25.06.2014

Mapapus helfen bei Trennungsschmerz – nicht nur bei Kindern und nicht nur bei Scheidung

Kuschelige Tröster für die Seele

Abschiede gibt es viele – für Kinder wie für Erwachsene. Die Trennung der Eltern gehört dazu, der Umzug der besten Freundin, monatelange Montagearbeit, der Tod eines Kindes oder eines Elternteils. Helfen können dann die „Mapapus“: besondere Kuscheltiere und Seelentröster.

 

Für Bo (4) und Fee (6) sind ihre kuscheligen Mapapus nur treue Begleiter im Kinderleben. Für andere sind sie wichtiger Tröster in Abschiedssituationen. Foto: epd-bild

Sie sehen ein bisschen aus wie Nilpferde. Mit ihrem kugeligen Bauch kommen sie gemütlich daher, gut zum Kuscheln eben. Aber anders als normale Kuscheltiere haben sie eine Besonderheit: Die „Mapapus“ sind Mama-Papa-Puppen, jede ein Unikat, genäht aus den Lieblings-T-Shirts der Eltern für ihre Kinder. „Das hat große emotionale Kraft“, hat Mitschöpfer Hendrik Lind (41) gemerkt.

 


Eine Mapapu für Kinder, deren Eltern sich gerade getrennt haben – das die Ursprungsidee, von Jennifer Arndt-Lind, in deren Nähwerkstatt im niedersächsischen Tostedt bei Hamburg die Puppen entstehen, und der Ausgangspunkt war die eigene Lebenssituation. Denn vor einigen Jahren haben Jennifer Arndt-Lind und Hendrik Lind selbst  eine Patchworkfamilie gegründet, zu der heute vier Kinder gehören. „Jule, die Tochter meines Mannes, lebt bei ihrer Mama in Berlin“, erzählt Jennifer Arndt-Lind. „Der Vater meines Sohnes Emil in Hamburg. Die Kinder pendeln ständig hin und her.“ Als dann 2007 Fee als erstes von zwei gemeinsamen Kindern auf die Welt kam, wurde es für die älteren noch komplizierter. Wer gehört zu wem? Wer ist mit wem verbunden?

 


Mapapus fordern eben getrennte Partner heraus


Zuerst wollte Jennifer ihrem Sohn Emil ein T-Shirt für seine Papa-Wochenenden mitgeben. „Damit er mich quasi mitnehmen kann und ich bei ihm bin“, erinnert sich die 38-Jährige. Doch dann dachte sie: Ein Kuscheltier wäre für den damals achtjährigen Sohn besser. So nähte sie T-Shirts von sich und dem glücklicherweise von der Idee begeisterten Ex-Partner zusammen – und schon war die erste „Mapapu“ geboren.

 


„Ein Zeichen von Zusammenhalt, Einheit und Liebe“, schwärmt ihr jetziger Mann Hendrik, dessen Tochter Jule natürlich auch sofort eine Mapapu bekommen hat. Dabei war der erste Schritt gar nicht so einfach. Schließlich hatte sich Jennifer gerade von dem Mann getrennt, dessen T-Shirt sie nun in der Puppe mit einem Stoff von sich zusammennähen wollte. „Das hat mich Überwindung gekostet“, erinnert sich die Patchworkmama. „Doch es galt, ganz bei den Bedürfnissen des Kindes zu sein und dafür eigene innere Widerstände zurückzunehmen.“

 


Nun stehen die Mapapus für die Liebe, die den Kindern von den Eltern gleichermaßen entgegengebracht wird. Besonders wichtig ist es, dass getragene Kleidungsstücke verarbeitet werden, solche, die den Kindern vertraut sind und die vielleicht sogar den Geruch von Mama oder Papa tragen. „Das stellt Nähe zu dem Menschen her, der nicht da ist“, weiß Jennifer Arndt-Lind: „Durch den Geruch ist Leben drin.“ Und das bleibt nach ihren gemachten Erfahrungen auch so, wenn der Duft verflogen ist. „Wackelt die Seele, bleibt die Mapapu ein verlässlicher Begleiter und Tröster“, meint Hendrik Lind.

 


Mittlerweile haben die beiden „Erfinder“ mit den Kuscheltieren, die ungefähr so groß sind wie ein Baby, ein kleines Unternehmen gegründet. In ihrer Werkstatt in Tostedt wirft Jennifer Arndt-Lind ihre Nähmaschine für Aufträge aus ganz Deutschland an, auch aus Österreich, Italien und den USA. An jedem Tier arbeitet sie mindestens einen Tag. Keines ist wie das andere. Und längst wurde auch die „Zielgruppe“ erweitert, denn Trennungsschmerz haben nicht nur Scheidungskinder.

 



Auch beim Trauern helfen die Kuscheltiere

So stellten Jennifer Arndt-Lind und Hendrik Lind ihre Mapapus kürzlich auf der Bremer Messe „Tod und Leben“ vor. „Anfangs haben wir gedacht: Ist das makaber, Tod und Kuscheltiere?“, bekennt Hendrik Lind. „Aber viele, die mit Trauerarbeit zu tun haben, und auch Trauernde selbst sagen uns: Das ist nicht makaber, sondern hilfreich!“ Jetzt haben die Linds ein Projekt mit dem ambulanten Hospizdienst und Trauerzentrum „Lacrima“ der Johanniter gestartet: Trauernde Kinder sollen kostenlos eine Mapapu bekommen.

 

Ein dreijähriger Junge war der erste Empfänger. Seine Mutter ist schwerst erkrankt und gerade wieder im Krankenhaus. Die Mapapu aus ihren getragenen T-Shirts sieht nach Mama aus und riecht sogar nach ihr. So ist sie ein bisschen da und abends im Bett sogar im Arm. Inzwischen ist in Zusammenarbeit mit verschiedenen Trauerhilfeorganisationen sogar eine Stiftung in Planung. „Wir wollen nicht nur Mapapus verteilen, sondern gemeinsam das Thema Trauer, besonders Trauer bei Kindern, in den Mittelpunkt stellen“, so Hendrik Lind. Für ihn sind die Gespräche mit Trauernden neu, aber auch bereichernd. „Ich bin dankbar, wenn wir kleine Lichter in dunkle Ecken stellen können.“

 


Immer mehr Erwachsene wollen eine Mapapu


Die Trauer um Verstorbene ist inzwischen fast ein Schwerpunkt. Jennifer Arndt-Lind näht Mapapus für Mädchen und Jungen, die ein Elternteil, einen Bruder, eine Schwester oder Großeltern verloren haben. Schwierig wurde es für sie, als sie Mapapus für ein Geschwisterpaar nähen sollte, deren Bruder gestorben ist. „Es war so traurig. Diese T-Shirts in die Hände zu nehmen, sie zu riechen, sie zerschneiden zu müssen.“ Am Ende war sie froh, dass sie es sich doch getraut hat und die Kuscheltiere fertig waren: „Jetzt können die Kinder ihren Bruder wieder in den Arm nehmen.“

 


Doch Trösten und Kuscheln ist nicht nur Kinderkram. „Auch bei uns Erwachsenen gilt das Prinzip des Festhalten-Könnens“, sagt Hendrik Lind. „Eine Mapapu kann man in den Arm nehmen, man kann sich an ihr festhalten. Sie wieder­um hält Erinnerungen für uns fest.“ 30 bis 40 Prozent der Kuscheltiere sind inzwischen für verwaiste Eltern oder für Erwachsene, die den Tod ihres Partners betrauern.

 


Manchmal ist es aber auch weniger dramatisch. So meldete sich ein Monteur, der Monate von zu Hause weggehen musste und sich eine Mapapu aus dem Nachthemd seiner Frau und dem Body des gemeinsamen Babys gewünscht hat. Skypen und Facebook ersetzen eben doch nicht den hautnahen Kontakt.

Von Dieter Sell und Susanne Haverkamp

 

Weitere Informationen:

www.mapapu.de