01.06.2015

Organspende

Die Talfahrt stoppen

Ein kleiner Lichtblick: Mehr Deutsche können sich prinzipiell eine Organspende vorstellen. Doch nach wie vor überwiegt die Skepsis. Ein Überblick und Faktencheck zur Organspende.

Die prinzipielle Bereitschaft zur Organspende steigt wieder an.
Foto: kna-bild

Sogar die Fußballprofis des FC Bayern kämpfen für die Organspende. Beim Heimspiel gegen Hertha BSC im April liefen die Erfolgskicker zusammen mit organtransplantierten Kindern auf den Rasen. Auf allen Sitzplätzen lagen Organspendeausweise aus. 

Mit solchen Aktionen stemmen sich Prominente, Politik und Medizin gegen den negativen Trend: Nach mehreren Skandalen sind die Deutschen extrem skeptisch, wenn es um die Organspendegeht. In den vergangenen Jahren waren die im europäischen Vergleich sowieso schon niedrigen Spenderzahlen auf einen Tiefpunkt gesunken. Am Samstag findet wieder der bundesweite Tag der Organspende statt. Auf der zentralen Großveranstaltung in Hannover bekennen sich auch Prominente wie Heinz Rudolf Kunze, Marquess oder Mary Roos zur Organspende. 

Eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt zumindest Lichtblicke: Die prinzipielle Bereitschaft zur Organ- und Gewebespende steigt an. 80 Prozent der Befragten stehen einer Organ- und Gewebespende positiv gegenüber, 71 Prozent sind grundsätzlich damit einverstanden, dass man ihnen nach ihrem Tod Organe und Gewebe entnimmt. 2013 waren es 68 Prozent.
 

35 Prozent der Bundesbürger haben einen Organspendeausweis ausgefüllt

Auch steigt seit 2012 die Zahl der Personen, die einen Organspendeausweis ausgefüllt haben: von 22 Prozent 2012 auf 35 Prozent ein Jahr später. Eine ähnliche Umfrage der Krankenkasse Barmer GEK hatte vor kurzem ergeben, dass 31 Prozent der Bundesbürger über einen Organspendeausweis verfügen. Diese Zahl hatten Experten allerdings als ernüchternd bezeichnet - zumal die Krankenkassen und Versicherungen seit Ende 2012 mehr als 60 Millionen Euro ausgegeben haben, um über den Nutzen des Organspendeausweises zu informieren.  

Im internationalen Vergleich steht Deutschland schlecht da: 2014 kamen nur noch 10,7 Spender auf eine Million Einwohner. Der Durchschnitt in der EU liegt bei 19,5 Spendern, in den USA bei 25. Spitzenreiter ist Spanien, das auf eine Quote von 36 Spendern kommt. 

Ursache der Talfahrt waren unter anderem Berichte über Manipulationen in mehreren deutschen Transplantationszentren. Zuletzt hatte das Landgericht Göttingen Anfang Mai zwar einen Transplantationsmediziner freigesprochen - jedoch nur, weil die dem Angeklagten nachgewiesenen Datenmanipulationen zum Tatzeitpunkt nicht strafbar waren.  

Politik und Medizin reagierten mit einer Reihe von Reformen. Nach den ersten Unregelmäßigkeiten hatte die Bundesärztekammer 2012 schärfere Kontrollen und ein "Mehraugenprinzip" beschlossen. Danach soll eine interdisziplinäre Transplantationskonferenz am Behandlungszentrum entscheiden, ob ein Patient auf die Warteliste aufgenommen wird. 

Auch die DSO, die mit der Koordination der Organspende beauftragt ist, hat sich zu Reformen durchgerungen. Sie hat Bund und Länder stärker in ihren Stiftungsrat eingebunden. Der Deutschen Stiftung Patientenschutz reicht das nicht aus: Sie fordert mehr staatliche Kontrolle und mehr Transparenz bei der Organvergabe: "Die Bevölkerung will sicher sein, dass die Regeln für alle Empfänger gleich sind", sagt Vorstand Eugen Brysch. Dazu müsse auch klar geregelt werden, an welche Gerichte sich schwerstkranke Empfänger wenden können.

Die Talfahrt stoppen: Durch die Manipulationsskandale bei Organspenden sind die Spenderzahlen in den letzten Jahren eingebrochen. Foto: kna-bild

 

 

Die wichtigsten Fakten zur Organspende

Wie groß ist der Bedarf an Organspenden?  
Auf den Wartelisten für ein Spenderorgan stehen derzeit rund 11.000 Patienten. Rund 1.000 von ihnen sterben jedes Jahr, ohne dass sie ein Spenderorgan erhalten. 

Wie denken die Bürger über die Organspende? 
Eine neue Umfrage zeigt leicht steigende Zahlen beim Wissen und bei der Zustimmung zur Organspende. So stehen 80 Prozent der Befragten einer Organ- und Gewebespende positiv gegenüber, 71 Prozent sind grundsätzlich damit einverstanden, dass man ihnen nach ihrem Tod Organe und Gewebe entnimmt. Lediglich 35 Prozent haben aber einen Organspendeausweis.

Wie viele Organe werden jährlich gespendet?  
Nach dem Transplantationsskandal ist die Zahl der Organspenden auf einen absoluten Tiefpunkt gesunken. 2014 gab es bundesweit 864 Organspender. 2013 waren es 876 und 2012 noch 1.024. Die Summe der in Deutschland gespendeten Organe ging ebenfalls noch einmal zurück. Sie verringerte sich im Vorjahresvergleich um 46 auf 2.989. 

Welche Organe können gespendet werden?  
Niere, Leber, Herz, Lunge, Bauschspeicheldrüse und Dünndarm können von einem verstorbenen Spender übertragen werden. Außerdem lassen sich Gewebe wie Hornhaut oder Knochen verpflanzen. Ein einzelner Organspender kann bis zu sieben schwer kranken Menschen helfen. Neben der Spende nach dem Tod ist es möglich, eine Niere oder einen Teil der Leber bereits zu Lebzeiten zu spenden. Lebendspenden sind aber nur unter nahen Verwandten und einander persönlich eng verbundenen Personen zulässig.

Welche Voraussetzungen gelten für eine Organspende? 
Damit Organe nach dem Tod entnommen werden können, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Es muss eine ausdrückliche Zustimmung des Spenders oder der Angehörigen vorliegen und der Hirntod muss eindeutig festgestellt worden sein. 

Wie gelangt das Organ vom Spender zum Empfänger?  
Eine Organentnahme nach dem Tod ist in jedem der rund 1.300 Krankenhäuser mit Intensivstation durchführbar. Die Krankenhäuser sind verpflichtet, einen Transplantationsbeauftragten zu ernennen. Er informiert dann die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). Sie vermittelt unabhängige Fachärzte, die die Hirntoddiagnostik durchführen. Die Untersuchungsergebnisse zu Spender, Blutgruppe und Gewebemerkmalen leitet der Koordinator an die europäische Organvermittlungsstelle Eurotransplant weiter, die mit Hilfe der Daten der Patienten auf der Warteliste die passenden Empfänger ermittelt und die zuständigen Transplantationszentren informiert. Die Zentren, von denen es derzeit 47 in Deutschland gibt, verständigen den Empfänger und führen die Transplantation durch. 

Nach welchen Kriterien werden die Organe vergeben?  
Für die schwer kranken Patienten werden Wartelisten geführt und Punkte vergeben, deren Kriterien die Bundesärztekammer festlegt. Die Platzierung der Patienten richtet sich vor allem nach den medizinischen Kriterien der Erfolgsaussicht und der Dringlichkeit. Auch werden die Gewebeverträglichkeit und die Wartezeit gewichtet. Patienten in akuter Lebensgefahr werden vorrangig behandelt. 

Wie kam es zu den Manipulationsvorwürfen?  
Beteiligten Ärzten wird vorgeworfen, dass sie Patienten kränker darstellten, damit sie auf der Warteliste für Transplantationen weiter nach oben rutschen. Als Grund für das Fehlverhalten nannte Ärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery unter anderem "strukturelle Anreize aus der Krankenhausfinanzierung, aus dem Wettbewerbsstreben einzelner Krankenhäuser und auch aus dem vermeintlichen Streben nach Ruhm und Ehre". Mediziner beklagen grundsätzlich eine starke Konkurrenz um Organe zwischen deutschen Kliniken; deshalb solle die Zahl der Transplantationszentren vermindert werden.

Wie können Manipulationen verhindert werden?  
Nach den ersten bekanntgewordenen Unregelmäßigkeiten 2012 hat die Bundesärztekammer schärfere Kontrollen beschlossen. Danach entscheidet eine interdisziplinäre, organspezifische Transplantationskonferenz am Behandlungszentrum darüber, ob ein Patient auf die Warteliste aufgenommen wird. Damit wurde das "Mehraugenprinzip" umgesetzt. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) hat zudem Vertreter von Bund und Ländern stärker in ihren Stiftungsrat eingebunden. Das soll neues Vertrauen schaffen. Geplant ist zudem ein Transplantationsregister, das dafür sorgen soll, dass Angehörige der Spender und jeder Arzt nachvollziehen können, was mit den entnommenen Organen geschehen ist. 

Gibt es auch gesetzgeberische Maßnahmen? 
Im Sommer 2013 hat der Bundestag eine Reform des Transplantationsgesetzes beschlossen. Das Gesetz sieht für Ärzte, die Manipulationen an Wartelisten vornehmen, um Patienten "unberechtigt zu bevorzugen", eine "Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe" vor. Zudem wurde festgelegt, dass die Bundesärztekammer künftig die von ihr formulierten Transplantationsrichtlinien dem Bundesgesundheitsministerium zur Genehmigung vorlegen muss. Bereits 2012 hatte das Parlament ein Gesetzespaket verabschiedet, das den Krankenkassen vorschreibt, jeden Bürger regelmäßig über Organspenden aufzuklären. Außerdem müssen seitdem alle Kliniken mit Intensivstation einen Transplantationsbeauftragten ernennen.

kna

 

So funktioniert eine Organspende.
Grafik: kna-bild