11.09.2012

Werner Könemann engagiert sich für Obdachlose

Mit den Händen glauben

Der Glaube für sich allein ist tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat, sagt der Apostel Jakobus im Sonntagsevangelium. Auch für Werner Könemann ist klar: Echter Glaube bleibt nicht ohne Konsequenzen. Deshalb engagiert sich der Frührentner seit vielen Jahren in einer Hilfsstelle für Obdachlose.

„Schick siehst du heute aus. Hast du eine neue Frisur?“, ruft Werner Könemann einer kleinen, schmalen Frau hinterher, die ihm auf dem Flur begegnet. Die Frau lacht und schüttelt ihren zerzausten Kopf. Seit 22 Jahren hilft der Frührentner ehrenamtlich in der Osnabrücker Wärmestube, einer katholischen Hilfsstelle, die sich um Wohnungslose und in Not geratene Menschen kümmert.
Mehrmals in der Woche bereitet der Hobbykoch warmes Essen für 60 bis 70 Personen zu. Außerdem kümmert er sich um belegte Brote zum Mitnehmen und hält auch immer wieder einen Plausch mit den Leuten. „Wir erleben hier gemeinsam sehr viele schöne Momente“, sagt der 55-Jährige, während er Gemüse in einer großen Industriepfanne anbrät. Um Viertel vor zwölf muss das Mittagessen fertig sein – ein Gespräch ist deshalb nur nebenbei möglich.
Nach und nach treffen die Gäste ein. Werner Könemann kennt die meisten beim Vornamen, kennt ihre Geschichten und merkt sofort, wenn einer mal nicht gut drauf ist. „Die Leute hier haben oft viel Negatives erlebt, kommen sogar manchmal vollgepumpt mit Alkohol oder Drogen und werden dann auch schon mal aggressiv“, erzählt Könemann. „Die Überzeugung im Hintergrund, dass Gott auch in jedem Einzelnen unserer Gäs-te steckt, hilft in solchen Momenten enorm“, bringt es Diakon Joachim Meyer, Leiter der Wärmestube, auf den Punkt. Werner Könemann nickt zustimmend. „Nur von seinem Glauben zu reden, reicht nicht aus. Man muss auch mit seiner Lebensweise dafür einstehen“, ergänzt er.

„Ich behandele die Leute so wie alle anderen auch“

Bevor das Essen ausgeteilt wird, spricht Werner Könemann noch ein Tischgebet. Kurz und knapp. Die Gäste sagen „Amen“, stehen zügig auf und stellen sich in die Schlange vor dem Essenswagen. Ob diese Menschen tatsächlich alle obdachlos sind, spielt keine Rolle. „Jeder, der zu uns kommt, ist willkommen und bekommt eine warme Mahlzeit“, sagt Diakon Meyer. „Wir fragen die Menschen auch nicht nach ihrem Glauben oder danach, warum sie zu uns kommen“, erklärt Könemann. „Wenn aber jemand von sich aus das Gespräch sucht, freuen wir uns darüber.“
Ein älterer Mann, der sich nach dem Essen noch einen Nachtisch abholt, meint: „Werner ist’n Guter. Er ist freundlich, nicht nachtragend und lässt sich trotzdem nicht auf der Nase rumtanzen.“ Mehr will er nicht sagen. „Ich behandele die Leute hier so wie alle anderen auch“, sagt Werner Könemann. „Auf der Straße sind sie permanent den Blicken der Menschen ausgesetzt. Hier sollen sie etwas zur Ruhe kommen.“
Weil dazu auch ein leckeres Essen gehört, gibt er sich bei den Mahlzeiten besonders viel Mühe. „Ich versuche, gesund zu kochen – so, wie ich es auch selber gerne essen würde“, sagt Könemann. „Ich benutze die verschiedensten Gewürze und mache so viel wie möglich frisch.“ Die Leute bemerken das: „Die Soßen von Werner sind die besten“, meint ein Gast.

„Christ ist man schließlich nicht nur an Sonntagen“

Die Arbeit in der Wärmestube empfindet Werner Könemann als eine Möglichkeit, seinen Glauben mit Leben zu füllen. „Für mich wird mein Glaube hier greifbarer“, sagt er. Hinzu kommt: „Die Arbeit macht mir auch sehr viel Freude und ich habe fast immer Spaß bei der Sache“, sagt er. „Außerdem gibt sie mir Bestätigung und das Gefühl, noch gebraucht zu werden.“
Nachdem Werner Könemann vor zwölf Jahren an Krebs erkrankte, musste der einstige Postbeamte in den Frühruhestand gehen. Aber auch vorher verbrachte er bereits viel Zeit in der Wärmestube. 1998 übernahm er nach dem Tod von Bruder Otger, dem Gründer und damaligen Leiter, sogar die kommissarische Leitung. Könemann sieht seinen Einsatz als selbstverständliche Konsequenz aus seinem Glauben. „Christ ist man schließlich nicht nur an Sonntagen. Christ ist man täglich, rund um die Uhr.“
Lisa Koch