03.07.2014

Menschen wollen religiöse Rituale – auch wenn ihr Glaube unsicher geworden ist

"Man kann ja nie wissen"

Die einen nennen es „Verschleudern der Sakramente“, die anderen „Sehnsucht nach Segen“. Tatsache ist: An den wichtigen Stellen des Lebens suchen Menschen Rituale und finden Sie oft in der Kirche. Auch wenn sie sonst eher diffus glauben. 

Auch wenn viele Eltern nur noch diffus
glauben, sollen ihre Kinder dennoch Erst-
kommunion feiern. Foto: kna-bild

„Zeit“-Autorin Stefanie Flamm ist Mutter. Und kirchenkritisch. Deshalb gab es für ihre Kinder keine Taufe, sondern ein Begrüßungsfest mit Sekt und Kuchen. Manche fanden das „etwas dürftig“, erzählt sie in der „Zeit“, sie selbst fand es konsequent. Und macht sich über die jungen Familien im „Prenzlauer Berg“ lustig, die ihre Kinder zur Taufe tragen. „Kerngeschäft“ sei das für den dortigen Pastor, Taufe wieder in „fürs neue Bürgertum“, aber gründe nur „in einer diffusen Mischung aus Sehnsucht und Verunsicherung“.

Ganz falsch liegt sie nicht. Der niederländische Liturgiewissenschaftler Gerard Lukken nennt es „Musealisierung der Rituale“: Waren früher Taufe, Trauung oder Erstkommunion Feiern, an denen man aktiv teilnahm, sind heute viele Zuschauer: Wie man ein Bild im Museum anschaut, schaut man der Taufe zu. So drohe Liturgie nur „bestimmten Aspekten der Erlebnisgesellschaft zu genügen“. 

Andererseits ist es falsch, Menschen zu belächeln, die „dennoch“ das kirchliche Ritual suchen, die ihr Kind taufen lassen, obwohl ihr eigener Glaube diffus ist, die sich in der Kirche das Ja-Wort geben, obwohl sie die „Sakramentalität der Ehe“ kaum verstehen. Denn sie haben sich eine Sehnsucht bewahrt nach dem Beistand Gottes – wenn es ihn denn gibt. So wie der Künstler Kurt Schwitters auf seinen Grabstein setzen ließ: „Man kann ja nie wissen ...“ 

Sakramente auch für die, die nur bruchstückhaft glauben

Doch reicht das für ein Sakrament? Der Pastoraltheologe Paul Zulehner sagt ja. Er spricht von „Ritendiakonie“: Christliche Rituale hätten eine so große Kraft, dass sie auch wirken, wenn die Feiernden nur bruchstückhaft glauben; deshalb sollte man sie möglichst weit öffnen. Auch seine Erfurter Kollegin Maria Widl entdeckt in der Bitte um Sakramente eine Chance. „Wir können Suchenden erklären, was das eigentlich ist, was sie von uns wollen.“

Allerdings muss nicht immer ein Sakrament gefeiert werden. So ist es für den Liturgiewissenschaft-
ler Benedikt Kranemann gut, wenn neue Feierformen entwickelt werden, die der religiösen Sehnsucht der Menschen genauso entgegenkommen wie ihrem unsicheren Glauben. Das können Segensfeiern für Neugeborene ebenso sein wie „Gottesdienste für Liebende“ am Valentinstag. Oder wie die „Lebenswendefeier“, die das Bistum Erfurt eigens für Nichtchristen entwickelt hat. Das sieht auch Maria Widl so und rät, solche neuen Formen „mit Freude willkommen zu heißen und zu fördern“.

Allerdings: Menschen brauchen zwar Rituale – aber nicht immer sind die originellsten die besten. Deshalb sagt der Philosoph Heinrich Lübbe: „Tradition gilt nicht wegen ihrer erwiesenen Richtigkeit, sondern wegen der Unmöglichkeit, ohne sie auszukommen …“

Von Susanne Haverkamp