17.12.2013

Zu Weihnachten macht Gott uns ein Geschenk / Wünscht er sich auch etwas?

Schreibt Gott auch einen Wunschzettel?

Vor Weihnachten schreiben Menschen Wunschzettel oder sagen zumindest – von Freunden und Verwandten bedrängt –, was sie sich wünschen. Daher sei hier die Frage gestattet: Würde auch Gott einen Wunschzettel schreiben? Hat er überhaupt Wünsche?

 

 

Was wünscht sich Gott von den Menschen?
Foto: picture-alliance

Weihnachten das Fest des Schenkens. Aber doch nur, weil Gott die Menschheit so reich beschenkt hat. „Und schenkt uns seinen Sohn“ heißt es im Weihnachtslied-Klassiker „Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich“. Lauter Jubel und große Freude herrschen, „denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt“, verkündet Jesaja in der ersten Lesung der Heiligen Nacht. Wenn nun aber Gott sogar sich selbst den Menschen geschenkt hat: Erwartet er Gegengeschenke? Wünscht Gott sich etwas von den Menschen?

In der Bibel wird wenig gewünscht. Viel öfter ist im Alten Testament die Rede vom Verwünschen. Die Menschen der Bibel hoffen, erwarten, bitten, erflehen oder klagen. Nur hier und da hat sich ein Wunsch eingeschlichen ins Buch der Bücher, etwa in den 145. Psalm: „Der Herr ist allen, die ihn anrufen, nahe, / allen, die zu ihm aufrichtig rufen. Die Wünsche derer, die ihn fürchten, erfüllt er, / er hört ihr Schreien und rettet sie.“ Und im Neuen Testament äußern allenfalls Paulus und andere Briefschreiber en passant den einen oder anderen Wunsch – an sich oder an die Adressaten.

Dass also Gott einen Wunschzettel an die Menschen schriebe, wäre Generationen von Christen unvorstellbar gewesen. Der Schöpfer und Herrscher des Universmus fordert, mahnt, befiehlt. Seine Zehn Gebote beginnen mit „Du sollst …“. Gott hat keine Wünsche, er hat einen Willen. „Der Wille Gottes schafft alles, was ist. Er bleibt nicht beim ‚Wollen‘ stehen, sondern ist im Willensschluss schon Vollzug, Handlung und Äußeres“, heißt es in Herders Praktischem Bibellexikon von 1969.

Wünscht sich jemand etwas, der allmächtig ist?

Und auch im gut 800 Seiten starken Katechismus der katholischen Kirche ist nur einmal davon die Rede, dass Gott sich etwas wünscht: „Es ist der Wunsch und das Werk des Geistes im Herzen der Kirche, dass wir aus dem Leben des auferweckten Christus leben.“ Zwar wünscht Gott sich etwas, aber gleichzeitig bewirkt er es gleich selbst. Da ist ja fast schon langweilig. Warum auch sollte jemand, der allmächtig ist, sich etwas wünschen? Der kann sich doch alles so machen, wie er’s gerne hätte. Oder doch nicht?

Eine schwierige Frage, über die sich mancher Gläubige und auch Theologe den Kopf – vielleicht sogar das Herz – zerbrochen haben. Eine mögliche Antwort versucht jenes Kruzifix in der St.-Ludgeri-Kirche zu Münster, dessen Corpus im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff beide Arme verloren hat. So hängt am Kreuzesbalken ein Jesus ohne Arme und Hände. Darunter steht: „Ich habe keine anderen Hände als eure Hände.“ Braucht es also, damit sein Wille geschehe, doch die Menschen? Dann müsste Gott von den Menschen fordern, verlangen, erbitten – oder auch wünschen.

Die Vorstellung, dass Gott sich etwas wünscht, ist recht jung. Das hängt damit zusammen, wie Menschen sich selbst vor Gott sehen: als erwählte Bündnispartner wie in der Tora, als weitgehend rechtlose Untertanen wie in einer mittelalterlichen Monarchie, als Sünder in einer von der Sünde verdorbenen Welt oder als Freunde, wie Jesus seine Jünger im Johannesevangelium nennt. Dass Gott sich etwas „wünscht“ – und weniger gebietet oder fordert –, ist auch Ausdruck einer neuen, werbenden religiösen Sprache in der Kirche. So schreibt jemand auf einer Internetseite, auf der es darum geht, ob und wie man Kinder religiös erziehen soll: „Jesus lehrte und erklärte, was Gott sich von den Menschen wünscht und warum er sich das wünscht.“

In erster Linie geht es bei Gott ja um Vertrauen, um Liebe und Hingabe. Die aber werden nicht geschenkt aufgrund von Befehl und Gehorsam. Sie sind Wünsche des Herzens, die an die Freiheit appellieren. An die Freiheit von uns Menschen.

„Wunschlos glücklich“ kann Gott kaum sein, wenn er sich seine Welt so anschaut. Darauf hat zuletzt Papst Franziskus in seinem Schreiben „Evangelii gaudium“ noch einmal deutlich hingewiesen. Was also würde Gott auf seinen weihnachtlichen Wunschzettel schreiben? Im Grunde fällt es nicht schwer, das zu beantworten. Seine Wunschzettel hat Gott in der Bibel versteckt; und schwer zu finden sind sie auch nicht.

Zuerst wünsche ich mir, dass du mich suchst! „Mein Herz denkt an dein Wort: ‚Sucht mein Angesicht!‘ / Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. Verbirg nicht dein Gesicht vor mir.“ (Psalm 27,8) Denn „du, Herr, verlässt keinen, der dich sucht“, verspricht Psalm 9,11. „Gott, du mein Gott, dich suche ich, / meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib / wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.“ (Psalm 63,2) Ja „sucht mich“, antwortet Gott durch den Propheten Amos, „dann werdet ihr leben.“ (5,4).

Ich wünsche mir, dass du mir vertraust! „ Ich war es, der Efraim gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme. Sie aber haben nicht erkannt, dass ich sie heilen wollte. Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe. Ich war da für sie wie die Eltern, die den Säugling an ihre Wangen heben. / Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen. … Wie könnte ich dich preisgeben, Efraim, wie dich aufgeben, Israel?“ (Hosea 11,2–8) „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11,28–30)

Ich wünsche mir, dass du mich liebst! „‚Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.‘ Als Zweites kommt hinzu: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.“ (Markus 12,29–31)

Ich wünsche mir, dass ihr eins seid! „Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt … Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Johannes 13,34; 17,21)

Ich wünsche mir, dass du dich um deinen Nächsten kümmerst, vor allen um den Armen! „Eigentlich sollte es bei dir gar keine Armen geben.“ (Deuteronomium 15,4) „Selig ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“ (Lukas 6,20). Und der Papst schreibt in Evangelii gaudium: „Ich würde mir wünschen, dass man den Ruf Gottes hörte, der uns alle fragt: ‚Wo ist dein Bruder?‘ Wo ist dein Bruder, der Sklave? Wo ist der, den du jeden Tag umbringst in der kleinen illegalen Fabrik, im Netz der Prostitution, in den Kindern, die du zum Betteln gebrauchst, in dem, der heimlich arbeiten muss, weil er nicht legalisiert ist? Tun wir nicht, als sei alles in Ordnung! Es gibt viele Arten von Mittäterschaft. Die Frage geht alle an! Dieses mafiöse und perverse Verbrechen hat sich in unseren Städten eingenistet, und die Hände vieler triefen von Blut aufgrund einer bequemen, schweigenden Komplizenschaft.“

Ich wünsche mir, dass du Werke der Barmherzigkeit tust! „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. … Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,35–40)

Ich wünsche mir, dass du meine Schöpfung gut verwaltest! „Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. … Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.“ (Genesis 1,28–30)

Ich wünsche mir, dass du das Leben schützt! „Du sollst nicht morden!“ (Exodus 20,13). Oder wie es die evangelikale Pfarrerin und Autorin Bärbel Wilde formuliert: „Jeder Mensch steht auf dem Wunschzettel Gottes.“

Klar: An Weihnachten geht es zuerst um ein Geschenk von Gott an die Menschen. Und weil die darüber nicht gleich in Begeisterungstürme ausbrechen könnten, betont der Engel: „Ich verkünde euch eine große Freude: Heute ist euch der Retter geboren, ein Kind in Windeln gewickelt, in einer Krippe …“ Gefällt es euch, das Gottesgeschenk?

Schon der Evangelist Johannes schrieb dazu rückblickend: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ – Ein solches Geschenk von Gott? Nö, will ich nicht. Wo kann man das umtauschen?

Von wegen umtauschen! „Die Kirche ‚im Aufbruch‘ ist die Gemeinschaft der missionarischen Jünger, die die Initiative ergreifen, die sich einbringen, die begleiten, die Frucht bringen und feiern“, schreibt Papst Franziskus. Wer Gottes Geschenk begreift und darin seinen Wunschzettel liest, der „spürt, dass der Herr die Initiative ergriffen hat, ihr in der Liebe zuvorgekommen ist, und deshalb weiß sie voranzugehen, versteht sie, furchtlos die Initiative zu ergreifen, auf die anderen zuzugehen, die Fernen zu suchen und zu den Wegkreuzungen zu gelangen, um die Ausgeschlossenen einzuladen. Sie empfindet einen unerschöpflichen Wunsch, Barmherzigkeit anzubieten …“

Von Roland Juchem