09.11.2016

Themenwoche "Mein Gott": Der Jesuit Bernd Knüfer im Interview

Vom Mut zum langen Zuhören

Der Jesuit Bernd Knüfer lebt in Leipzig. Dort gründete er die Kontaktstelle Orientierung, bietet Mediationskurse und Dialogveranstaltungen für Glaubende und Religionslose an.

Auch der Katholikentag 2016 in Leipzig war der Versuch, Gott in einem nicht-religiösen Umfeld zur Sprache zu bringen. Foto: KNA

Worin sehen Sie in Ihrem eigenen Leben den eindrücklichsten Berührungspunkt mit Gott?Zum Ende meines Philosophiestudiums war ich kurz davor, aus dem Jesuitenorden und aus der Kirche auszutreten. Schon als Jugendlicher hatte mich die Frage beschäftigt: Gibt es Gott wirklich? Die Gottesbeweise Thomas von Aquins und anderer Denker kannte ich gut. Wenn bewiesen ist, dass die Evangelien echt sind und dass Jesus wirklich gelebt hat, ergibt sich der Glaube daraus von alleine, hatte ich gedacht. Doch plötzlich wurde mir klar: Die Gottesbeweise sind zwar in sich schlüssig. Wenn ich meine menschliche Existenz darauf aufbauen will, muss ich voraussetzen, dass die Welt sinnvoll ist. Wenn sie aber sinnlos ist? 

Der rationale Zugang zu Gott allein – einen anderen hatte ich nicht kennengelernt – schien mir nicht tragfähig. Als ich meine Austrittsentscheidung in die Tat umsetzen wollte, merkte ich aber: Ich glaube dennoch an Gott. Ich kann nicht gehen. Einer unserer Professoren bestätigte mein Erleben: Glaube wächst durch Berührung des Herzens. In meinen weiteren Studien hat sich diese Erkenntnis weiter entfaltet: Das Erfassen Gottes ist nicht gegen die Vernunft, vielmehr übersteigt es die Vernunft. Der erste menschliche Zugang zu Gott führt über den Menschen, denn Gott schuf ihn nach seinem Abbild und wurde selbst Mensch. „Jesus Christus (aber) ist das (vollendete) Bild des unsichtbaren Gottes. (Kol 1,15) 

 

Wie reden Sie darüber zu Menschen, die Gott nicht kennen?
Mit dem Begriff „Gott“ gehe ich hier in Leipzig sehr sparsam um. Ich habe den Eindruck, dass der Begriff für viele Menschen belastet ist. Aus der DDR-Tradition, aber auch genährt durch Schlagzeilen der jüngeren Zeit, in denen der Widerspruch zwischen kirchlichem Reden und Handeln deutlich wurde, rührt er negative Assoziationen an, oft auch etwas naive Gottesvorstellungen. Gott erscheint zum Beispiel als das Auge, das alles sieht. Wer möchte schon mit einem Gott zu tun haben, der ein chronisch schlechtes Gewissen hervorruft? Manchmal höre ich auch: Wenn es einen Gott gibt, wie kann er nur so viel Leid zulassen? Dahinter steckt eine Haltung, die im Umkehrschluss bedeutet: Wenn es Gott gibt, muss er hier auf der Erde alles nach meinen Wünschen regeln. Oft habe ich zu religionslosen Leipzigern gesagt: „Das, woran Sie nicht glauben, glaube ich auch nicht!“

 

Bernd Knüfer
Foto: Wanzek

Wie ist der Gott, an den Sie glauben und den Sie den Menschen nahebringen wollen?
Es ist ein Gott, der uns kennt und der weiß, was wir brauchen, ohne dass wir viele Worte machen müssen. Die Gebetsform, die meinem Gottesbild am meisten entspricht, ist die gegenstandslose Meditation. Ich sitze und schweige in Gottes Gegenwart. Sören Kierkegaard sagte einmal, dass das Schweigen so tief werden kann, dass der Betende Gott hört. Viele kritische Christen und suchende Atheisten können mit einem unvorstellbaren Gott mehr anfangen als mit einem zu konkreten und leicht verständlichen.

Wichtig ist mir auch die Stelle des ersten Petrusbriefes (3,15): „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ heißt es dort. Niemand stellt uns derlei Fragen, wenn wir nicht zuvor ein Stück des Lebens mit ihm geteilt haben, und zwar in wesentlichen Dingen: soziales Engagement, Spiritualität, Leid. „Antwortet bescheiden und ehrfürchtig“, rät Petrus. Wenn wir über die Hoffnung sprechen, die uns erfüllt, ist es also wichtig, die Überzeugungen und die Vorbelastungen der anderen zu respektieren. 

 

Was genau antworten Sie, wenn man Sie nach Ihrer Hoffnung fragt?
Ich rede vor allem über Hinwege zu Gott: staunen zu können, dass es etwas gibt und nicht nur nichts, staunen zu können, dass es mich gibt als einmaliges Wesen, obwohl ich für die Welt und den Kosmos nicht wichtig bin. Das Fragen nach dem Woher und Wohin kann zu Gott führen. Ich habe erlebt, dass Menschen ohne Gott friedlich gestorben sind. Wenn sie ihr Leben und Sterben angenommen haben, würde ich – ohne sie dabei zu vereinnahmen – sagen, sie haben auch Gott angenommen.

 

Sich anderen Menschen wirklich zu öffnen, sie zu lieben, ist ebenfalls ein zentraler Weg zu Gott. 
Als Krankenhausseelsorger habe ich auf der Palliativstation ein religionsloses Ehepaar intensiv begleitet. Der Mann stand seiner an Krebs erkrankten Frau bis zu ihrem Tod liebevoll bei. Der Mann bat mich, ihre Beerdigung zu gestalten. Im Vorbereitungsgespräch suchten wir nach Gemeinsamkeiten. „Glauben Sie wirklich, dass von der großen Liebe zwischen Ihnen und Ihrer Frau jetzt nichts mehr übrig ist?“, fragte ich ihn. Er verneinte. Ich sprach mit ihm über meine Überzeugung: „Wo Liebe ist, da ist Gott. In dieser Liebe ist Ihre Frau jetzt aufgehoben.“ Auf dieser Grundlage konnten wir gemeinsam Abschied von seiner Frau feiern. Im Angesicht der ganzen religionslosen Verwandtschaft habe ich das Wort Gott in meiner Beerdigungsansprache dann äußerst spärlich benutzt. Aber dass Gott die Liebe ist, habe ich schon gesagt. 

Bei manchen Menschen besteht mein Bekenntnis zu Gott einfach in der Kraft des Aushaltens. Dass wir im Tod letztlich in Gottes Liebe aufgehoben sind, kann ich besser als mit Worten bezeugen, indem ich neben dem Sterbenden oder bei einem Depressiven in der Nacht seiner Depression ausharre. 

 

Sehen Sie es als Ihre Aufgabe, Gespräche über Gott gezielt zu provozieren?
Da würde ich den Begriff „vorschlagen“ bevorzugen. Das klingt weniger nach Kontroverse. Ich möchte nicht überreden oder vereinnahmen, aber ich möchte etwas anbieten. Es gibt verschiedene Wege, dies zu tun, die Kunst beispielsweise oder die Musik. Mein Weg liegt eher im Religionsvergleich. Manchmal 


führt ein Gespräch über den Buddhismus zu Anschauungen des Christentums. Auch aus der Erinnerung an die starke gegenseitige Hilfe und den Zusammenhalt vieler Familien zu DDR-Zeiten kann ein Gesprächsfaden weiterführen bis zu Glaubensfragen. Wir sollten in der Kirche nicht so viel Angst haben, mit Andersdenkenden einen Dialog auf Augenhöhe zu führen. Das fordert uns natürlich heraus, mit unserem eigenen Gottesglauben immer Suchende zu bleiben und korrigierbar bei fraglichen Formulierungen unseres Glaubens. Ich meine: Wenn ich den Mut nicht habe, so lange zuzuhören, bis ich den anderen wirklich verstanden habe, sollte ich lieber schweigen.

Interview: Dorothee Wanzek