18.07.2014

Richter Peter Gegenwart orientiert sich auch an seinem Glauben

Gott und das Recht

Dass Gott unser aller Richter ist – davon ist schon das alttestamentliche „Buch der Weisheit“ überzeugt. Und es sieht Gott dabei vor allem als milde und nachsichtig. Kann das ein Modell sein für die heutige Rechtssprechung? Richter Peter Gegenwart, Mitglied des Vereins „Christ und Jurist“, gibt Antworten.

Richter Peter Gegenwart

Im Buch der Weisheit wird Gott mehrmals als guter Richter beschrieben, der weise urteilt und dem Sünder gerecht wird. Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Richter aus?

Zum einen muss ein Richter kompetent sein. Er muss Fachwissen vorweisen können, sowohl im materiellen als auch im Prozessrecht. Allein das Wissen, welche Paragrafen anzuwenden sind, reicht aber nicht. Denn Wissen ist nicht zu verwechseln mit Weisheit. Weisheit bedeutet für mich, auch die Umstände zu betrachten und einzubinden in eine Entscheidung. Für mich als Christen ist es ebenso wichtig zu wissen, dass ich moralisch einem höheren Wesen unterstellt bin. 

Was bedeutet dieses Wissen für den Arbeitsalltag?

Es verhindert, dass ich mich als Richter zu wichtig nehme. Für dieses Amt ist auch immer eine gute Portion Demut sehr wichtig. Demut gegenüber Gott, aber auch gegenüber dem Rechtsuchenden, den Hauptpersonen in einem gerichtlichen Verfahren. Es ist meine Aufgabe, den Menschen zu helfen, das Recht zu finden.

In der Bibel zeichnet sich Gott als Richter vor allem auch durch seine Milde aus. Wie streng oder wie milde muss oder kann ein Richter sein?

Abstrakt ist das schwer zu sagen, denn falsch verstandene Milde kann genauso schädlich sein, wie übertriebene Strenge. Es geht um das der Situation angemessene Maß an Milde oder Strenge. Man muss beispielsweise genau prüfen: Ist der Täter erwachsen oder eher als Jugendlicher einzustufen? Hat er das erste Mal eine Verfehlung begangen? Wie steht es um seine soziale Kompetenz? Welche Maßnahmen könnten ihm helfen, ein unbescholtenes Leben zu führen? Das alles ist wichtig bei der Strafe.

Welche Rolle spielt dabei die Wahrheit?

Die Wahrheit zu finden, ist unsere allererste Aufgabe. Nur wenn ich die Wahrheit erkenne, kann ich zu einer Entscheidung gelangen. Ohne Wahrheit ist jedes Urteil falsch, denn wenn ich die Wahrheit nicht erkannt habe, kann ich eigentlich kein Recht sprechen.

Strahlt Ihr persönlicher Glaube in Ihren Berufsalltag hinein?

Meinen Glauben kann ich nicht von meinem Beruf trennen. Ich bete vor jeder Verhandlung, aber auch bei der Vorbereitung jeder einzelnen Akte. Wenn die Parteien eines Rechtsstreits „bis aufs Blut verfeindet“ sind und keine Einigung möglich scheint, dann bete ich, dass Gott mir zeigen möge, wer lügt und wer die Wahrheit spricht. Es ist mir schon passiert, dass nach einem solchen Gebet in der Verhandlungspause, die Stimmung im Gerichtssaal plötzlich eine andere war, dass ich den Beteiligten angemerkt habe, dass sie nicht mehr wollten, dass die Unwahrheit im Raum steht.

Heißt das, dass wir alle das Bedürfnis nach Wahrheit haben?

Das glaube ich ganz stark. Zur Wahrheit gehört für mich aber nicht nur, das gerechte Urteil zu finden. Wahrheit bedeutet auch, das Verfahren so zu führen und das Urteil so zu formulieren, dass es die Parteien auch verstehen. Dass sie damit umgehen und damit leben können. Ein unverstandenes Urteil, egal ob es gerecht ist oder nicht, hilft den Menschen nicht weiter.

Würden Sie sagen, Gott hilft Ihnen, das Recht zu finden?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gott sich auf allen Gebieten des Rechts hervorragend auskennt. Durch mein Gebet bekomme ich oft Impulse, dass ich bei bestimmten Punkten stärker nachhake, dass mir Sachen keine Ruhe lassen, dass ich Dinge nachlese, überdenke. 

Glauben Sie, dass es für Richter wichtig ist, zu glauben?

Für mich persönlich ist das so. Wobei ich sicher bin, dass meine nichtgläubigen Kollegen sich nicht weniger bemühen, die Wahrheit zu finden und Recht zu sprechen. Ich glaube aber, dass es leichter fällt, Konflikte zu ertragen und auch mit der Schuld umzugehen, wenn man etwas falsch entschieden hat. Denn man kann diesen Beruf nicht ausüben, ohne auch einmal selbst schuldig zu werden. Man tut manchmal Unrecht, auch wenn man das unter allen Umständen zu verhindern sucht. Als Christ finde ich dann Vergebung bei Gott. Das ist eine große Erleichterung und hilft mir, immer wieder neu anzufangen.

Interview: Diana Steinbauer