17.12.2013

Woran erkennt man Christen? Fragen an einen katholischen Politiker

An ihren Früchten ...

Als Johannes der Täufer wissen möchte, ob Jesus wirklich der Richtige ist, antwortet der: „Blinde sehen, Lahme gehen.“ Karl-Josef Laumann, CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag von Nordrhein-Westfalen, findet, dass das Argument immer noch gilt.

Herr Laumann, ist Kirche dann am glaubwürdigsten, wenn sie zu den Blinden und Lahmen geht?

Ich glaube, dass die Kirche dieses Profil wieder stärker bekommen muss. Es ist ein Glück für unsere Kirche, dass wir zurzeit einen Papst haben, der das sehr stark verkörpert. Er erwartet von den Gemeinden, dass sie sich um die Menschen kümmern, die sich in einer schweren Lebenssituation befinden. Wenn Kirche das tut und sich kümmert, dann wird es auch leichter, der nachfolgenden Generation deutlich zu machen, dass es sinnvoll ist, sich in der Kirche zu engagieren. 

 

Was würde fehlen, wenn es die Kirchen nicht gäbe?

Den „Blinden und Lahmen“ zu helfen:
Auch heute noch macht das die Kirche
glaubwürdig. Foto: imago

Zunächst mal viele Einrichtungen. In Nordrhein-Westfalen sind beispielsweise zwei Drittel aller Krankenhäuser nicht in öffentlicher Trägerschaft, die meis-ten davon katholisch. Ungefähr 80 Prozent der Alten- und Pflegeheime werden von den Kirchen getragen. Auch andere Einrichtungen etwa für Jugendhilfe, Wohnungslose oder Suchthilfe liegen zum großen Teil in Trägerschaft von Caritas oder Diakonie. Das alles würde fehlen.

Aber könnten staatliche Stellen das nicht genauso gut?

Nein, und deshalb bin ich froh, dass wir in Deutschland ein System haben, in dem unterschiedliche Träger dem Sozialbereich unterschiedliche Gesichter geben. In jedem Krankenhaus werden Krankheiten bekämpft und Kranke geheilt. Aber der Geist, der in diesen Häusern weht, ist doch sehr unterschiedlich. Kirchliche Einrichtungen halten sich eben nicht nur an das Sozialgesetzbuch, da spielt auch Barmherzigkeit eine Rolle. Wenn ein Obdachloser Hunger hat, nützt es nichts zu sagen: Du kannst dir morgen Sozialhilfe abholen. Ich finde es schon gut, dass ihm jemand sofort ein Butterbrot gibt. 

Regelt der Staat nicht alles?

Er regelt viel, aber es bleibt immer etwas übrig. Ich bin in Müns-ter Schirmherr einer Initiative der Malteser, in der es um die Behandlung von Menschen geht, die keine Krankenkasse haben. Das sind oft Mitbürger, die durch ein Lebensschicksal oder einen Konkurs irgendwann ihre Krankenkassenbeiträge nicht mehr gezahlt haben. Da sagen verrentete Ärzte: Wir kümmern uns ehrenamtlich um diese Leute. 

Ist das Ehrenamt typisch christlich?

Natürlich sind auch andere ehrenamtlich tätig. Aber die Kirchen mobilisieren insgesamt das größte Ehrenamt. Nach Zahlen aus dem Erzbistum Köln haben mehr als 13 Prozent der Katholiken ein Ehrenamt im caritativen Bereich. In jeder Kirchengemeinde kümmern sich Christen um soziale Einrichtungen, die auf ihrem Gemeindegebiet liegen. Sie besuchen die Leute, sie tragen ein Stück Gemeinde in die Einrichtung und umgekehrt ein Stück der Einrichtung in die Gemeinde. Außerdem finden es viele einfach schön, wenn im Altenheim auch noch mal der Pastor kommt, wenn es Gottesdienste gibt, wenn eine Marienfigur dort steht und man die großen christlichen Feste feiert. Das schafft eine Atmosphäre der Geborgenheit und ein Mehr an Qualität. Das Zusätzliche neben dem was „muss“, würde fehlen, wenn es die Christen nicht gäbe.

Sie haben den Antrag in den Landtag eingebracht, das gesellschaftliche Engagement der Kirchen zu würdigen. Warum ist das nötig?

Weil wir eine politische Situation haben, in der einerseits alle sagen, wie froh man ist, dass es die Kirchen gibt und was sie alles machen. Aber wenn man in die Parteiprogramme schaut, sieht es oft ganz anders aus, gerade was die rechtliche Stellung der Kirchen betrifft oder die staatliche Mitfinanzierung von sozialen Einrichtungen. Jetzt will ich im Landtag einfach mal sehen: Wie stimmen zum Beispiel die Grünen ab? Reden die nur schön oder stehen sie zu den Kirchen?

Vielleicht hängt das ja damit zusammen, dass das, was an der Basis Gutes getan wird, oft durch Skandale von oben verdeckt wird.

Karl-Josef Laumann

Die Kirche wird auf dieser Erde von Menschen geführt, und Menschen sind auch sündig. Es ist im Namen der Kirchen manches Schlimme passiert, aber viel mehr Gutes, gerade im sozialen Bereich. Als der Staat sich nicht um Kranke gekümmert hat, haben die Kirchen Krankenhäuser gebaut, Armenfürsorge betrieben und Schulunterricht ermöglicht. Man muss immer beides sehen: die Schwächen, aber auch die starken Seiten der Kirche. Und wenn ich das abwäge, dann hat die Kirche alles in allem wesentlich mehr Segen gebracht als Fluch. Was nicht heißt, dass sie nicht ständig daran arbeiten muss, dem Vorbild Jesu näherzukommen.

Interview: Susanne Haverkamp