er auch in der Heiligen Schrift dargestellt – in der Form von Anklage und Protest. In seinen Passionsbildern malte der vor den Nazis nach Amerika Geflüchtete den gekreuzigten Juden Jesus als Bruder aller Verfolgten. Einem Freund in Israel schrieb er: „Was denkst du von meinen Bildern, die man Kreuzigungen nennt und die doch nichts anderes bedeuten als unser jüdisches Märtyrertum?“ Das Lendentuch des gekreuzigten Christus gestaltet er als jüdischen Gebetsschal mit Streifen und Fransen. Im Hintergrund zünden faschistische und bolschewistische Horden Synagogen an, reißen die heiligen Tora-Rollen aus ihrem Schrein, treiben die jüdischen Landsleute Jesu in den Tod. Doch auf den sterbenden Messias fällt ein blendender Lichtschein. Über all dem Grauen schwebt ein Engel, der die brennende Shabbatkerze trägt und auf dem Schofar bläst wie am Neujahrstag: Menschlicher Hass und Größenwahn können die von Gott geliebte Schöpfung niemals ganz zerstören.

Das ist die Botschaft, die auchChagalls gigantische Spätwerke prägt, die lichtdurchfluteten Glasfenster für christliche Kathedralen und eine Jerusalemer Krankenhaus-Synagoge – weil Juden und Christen an denselben Gott glauben und vor denselben Herausforderungen stehen. Seine Botschaft sollen alle Menschen verstehen, aber bei aller Freude am bunten Detail formuliert er sie doch eher dezent: Wenn Gott zu den Menschen spricht, malt Chagall keinen imposanten Himmelskönig, sondern ein elegantes Wölkchen, aus dem sich eine kleine Hand herausstreckt. 

Die Bibel mit Bildern von Marc Chagall.
Katholische Bibelanstalt, ISBN 978-3-920609-95-9