23.10.2014

Bernard Ihezuo fühlt sich wohl in Deutschland – aber auch nutzlos

Das Warten des Fremden

„Deutschland ist mein Zuhause“, sagt Bernard Ihezuo auf Englisch. Er will sich nützlich machen, sagt er. Sich erkenntlich zeigen für das, was er hier schon bekommen hat. Denn bisher sei alles sehr gut gewesen in Deutschland. 

Umgraben, jäten, pflanzen – Gartenarbeit macht die öde Warterei etwas
erträglicher für Bernard Ihezuo. Viel mehr als Beschäftigungstherapie
allerdings ist das nicht. Foto: Veronika Wawatschek

Bernard Ihezuo fühlt sich wohl hier, hier in Egenburg, diesem winzigen Ort in Oberbayern, auch wenn er, wie sein Helfer Johannes Fenk findet, manches wahrscheinlich eher in ein zu positives Licht rückt. Neun Monate hat Ihezuo mit rund 30 anderen Flüchtlingen aus der ganzen Welt in einer Tennishalle gehaust. 30 Matratzen in einer Halle. Privatsphäre gleich Null.  

Die Erstaufnahmeeinrichtungen für Asylbewerber in Bayern sind heillos überfüllt. Die bayerische Asylpolitik kommt einem Totalversagen gleich, meinen die Kritiker. Bernard Ihezuo will sich dazu nicht äußern, er wartet noch auf seinen Asylbescheid. Über ein halbes Jahr dauert die Entscheidung über einen solchen Erstantrag im Schnitt. Klagen vor Verwaltungsgerichten und eventuelle Folgeanträge sind da noch nicht mitgerechnet. 

Wie lange wird es dauern?

Wie lange es bei Bernard dauern wird? Das wisse nur der liebe Gott, meint er und fügt hinzu. „I pray“ – „Ich bete“. Was er macht, wenn sein Asylgesuch abgelehnt wird? Keine Ahnung. Er zuckt mit den Schultern. Wie könne er Auskunft über etwas geben, das noch gar nicht eingetreten sei? Erstmal müsse er hoffen. Denn er wünsche sich doch nur ein wenig Frieden, sagt er. 

Vor ungefähr einem Jahr ist der 39-Jährige in Deutschland angekommen. Geflohen vor religiös aufgeladenen Konflikten und gewalttätigen Auseinandersetzungen in seiner Heimat Nigeria, hat er seine Schwester, seine Familie zurückgelassen. „Es gibt dort keine Zukunft, keine Perspektive“, sagt er.  Er hat sich mit kleinen Geschäften durchgeschlagen, zeitweilig als freikirchlicher Prediger. Seit dem Sommer nun teilt sich der Nigerianer mit drei Landsleuten und sechs Somali ein ehemaliges katholisches Pfarrhaus in dem Ort im Landkreis Dachau. 

Bernard Ihezuo genießt die Ruhe, die Stille, die Möglichkeit, sich zurückziehen zu können. Zu zweit oder dritt teilen sich die Flüchtlinge im Egenburger Pfarrhaus einen Raum. Der Nigerianer hat quasi ein Einzelzimmer: Ein schwerer Vorhang trennt sein Bett und seinen Tisch vom gemeinsamen Wohnzimmer. Sofa, Fernseher, überhaupt sämtliche Möbel im Haus – alles Spenden von Leuten aus dem Ort. 

Deutschkurs, Fernsehen, Fußball – und Langeweile

„Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten“, heißt es im Buch Exodus. Bernard Ihezuo fühlt sich bislang nicht für ausgebeutet oder ausgenützt in diesem reichen Land. Und das liegt wahrscheinlich weniger an der bayerischen Asylpolitik denn an der Willkommenskultur eines kleinen Dorfes. Schon kurz nachdem bekannt wurde, dass zehn Flüchtlinge ins ehemalige Pfarrhaus ziehen würden, fand sich ein ehrenamtlicher Helferkreis um Johannes Fenk zusammen. Freilich, nicht alle im Ort seien begeistert gewesen, meint der pensionierte Ingenieur. Und doch gebe es die, die anpacken – aus christlicher Nächstenliebe oder einfach, weil sie  versuchen, „als Bürger die Asylanten zu unterstützen, damit sie einen menschenwürdigen Aufenthalt in Deutschland haben“. 

So wie Christina Aschenbrenner. Die Gartenbauingenieurin kniet gerade neben Bernard Ihezuo vor einem kleinen Gemüsebeet draußen im Pfarrgarten. Gemeinsam haben sie das Beet angelegt, denn sie ist der Meinung: Da ist so viel Fläche vorhanden und die jungen Männer haben viel Zeit. Da könnten sie die doch sinnvoll nutzen: umgraben, jäten oder Gemüse pflanzen. So wie Bernard, der nun stolz seine Tomaten präsentiert. Bislang ist er der Einzige aus dem Haus, der Interesse zeigt. Aber vielleicht würden die anderen ja noch auf den Geschmack kommen, hofft Christina Aschenbrenner. 

Denn die Tage können lang werden im Pfarrhaus von Egenburg. Zweimal pro Woche gehen die jungen Männer in den Deutschkurs. Ab und zu kicken sie auf dem Dorffußballplatz – allerdings nicht im Verein. Da stehen versicherungsrechtliche Gründe im Weg. Und abends schauen sie oft lange fern, die Programme aus der Heimat. 

Er würde gern in einem Altenheim aushelfen

Ansonsten heißt es warten, warten auf einen hoffentlich positiven Asylbescheid. Denn vorher dürfen sie auch nicht arbeiten. So sieht es das Gesetz vor. Für das reine Überleben kommt der Staat auf: Etwa 350 Euro bekommen die Flüchtlinge im Monat für Essen, Kleidung, Toi-lettenartikel und sonstige Gebrauchsgegenstände. Das Dach über dem Kopf im Egenburger Pfarrhaus plus Heizung und Strom kommen gratis dazu. 

Ausgebeutet fühlt sich Bernard Ihezuo daher nicht. Der Staat verlangt keine Wucherzinsen, wie sie das Buch Exodus kritisiert. Bernard muss überhaupt nichts zurückzahlen von dem, was er vom Staat bekommt. Aber gerade das ist es, was ihn belastet. Er sagt, er würde doch gerne arbeiten, sich nützlich machen, am liebsten im sozialen Bereich, vielleicht im Altenheim aushelfen. In jedem Fall aber sein eigenes Geld verdienen, unabhängig sein von dem, was ihm der Staat zubilligt. 

Und vielleicht ist gerade das das größte Problem für einen Fremden heute in Deutschland: Ausbeutung ist nicht das Thema. Schwerer erträglich aber ist das Gefühl, an der langen Leine gehalten zu werden, das Wohl und Wehe abhängig von einem Staat, der sich doch im Großen und Ganzen recht freundlich präsentiert, wie Bernard Ihezuo, der Fremde, findet. 

Von Veronika Wawatschek