13.01.2016

Gutwillige auf die Probe gestellt

Deutschland nach "Köln"

„Köln“ ist zum Kürzel geworden für Frauenverachtung und marodierende ausländische Männer. Gemischt mit Polizeiversagen, falscher „politischer Korrektheit“ und Medienhype plus der Debatte um Europas Umgang mit Flüchtlingen und Sexismus. Das Ergebnis: ein Gemenge von Empörung und Wut, Schock und Ratlosigkeit.

 

In der Silvesternacht kam es am Kölner Hauptbahnhof zu Übergriffen gegen Frauen. Foto: kna-bild

Es fällt schwer, die Probleme, die ja irgendwie zusammenhängen, zu analysieren und anzugehen. Wer analysiert, gilt schnell als Beschwichtiger, wer entschiedenes Handeln verlangt, als Vereinfacher. „Köln“ stellt die Willkommenskultur auf eine harte Probe. Etliche wenden sich enttäuscht ab; Verbitterung und Wut wachsen. „Na Woelki, das kommt dabei raus! Da siehst du, was du mit deiner Willkommenskultur und
deine Flüchtlingskanzlerin uns … eingebrockt haben!“, bekam Kölns Erzbischof zu hören. Was gibt‘s da noch zu sagen aus christlicher Sicht? Oder sollten die Prediger der Nächstenliebe erst mal schweigen? – Ein Versuch sei gewagt. Beginnen muss er mit Fakten, die oft ausgeblendet werden.

Ja, Machismus und Frauenverachtung sind Teil der Herkunftskultur arabischer Immigranten. Da haben Männer viel zu lernen, wenn sie aus Ländern kommen, in denen Sexualität tabuisiert ist, ein Mann sich vier Frauen nehmen kann und in denen Morde an Frauen oft nicht einmal polizeilich verfolgt werden. Lernen auch dadurch, dass sie strafrechtlich belangt werden. Besser sind Integrationsmaßnahmen; aber da liegt noch sehr viel Arbeit vor uns. Aber: Machismus und Frauenverachtung gibt es ebenso in Europa, in allen patriarchalen Religionen sowie einer Wirtschaft mit Flatrate-Bordellen und sexistischer Werbung.

Ja, die Polizei in Köln wie in Hamburg hat versagt. Ohne die Empörung vieler und den Druck von Medien wäre das nicht so ans Licht gekommen. Aber vielerorts ist die Polizei unterbesetzt, oft machtlos, wird angepöbelt von ausländischen Kriminellen und deutschen Hooligans.

 

Medien haben heruntergespielt und aufgebauscht

Ja, Medien haben heruntergespielt und aufgebauscht; in Leserbriefen und im Internet wird zudem gehetzt, gepöbelt und beleidigt. Aber: Medien recherchieren auch sorgfältig und versuchen, Zusammenhänge zu erklären. „Ein Generalverdacht ist genauso wenig der richtige Weg wie das Tabuisieren der Herkunft von Kriminalität“, sagt Innenminister de Maizière.

Ja, es gibt teils massive Probleme in Stadtvierteln mit hoher ausländischer Bevölkerung. Unter denen leiden aber Deutsche wie Ausländer. Massiv zugenommen haben zuletzt vor allem rechte Gewaltdelikte, von 2014 auf 2015 um über 40 Prozent. Mindestens 637 Menschen sind dadurch vergangenes Jahr verletzt worden. Dass linker Protest gegen Rechts oft ebenfalls gewalttätig ist, macht die Lage nur schlimmer.

Ja, der Zweifel ist berechtigt, ob „wir das tatsächlich alles schaffen“: die Kontrolle an Grenzen, die Bearbeitung der Anträge, die Sprachvermittlung, die Integration, die Vermittlung gesellschaftlicher Spielregeln.

 

Es gibt diejenigen, die den Staat ausnutzen

Ja, es gibt Flüchtlinge, Einwanderer (und Einheimische), die unseren Sozial- und Rechtsstaat schamlos ausnutzen. Dagegen muss er sich wehren. Aber: Es gibt noch mehr Menschen, die unserem Staat und vor allem seinen engagierten Bürgern sehr, sehr dankbar sind für das, was sie leisten.

Papst Franziskus gab den Europäern Anfang der Woche Folgendes mit ins Jahr 2016: „Die augenblickliche Migrationswelle scheint die Fundamente jenes ‚humanistischen Geistes‘ zu untergraben, den Europa von jeher liebt und verteidigt. Dennoch darf man sich nicht erlauben, die Werte und die Prinzipien der Menschlichkeit, … der gegenseitigen Solidarität aufzugeben, auch wenn sie … eine schwer zu tragende Bürde sein können.“

Unser Sozial- und Rechtsstaat, unsere engagierte Gesellschaft versuchen, ein wirklich christliches Abendland umzusetzen. Allerdings birgt das Evangelium des Jesus von Nazaret Risiken. Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Vergebung sind immer in der Gefahr, ausgenutzt zu werden. Das haben Jesus und viele Christen am eigenen Leib erfahren. Umgekehrt aber geben Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Vergebung sehr vielen Menschen Zuflucht, Frieden, Hilfe und Perspektive.

Von Roland Juchem