01.10.2014

Wie die „neuen Werte“ des „alten Paulus“ helfen können, das Leben zu bestehen

Tugendtraining des Paulus

„Wahrhaft, edel, recht, lauter, liebenswert.“ Ein ambitioniertes Erziehungsprogramm, das Paulus der Gemeinde in Philippi ans Herz legt. Widerspricht aber ziemlich der heutigen „Geiz-ist-geil“-Mentalität. Die Tugenden des Paulus: gesellschaftlich überholt oder zumindest nicht mehr „trendy“?

Wenn was nicht passt: gleich aggressiv werden
und zuschlagen 
Foto: imago

Bei den Kindern und Jugendlichen, auf die Dagmar Keilwerth (34) und Regina Busch (35) treffen, ist das jedenfalls so. Sie kommen aus Familien, „die vor lauter Alltagskampf keine Zeit mehr haben, über den Teller, den sie füllen müssen, hinauszudenken“, meint Regina Busch, die in einer Jugendhilfeeinrichtung im Ruhrgebiet mit 6- bis 12-Jährigen zu tun hat. „Diese Familien können sich Werte nicht leisten.“ 

„Nein, ihre Werte scheinen mir eher verschoben“, schränkt Dagmar Keilwerth ein; sie arbeitet in einer Jugendhilfewohngruppe von 14- bis 18-Jährigen in Unterfranken. Es gehe nur um materielle, nicht um innere Werte. „Bei ihnen zählt, wie viel ich habe, und davon hängt dann ab, wie viel ich wert bin.“ Ihr Umfeld macht ihnen klar, dass sie nichts wert seien. „‚Ihr seid Hartz IV‘, heißt es. Und unsere Jugendlichen kommen dann darauf, dass sie ganz viel haben müssen, um etwas zu sein.“ Daher stehen die Erzieherinnen in dem Spagat zwischen Egomentalität und Gruppensinn, zwischen „Alles für mich“ und „Rücksicht auf euch“. Und ohne dass sie ihn ausdrücklich zum Vorbild nehmen ist ihr Programm an Paulus angelehnt. 

Auch aus der eigenen Prägung heraus. So war in der Familie von Dagmar Keilwerth der Einsatz für andere, ohne etwas zu erwarten, das Motto gewesen. „Ich habe das mit der Muttermilch aufgesogen und selbst erfahren, dass der Nächste zählt, egal ob er schwarz, weiß, grün, arm oder reich ist. Und ich hab‘ erlebt, dass eine solche Haltung mir weder wehtut noch schadet.“ Sie hat mit diesen Werten gute Erfahrungen gemacht und sieht in ihnen die Basis für ihre Arbeit als Sonderpädagogin. „Meiner Familie ist es gelungen, dass ich sie so verinnerlicht habe, dass ich sie überzeugt und klar weitergeben kann.“

Was aber, wenn Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in denen sie das alles nicht lernen? Wenn die Erziehung so schiefgeht, dass Kinder in Einrichtungen landen, die versuchen, diese Wertebasis zu legen, jeden Tag, immer wieder, auf jedes Kind in der Gruppe zugeschnitten. „Wir können unseren Jugendlichen und Kindern dann etwas mitgeben“, sagt Busch, „wenn uns klar ist, dass wir die Welt nicht retten können, sondern sie nur jeden Tag etwas verbessern, konkret bei diesem einen Kind, in dieser einen Gruppe.“ 

Julia konnte Aggression, aber keine „Lauterkeit“

Tugenden wie „liebenswert, recht, lauter“ brachte Julia (*Name geändert) nicht mit, als sie mit zehn Jahren in die Tagesgruppe von Regina Busch kam. Ihr fehlte jede Orientierung, und diese Ziellosigkeit hat sie häufig in Aggression verpackt.  „Wir haben bei ihr viel über Konsequenzen gearbeitet: Zeigt sie aggressives Verhalten, weiß sie, was folgt“, so Busch. Etwa, dass sie von der Tagesgruppe ausgeschlossen und komplett ignoriert wird. 

Das Gefühl, ausgeschlossen zu werden, kannte Julia und es war ihr nicht egal, denn sie wollte dazugehören. Dadurch, dass sie auf ihre Aggressivität sofort eine Reaktion bekam, lernte sie, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat. Julia konnte selbst entscheiden, ob sie die wollte. „Wisst ihr“, erklärten die Erzieher den anderen Kindern, „dass die Julia sich so verhält, das ist ein Zeichen dafür, dass es ihr nicht gutgeht. Sie ist unsere Freundin. Dann lasst uns mal überlegen, wie wir ihr helfen können.“ Und Schritt für Schritt begann Julia, ihr Verhalten zu verändern. 

„Kinder und Jugendliche haben oft kurzfristige Ziele und können nicht längerfristig denken. So geraten sie immer wieder in dieselbe „Mühle“. Da schauen wir mit einem größeren, längerfristigen Ziel drauf und fördern ihre Kräfte und Fähigkeiten“, erzählt Dagmar Keilwerth. „Immer mit viel Liebe, Wohlwollen, Fehlerfreundlichkeit. Und immer dranbleiben, nicht alleine lassen. Nicht für die Lüge bestrafen, sondern für die Ehrlichkeit belohnen, das groß machen, was für uns selbstverständlich ist, aber für sie neu und ungewohnt.“ 

Die Erzieherinnen leben mit den Kindern, auch über Nacht. „Die wissen ganz genau, wie wir sind und wer wir sind“, verdeutlicht Dagmar Keilwerth. „Sie reiben sich an uns, stellen uns infrage – und da beständig und authentisch, wahrhaftig und immer wieder liebenswürdig, aber auch konsequent zu bleiben, Struktur zu bieten, das ist ein ganz wesentlicher Punkt.“ 

MIt alten Werten in der heutigen Zeit besser leben

Für viele Kinder sind die Werte vom „alten Paulus“ neu und ein Ansatzpunkt, im Leben besser zu bestehen. Bei vielen gelingt es, bei anderen nicht. Manche bringen sich mit ihrem Verhalten sogar ins Gefängnis – herbe Rückschläge für das Team in der Wohngruppe. Julia geht es mit ihrem neuen Wertetraining hingegen besser. Sie konnte ohne viel Tamtam, ohne Ausrasten und Aggression aus der Gruppe gehen. Sie war sehr stolz auf sich, wechselte auf eine weiterführende Regelschule und ist dort auch gut gestartet. Paulus hat eben auch heute noch etwas fürs Leben zu bieten, selbst wenn er nicht ganz „trendy“ ist. 

Von Sibylle Brandl