12.05.2015

Sollen Verstorbene ewig ruhen oder ewig leben?

Meine Enkelkinder fragten mich: „Warum beten wir ‚Herr, gib ihnen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihnen, Herr, lasse sie ruhen in Frieden‘. Wir wollen als Christen doch auferstehen und nicht ewig schlafen“. P. S., Wittichenau

Nach traditioneller christlicher Vorstellung, die aus dem jüdischen Glauben erwachsen ist, gibt es eine Zeit zwischen Tod und Auferweckung. Das ist die Zeit der Ruhe. Die Toten schlafen sozusagen, bis sie auferweckt werden von Gott am Jüngsten Tage wenn der Messias/Christus wiederkommt. Erst dann werden wir endgültig und ganz bei Gott sein.

Die Bitte um ewige Ruhe entstammt dem Eingangsgebet der früheren Messe für Verstorbene von 1570: „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen.“ Die Wendung „Ruhe in Frieden“ stammt wohl vom vierten Psalm her: „In Frieden leg ich mich nieder und schlafe ein“ (Vers 9). In der lateinischen Übersetzung, die jahrhundertelang maßgeblich war, steht „in pace … requiescam“. Daraus entstand die Bitte: „Requiescat in Pace“ – abgekürzt R.I.P. (Ruhe in Frieden).

Weil das Leben, zumal in früheren Jahrhunderten, oft aus Kampf, harter Arbeit und Mühsal bestand, erhofften die Menschen nach dem Tod zunächst Ruhe und Schlaf. Nachdem Gott uns aber aus diesem Schlaf der Toten auferweckt hat, leben wir bei ihm. Dann genießen wir ein Leben in vollen Zügen. Dann ist es wie bei einem Hochzeitsmahl, von dem Jesus so oft sprach.

Allerdings muss man auch hier hinzufügen: „Ewig“ heißt nicht endlos, sondern außerhalb von Raum und Zeit. So sind auch „ewige Ruhe“ und „ewiges Leben“ kein Widerspruch mehr. Bei Gott, so hoffen wir, ist beides möglich: ausruhen sowie leben und feiern.

Die heutigen Messformulare für Verstorbene enthalten die Bitte um ewige Ruhe nur noch in zwei Fällen. Statt dessen betonen die Texte stärker den Glauben an die Auferstehung und damit – wie Ihre Enkel mit Recht bemerken – das ewige Leben.“

Von Roland Juchem