15.01.2014

Die Ehe ist Thema des Familiensonntags der Kirche

Liebe auf dem Drahtseil

„Diese Liebe hält ewig“, schwören sich Paare zur Hochzeit. Doch eine gute Ehe ist ein Kunststück. Der Familiensonntag der katholischen Kirche am 19. Januar möchte in diesem Jahr zeigen, was die Ehe besonders macht. 

Strahlendes Frühlingswetter, eine sanfte Brise, Rosen in der Hand, das weiße Kleid und dann: „Ja, ich will!“, sagt er leise und bei ihr fließen erste Tränen – so sieht sie aus, die idyllische Hochzeit, bekannt aus Filmen und Büchern. An dieser Stelle endet es dann. Das Happy-End ist erreicht, was danach kommt, will doch keiner so genau wissen, oder?

Der Familiensonntag der katholischen Kirche in Deutschland legt in diesem Jahr den Schwerpunkt auf eben diese Zeit danach. Zum Motto „Drahtseilakt Ehe“ wird  über das Kunststück Partnerschaft diskutiert. Ein Drahtseil wackelt und schwankt, Balance und gefühlvolle Schritte sind nötig. Die Angst, hinaufzuklettern, muss genauso überwunden werden, wie starke Schwankungen austariert. Ebenso ist eine Ehe nicht immer einfach. Sie wird Teil eines gemeinsamen Alltags – ein Grund, warum im Kino oft nach der Traumhochzeit Schluss ist. Eine Ehe ist Problemen und Herausforderungen ausgesetzt: Beruf, Kinder, Sorgen, Stress ... „Wo bleibt die Liebe?“, fragen sich viele Paare, wenn das erste Kribbeln fort ist. 

Die Ehe als einziger Glücksbrunnen?

Kann die Ehe als einziger Glücksbrunnen funktionieren? Ist es die alleinige Aufgabe des einen Ehepartners, den anderen glücklich zu machen, für ewige Flitterwochen zu sorgen? „Wir sind nicht treu gegenüber der Institution Ehe oder dem Ehepartner, sondern gegenüber dem eigenen Gefühl“, sagt Rupert Maria Scheule, Professor für Moraltheologie und christliche Sozialethik in Fulda. „Wenn die Gefühle zu erkalten drohen, erschließt man nicht gemeinsam neue Seiten der Partnerschaft, man wechselt den Partner, um den romantischen Zauber, die emotionale Überwältigung des Anfangs neu zu erleben“, sagt er. Damit nennt er nur einen Grund für das Scheitern von Ehen. Wenn Angst um die Arbeitsstelle, Sorge um Kinder und andere Nöte auf den Alltagsstress treffen, dann wird es für Ehepaare schwierig, bei Konflikten besonnen und ruhig zu reagieren.

 Das Ergebnis: In Deutschland  wurden 2012 rund 180 000 Ehen geschieden. Dem gegenüber stehen 250 000 Erstehen. Das Statistische Bundesamt berechnete außerdem, dass 37 Prozent dieser neuen Ehen innerhalb der nächsten 25 Jahre geschieden werden – keine rosigen Aussichten für die ewige Liebe.

Ehe mit Kindern ist für viele die ideale Lebensform

Junge Menschen lassen sich von solchen Statistiken aber nicht abschrecken. Viele wollen auch heute noch heiraten, obwohl der gesellschaftliche Druck, der früher manches Paar in die Ehe zwang, längst nachgelassen hat und andere Lebensformen akzeptiert werden. 

Die katholische Universität Eichstätt hat katholische Jugendliche zu ihren Wertvorstellungen befragt: Für 86 Prozent der Befragten ist die Ehe mit Kindern die ideale Lebensform. In der letzten Shell-Jugend-Studie aus dem Jahr 2010 gaben 76 Prozent aller Jugendlichen an, dass sie eine Familie bräuchten, um glücklich zu sein. Ehe und Familie bedeuten für sie Stabilität und feste Strukturen. Davon profitiert die ganze Gesellschaft.

Motive, sich zu trauen, sind für Brautpaare vielfältig. Da sind die Steuervergünstigungen, der Wunsch, der Beziehung einen „festen Rahmen“ zu geben oder einmal im Mittelpunkt einer opulenten Feier zu stehen. Und natürlich die Liebe.

„Ehe als Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen“

Für Katholiken ist die Ehe aber mehr: ein Sakrament und das Vertrauen, dass als Dritter Gott mit im Bunde ist – schützend und leitend. „Die Ehe ist Zeichen der Liebe Gottes zum Menschen“, sagt Scheule. „Es ist nicht irgendeine Liebe, sondern die treue, partnerschaftliche, mitunter spannungsreiche Liebe zwischen Frau und Mann, die Gott sich erwählt hat, um von seiner Liebe zu uns zu erzählen.“ Ein Grund mehr, sich vertrauensvoll auf das Drahtseil zu wagen.

Von Kerstin Ostendorf