20.01.2016

Christliches Evangelium und jüdisches Gesetz

"Das halte ich hoch"

Der Prophet Nehemia lebte in einer Zeit, als das Volk Israel sich neu finden musste. Gerade war es aus der „Babylonischen Gefangenschaft“ zurückgekehrt. Noch war Jerusalem zerstört und das religiöse Leben lag brach. Da half nur Verkündigung. 

Das Evangeliar wird vom Diakon in den Dom getragen. Foto: H. Haarmann

Verkündigung: Das ist eine der Lieblingsaufgaben von Gerrit Schulte, Diakon in der Osnabrücker Domgemeinde. Bei Gottesdiensten trägt er das Evangeliar hoch erhoben in die Kirche. „Das erste Mal in der Prozession das Evangeliar zu tragen, war wirklich etwas Besonderes“, erinnert er sich. „Auch deshalb, weil es tatsächlich Kraft erfordert, das schwere Buch so lange zu stemmen und gleichzeitig darauf zu achten, dass man unten noch die Stufen erkennt und nicht stolpert.“ Dass das Domevangeliar ein wertvolles Buch ist, interessiert ihn dabei weniger. „Das, was auf dem Papier draufsteht, ist das Wichtige“, sagt er. „Und das halte ich hoch.“

Wenn dann in der Messe die Verkündigung des Evangeliums ansteht, erinnert vieles an das, was Nehemia in der Lesung dieses Sonntags beschreibt: 

„Der Schriftgelehrte Esra stand auf einer Kanzel aus Holz, die man eigens dafür errichtet hatte. “

Eine Kanzel wird in katholischen Kirchen nicht mehr genutzt, aber dafür seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil der Ambo als eigenen Ort für die Verkündigung des Wortes Gottes. „Im Wort ist der Herr wirklich gegenwärtig“, sagt Gerrit Schulte. „Früher war die katholische Kirche viel zu eucharistiefixiert, da war der Altar das Einzige, was zählte. Heute gibt es einen eigenen ‚Tisch des Wortes‘ – da haben wir viel von der evangelischen Kirche gelernt.“

„Als Esra das Buch aufschlug, erhoben sich alle.“

So ist es bis heute: Zur Verkündigung des Evangeliums stehen alle auf. Denn im Evangelium ist Jesus Christus gegenwärtig. Daher die Kerzenträger, der Weihrauch bei besonders feierlichen Gottesdiensten und die stehende Haltung der Gläubigen.

 

„Dann pries Esra den Herrn, den großen Gott; darauf antworteten alle mit erhobenen Händen:  Amen.“

Nicht viel anders ist es, wenn die Verkündigung des Evangeliums mit dem Halleluja-Ruf eingeleitet (und „leider viel zu selten, wie Gerrit Schulte meint) beendet wird. Und wenn das Halleluja wirklich als Jubelruf erkennbar ist. „Das können die auf Schalke besser“, sagt der bekennende Fußballfan Schulte. „Da gibt es noch richtige Hymnen. In unseren Gottesdienstes kommt ist das oft ziemlich müde rüber.“ 

 

„Man las aus dem Buch in Abschnitten und gab dazu Erklärungen ab, so dass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten.“

„Ich predige gerne“, sagt Gerrit Schulte. „Für mich war das ergreifendste Moment bei der Diakonenweihe, als der Bischof mir das Evangeliar überreichte und sagte: ‚Empfange das Wort Gottes, verkünde es und lebe es.’“

„Zur Vorbereitung nehme ich immer einen exegetischen Kommentar, oft auch ein theologisches Lexikon“, erzählt er. Und er fragt sich: „Was ist der Anker in der Gegenwart?“ Gerrit Schulte, der auch beim Caritasverband arbeitet, gibt zu, dass er „alles durch die sozial-politische Brille“ sieht. „Manchmal wird dieser Ansatz aber durch die Exegese irritiert“, lacht er. Deshalb sei die Exegese auch so wichtig. „Damit wir nicht nur das daraus lesen, was wir selber wollen.“ 

 

„Das ganze Volk lauschte auf das Buch des Gesetzes.“
 

„Wenn alle lauschen, ist es gut“, lacht Gerrit Schulte. „Wenn viele mit den Füßen scharren und hüsteln nicht so.“ Dabei finde er „die Redehaltung von oben herab“ immer noch „gewöhnungsbedürftig“. „Manche lesen mir jedes Wort von den Lippen ab. Aber sie sollen ja nicht mir glauben, sondern dem Wort Gottes.“ So richtig zu trennen, ist das aber nicht immer. Vielleicht ist es deshalb heute noch so wie bei dem Priester Esra: Predigen ist mit der Weihe verbunden. Das sieht Gerrit Schulte allerdings mit gemischten Gefühlen. „Zum einen hat der Prediger einen klaren kirchlichen Auftrag. Das muss deutlich werden.“ Das ginge aber auch durch eine bischöfliche Beauftragung an Laien. „Wir berauben uns doch der besten Talente!“

 

„Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein! Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben.“

 

Schon bei Nehemia mündet alles im Mahl und in der Armenfürsorge. „Das ist für einen Diakon natürlich ein toller Text“, sagt Gerrit Schulte, „dass die Wortverkündigung und das Mahl mit allen, auch den Armen, so eng zusammengehören.“

 

„Macht euch keine Sorgen, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“

Und dann bekommt Gerrit Schulte noch einmal leuchtende Augen: beim Fazit des Nehemia. „Das ist genau der zentrale Punkt“, betont er nachdrücklich. „Ich will die Menschen stärken, ihnen die Frohe Botschaft nahebringen, ich will, dass sie mit Hoffnung nach Hause gehen.“ Denn die Freude im Herrn ist unsere Stärke! 

Von Susanne Haverkamp