21.09.2016

Interview mit Bischof Stefan Oster

Absolute Verlorenheit

Harte Worte im Evangelium. Von Höllenqualen ist die Rede, vom unüberwindbaren Abgrund zwischen Unterwelt und Himmel. Diese Seite des Evangeliums wird viel zu oft verschwiegen, meint Passaus Bischof Stefan Oster. 

Das Feuer der Hölle (hier dargestellt auf einem Gemälde in der Kirche von Saint-Nicolas de Véroce, Frankreich). Foto: imago

Im Evangelium langt Jesus richtig zu und droht mit qualvollen Schmerzen in der Unterwelt. Es gibt sie also, die Hölle?
Ja, natürlich gibt es die Hölle. Sie ist weniger ein Ort als ein Zustand der absoluten Entfernung von Gott. Unser Glaube sagt, die Welt ist im Zustand der Verlorenheit und Gottesferne. Christus holt sie wieder zurück: Er ist zu uns gekommen, hat für uns gelebt, gelitten und ist gestorben, um uns wieder zurückzuführen. 

 

Wie beschreiben Sie die Hölle?
Jesus selbst spricht vom Feuer. Gott ist das Feuer der Liebe. Die Liebe Gottes berührt und verwandelt mich – wenn ich zulasse, davon berührt zu werden. Wenn ich mich nicht davon berühren lasse, sondern mich verweigere, kommt mir irgendwann das Feuer der Liebe Gottes gleichsam von außen entgegen. Dann wirkt es, als würde es mich verbrennen. Das Feuer der Liebe verändert – Gott sei Dank. Trotzdem ist das nicht immer nur Spaß, sondern bisweilen auch schmerzhaft. Wie beim Zahnarzt: Der bohrt solange, bis der Dreck raus ist. Aber er will mir etwas Gutes. Wenn ich ihn nicht ranlasse, verfault es im Innern noch mehr. 

 

Das ist ein Bild für das Fegefeuer, nicht aber für das ewige Verlorensein.
Ja, das stimmt. Gott nimmt aber meine Freiheit so ernst, dass ich irgendwann sagen kann: Mit dir will ich nichts zu tun haben. Dann sagt Gott irgendwann: Okay, dein Wille geschehe! Du wolltest das so. Dann bin ich im Zustand der absoluten Verlorenheit.

 

Wenn ich Gott begegne, kann ich doch gar nicht „nein“ zu ihm sagen. Von seiner Liebe umflossen, sehe ich im Rückblick auf mein Leben meine Fehler. Das schmerzt, doch der barmherzige Vater nimmt mich auf. Die Hölle ist leer.
Das ist die so genannte Endentscheidungshypothese: Im Gericht sage ich „Ja“ zu Gott. Die ganze Schrift ist aber voll davon, dass es mit dem Tod des Menschen vorbei ist mit der Möglichkeit sich zu entscheiden. 

Der Mensch muss hier und jetzt Entscheidungen für oder gegen das Gute, für oder gegen Gott treffen. Wenn ich erst im Tod richtig entscheidungsfähig wäre, nähme ich das irdische Menschsein nicht mehr ernst – und das widerspräche der Schrift und dem Glauben.

 

Stefan Oster, Bischof von Passau
Foto: kna-bild

Aber wir kennen doch unsere schlechten Seiten. Was ich in meiner menschlichen Unzulänglichkeit nicht hinbekomme, wird im Gericht geläutert.
Der christliche Glaube geht davon aus, dass ich das Leben ohnehin nicht aus eigener Kraft hinbekomme. Ich muss Gott lieben lernen – als Antwort auf seine Liebe. Dann fängt er an, mich zu verändern. Und das geht jetzt schon los. In diesem Leben. 

In unserer Verkündigung thematisieren wir gar nicht mehr, dass ich mich entscheiden muss. Deswegen ist das Christentum für jüngere Generationen ohne Relevanz. Die erste Generation nach dem Konzil war erleichtert: Die Kirche war plötzlich luftig und frei – Frohbotschaft statt Drohbotschaft. Doch der Heilsuniversalismus – Christus ist für alle gestorben – ist oft in einen billigen Heilsautomatismus verwandelt worden: Alle kommen in den Himmel. Deswegen weiß die heutige Generation gar nicht mehr, was sie in der Kirche soll. 

 

Dem Nichtgläubigen ist es egal: Gott und Hölle gibt es nicht. Aber der Gläubige hat gemerkt, dass es sich lohnt, Gott zu folgen. Der braucht die Höllendrohung doch gar nicht.
Warum steht sie dann so drastisch im Neuen Testament? Und warum spricht Jesus so häufig davon? Christus sagt auch Dinge wie: Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Die Beziehung zu Christus ist demnach die wichtigste Beziehung meines Lebens. Und ja, es ist möglich, aus dieser Beziehung herauszufallen. Christus sagt: An mir entscheidet sich die ganze Weltgeschichte, auch dein Schicksal, dein Leben hängt von der Frage ab, ob du mir folgst oder nicht. Das ist das Evangelium, nicht meine Erfindung.

 

Mit einem weichgespülten Kuschel-Gott geraten wir vielleicht oft ins andere Extrem. Aber müssen wir wirklich wieder das Gericht androhen?
Davon zu reden, dass es Gott um etwas geht, und dass es in unserer Antwort auch um etwas geht – das müssen wir wieder finden. Aber die Drohbotschaft soll nicht im Zentrum stehen. Mutter Teresa würde wahrscheinlich ähnlich über die Hölle sprechen wie ich. Aber niemand würde sie als Gerichtspredigerin wahrnehmen, weil sie verkörperte Liebe war. Wir müssen glaubwürdig leben als Menschen, die anderen die Füße waschen können. Dann ist die Drohbotschaft nicht im Zentrum. Aber wir sollen merken, dass es um Entschiedenheit geht. Jesus will die Entscheidung, immer wieder neu. 

 

Wie kann ich prüfen, ob ich auf der richtigen Spur bin?
Im Galaterbrief schreibt Paulus von den Werken des Fleisches und den Werken des Geistes. Die Werke des Fleisches sind Streit, Parteiungen, Unzucht, Zauberei. Man denkt fast, er erzählt von der Welt von heute. Und dann sagt Paulus, wenn du im Geist unterwegs bist, wachsen Liebe, Freundlichkeit, Sanftmut, Geduld, Güte, Selbstbeherrschung. Da gibt es zum Beispiel einen Menschen, den ich unerträglich finde, ich aber wachse in der Fähigkeit, ihn etwas besser zu ertragen. Das ist ein gutes Zeichen.

 

Früher galt als aus der Spur geraten, wer wieder nicht in der Kirche war, wieder nicht bei der Beichte. Es ging um das äußerliche Erfüllen der Kirchengebote. Die haben Sie jetzt gar nicht aufgeführt.
Richtig. Viele Menschen fragen mich: Herr Bischof, wie wollen Sie die jungen Leute wieder in die Kirche bringen? Ich will sie gar nicht in die Kirche bringen, nur damit ich eine volle Kirche habe. Ich will, dass sie dem Herrn begegnen. Wenn sie dann die Kirche als Ort der Gegenwart Gottes erfahren – wunderbar. Dann sollen sie kommen. Dann verstehen sie, dass das mit dem Sonntagsgebot gar nicht so blöd ist, weil wir tendenziell von unserem Naturell her eher dazu neigen, wegzurutschen. 

 

Was bei dem Gespräch über die Hölle so aufhorchen lässt, ist die Angst, dass jetzt wieder der Erbsenzähler-Gott kommt. 
Überhaupt nicht. Stellen Sie sich vor: Sie wollen als Vater Ihrem Kind einen Baukasten schenken. Was ist Ihre Sehnsucht? Das Kind soll damit spielen. Sie wollen schon, dass es damit ordentlich umgeht. Aber es soll doch einfach nur spielen. Und nicht aus Angst vor Ihnen ständig in die Regeln gucken, wo welcher Stein hin muss. Nein, es soll einfach nur spielen. So geht es Gott mit uns. Erfülltes Leben vor ihm ist doch nicht das Einhalten von Regeln, sondern Liebe, Friede, Freiheit im Heiligen Geist. 

Interview:  Ulrich Waschki