31.08.2016

Heiligsprechung von Mutter Teresa

Eine Mutter für Millionen

Erst jetzt wird Mutter Teresa heiliggesprochen? Das war sie doch schon immer. Aber so einfach macht es sich die Kirche nicht. Hatte der „Engel von Kalkutta“ doch Schattenseiten und inspiriert trotzdem Millionen.

 
 
Nach Anschuldigungen von Radikalen demonstrierten noch 2015 in Indien Gläubige verschiedener Religionen
für Mutter Teresa.                                                                                                                                     Foto: pa

Eines der bekanntesten Fotos zeigt sie im Gespräch mit Papst Johannes Paul II.: zwei Große der katholischen Kirche in den 1980er Jahren. Wer von beiden heilig ist, war nach Ansicht der meisten Betrachter damals klar: sie! Schon 1955, fünf Jahre nachdem die bisherige Direktorin einer Ordensschule ihre eigene Gemeinschaft gegründet hatte, nannte die Zeitschrift „Life“ sie „Die Heilige der Gosse“.

Dabei hatte Anjezë Gonxha Bojaxhiu, geboren 1910 als Tochter einer albanischen katholischen Familie, gesellschaftlich gesehen einen Abstieg hingelegt: Seit 1946 begann sie Jesu Wort „Mich dürstet“ als Auftrag zu verstehen, den Armen auf den Straßen der Millionenmetropole zu helfen. Sie ging an die Ränder, eröffnete ein kirchliches „Feldlazarett“, wie Papst Franziskus sagen würde.

"Alles, nur keine Heilige"

Gleichwohl gab es Kritik an ihr und der Arbeit ihres Ordens. Die sei systemstützend, hinterfrage und verändere nicht die Strukturen, die Armut produzieren. Die Hygiene in den Heimen sei unzulänglich, das Finanzgebaren naiv.  Statt effektiver medizinischer und sozialer Hilfe betreibe sie Mission. Zudem sei sie für emanzipatorisch engagierte Frauen ein zweifelhaftes Vorbild, weil sie die patriarchalen Strukturen der katholischen Kirche stütze. „Alles, nur keine Heilige“, so das Fazit dreier kanadischer Wissenschaftler und eines indischen Arztes, die Teresas Werk ausgiebig untersucht haben.

Für die meisten gläubigen Menschen war all das weniger ein Problem. Ging es um „Mother“, wie sie in Indien genannt wurde, fanden Christen wie Hindus, Muslime wie Buddhisten fast nur lobende Worte. „Nobody is perfect“ – auch Heilige nicht. Als radikale Hindus Mutter Teresa attackierten und ihr Korruption unterstellten, demonstrierten Tausende für sie. Ihrem Sarg, den im September 1997 eine Ehrengarde geleitete, folgten Hunderttausende.

Ihre Glaubenszweifel erstaunten viele Menschen

Als bald darauf Aufzeichnungen der Heiligen über ihre Glaubenszweifel – die „dunkle Nacht der Seele“ – bekannt wurden, erstaunte das viele. Zugleich machte sie das sympathischer, weil es vielen Christen ähnlich geht. Ihr Name ist heute gleichbedeutend für selbstlosen Einsatz für Ausgestoßene und Arme. Mutter Teresa hat Unzählige motiviert, in ähnlicher Weise jenen zu begegnen, die sonst nicht zählen.
Etwa Marie Mauritz: Die Wienerin auf sinnsuchender Weltreise war als Krankenschwester in Kalkutta gelandet, hatte sich breitschlagen lassen, den Weihnachtsgottesdienst zu besuchen und Jesus um ein Zeichen gebeten. „Gewunken hat er nicht“, sagt sie“, aber als ich dann in der Nacht den Kopf des Sterbenden im Arm hielt, da wusste ich: Dieser Mann, ein Hindu, war mein Überbringer von Jesus. Er hat mir das Jesuskind ins Herz gelegt.“ Teresas wesentliches Anliegen: den anderen ansehen mit den Augen eines gläubigen Herzens. Daraus folgt alles Weitere.

Von Roland Juchem