30.11.2011

Eheannullierung: heilsamer Ausweg oder scheinheilige Ausrede?

Null und nichtig

Seit mehr als zehn Jahren ist Gertrud A. geschieden. Ihr kirchliches Ja-Wort ist ebenfalls lange annulliert. Doch noch immer hat sie keinen Frieden gefunden: „Ich halte meine kirchliche Ehe nach wie vor für gültig“, sagt die Mutter von vier mittlerweile erwachsenen Kindern.

Gegen ihren Willen, noch bevor die staatliche Scheidung durch war, hatte ihr Ex-Mann ein kirchenrechtliches Verfahren angestrengt, um die Ehe für nichtig erklären zu lassen. Mit Erfolg: Die Richter am kirchlichen Gericht erkannten eine Eheführungsunfähigkeit beim Ehemann. Weil er aufgrund seiner Persönlichkeit gar nicht in der Lage sei, eine Ehe nach katholischem Verständnis zu führen, war die Ehe mit Gertrud A. ungültig. Die Unfähigkeit, eine Ehe zu führen oder zu schließen, ist der Hauptgrund für kirchliche Gerichte in Deutschland, eine Ehe für nichtig zu erklären.
Eheannullierungen sind aber keine „Scheidung auf katholisch“, wie es regelmäßig in weltlichen Medien heißt. Nach katholischem Verständnis gilt eine Ehe lebenslang und kann nicht geschieden werden: „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“, sagt Jesus schließlich im Markusevangelium über die Scheidung. Die kirchlichen Eherichter prüfen, ob eine Ehe überhaupt gültig zu-stande gekommen ist.

„Viele Ehen sind glücklich, aber nicht gültig“, sagt Stefan Schweer vom Bischöflichen Offizialat der Diözesen Osnabrück und Hamburg, dem kirchlichen Gericht. „Etwa ein Drittel aller Ehen dürfte ungültig sein“, schätzt Schweer. Denn die Hürden für eine gültige, katholische Ehe sind hoch: Beide Partner müssen sie aus freiem Willen bejahen, müssen sie für ihr Leben schließen, als Sakrament verstehen, also als Wirken Gottes an uns Menschen, und dürfen Kinder nicht absolut ausschließen. Auch müssen sie das Wohl des Partners im Blick haben. Schließt ein Partner auch nur ein Merkmal aus, ist sein Ja-Wort ungültig. Das gilt auch, wenn jemand psychisch nicht fassen kann, was er da eigentlich verspricht (Eheschließungsunfähigkeit) oder nicht in der Lage ist, seine Versprechen einzuhalten, also keine christliche Ehe führen kann (Eheführungsunfähigkeit). „Wer zum Beispiel immer nur auf sein eigenes Wohl bedacht ist, führt keine christliche Ehe“, sagt Schweer.

Über rund 750 Ehen haben kirchliche Gerichte 2009 – eine aktuellere Statistik gibt es noch nicht – in erster Instanz entschieden. Drei Viertel davon erklärten sie für ungültig. Bis es so weit ist, dauert es etwa ein Jahr. Zeugen werden befragt, vielleicht Gutachten eingeholt. Am Ende des Verfahrens sucht ein Ehebandverteidiger in den Protokollen und Papieren, was für die Gültigkeit der Ehe spricht. Auf dieser Grundlage stimmen drei Richter über den Fall ab. Und ist damit das erste Urteil gefällt, geht es in die zweite Instanz. Das Kirchengericht eines anderen Bistums  entscheidet über den Fall, allerdings nach Aktenlage – weil für die Annullierung einer Ehe zwei gleichlautende Urteile nötig sind.

Viele wollen wieder heiraten

Grund für ein solches Verfahren ist meist, dass nach einer Trennung ein Partner wieder kirchlich heiraten will. Bei Angestellten kirchlicher Arbeitgeber gibt es zusätzlichen Druck: Ihnen droht nach einer Wiederheirat die Kündigung. Für Gertrud A. ist klar: Die Annullierungen sind eine Reaktion der Kirche auf die hohe Zahl von Scheidungen. Sie ist verbittert. „Vor Gottes Angesicht nehme ich dich an als meinen Mann“, hatte sie ihrem Partner in der Kirche versprochen. Doch das war ungültig. Weil er aufgrund einer krankhaften Ich-Bezogenheit keine christliche Ehe führen kann. Null und nichtig. „Das Schlimme ist, dass die Kirche nicht sagt, ‚da haben sich zwei Menschen geirrt‘, sondern dass unsere Ehe quasi nicht stattgefunden hat“, beschreibt Gertrud A. ihre Verletzungen. „Was war jetzt mit unserer Ehe – war Gott da?“

Peter M. hat das Verfahren ganz anders erlebt. Er hat es selbst angestrengt, um sein erstes Ja-Wort überprüfen zu lassen. Nach mehr als zehn Jahren war seine erste Ehe gescheitert. Nun lebte er in einer neuen Beziehung, wollte erneut kirchlich heiraten. „Weil meiner Frau und mir der Glaube an Gott wichtig ist und wir unser Ja vor ihm bekräftigen wollten.“ Der Prozess sei für ihn aber auch eine Hilfe gewesen, seine eigene Vergangenheit aufzuarbeiten: „Das Nachdenken, über das, was eigentlich war, die Reflektion war sehr heilsam.“

Was vorher war, ist nicht ausgelöscht

Beim ersten Ja-Wort war er laut Urteil nicht in der Lage, die Tragweite seiner Entscheidung zu erkennen. Eheschließungsunfähigkeit also. Innerer und äußerer Druck hätten seine Entscheidung beeinflusst, durch die Hochzeit wollte er eine vermeintlich heile Welt erreichen, das Ja zu einem anderen Menschen stand nicht im Mittelpunkt. „Ich bin da so hineingestolpert.“ Ein Unterschied wie Tag und Nacht sei das zweite Ja-Wort gewesen: „Da habe ich gemerkt: Heute bist du wirklich da, aus freien Stücken.“ Doch die Jahre in der ersten Ehe sind für ihn nicht null und nichtig: „Annullierung ist eigentlich ein blödes Wort. Was vorher war, hat schließlich auch einen Wert. Man hat ja eine gemeinsame Geschichte.“ Peter M. ist mit sich und der Kirche im Reinen.

Anders Gertrud A. – ihr ist klar, dass sie mit ihrem Mann keine gemeinsame Zukunft gehabt hätte, dass sie auch ohne Annullierung nicht hätten zusammenleben können. Dennoch: Sie fühlt sich an ihr Versprechen vor Gott gebunden. Die Annullierung gegen ihren Willen hat ihr Verhältnis zur Kirche zerstört. Dabei war die Kirche immer ihre Heimat. „Jetzt verstehe ich, was Heimatvertriebene empfinden.“

 

Zur Sache

Fragen zum Thema Eheannullierungen beantworten die Mitarbeiter der Offizialate, der kirchlichen Gerichte. Sie beraten auch kostenlos und unverbindlich im Einzelfall. Zuständig ist das Offizialat des Bistums, in dem man wohnt oder in dem man geheiratet hat. Eine Liste der Offizialate findet sich hier: www.ehenichtigkeit.de

Ulrich Wachki