11.09.2012

Was sagt die Bibel über das Fegefeuer aus?

Welche biblische Grundlage gibt es für die Lehre vom Fegefeuer?
H. S., Dresden

Die Lehre vom „Fegfeuer“ ist nicht einschlägig biblisch belegt. Die Vorstellung einer Reinigung und Läuterung der Verstorbenen als Durchgangsstation setzt den Glauben an die Auferstehung der Toten oder ein Weiterleben im Jenseits voraus.
Hinweise auf die später vor allem von den Kirchenvätern Origenes, Augustinus und Tertullian entwickelte Lehre finden sich freilich in der paulinischen Briefliteratur, wenn Paulus an die Korinther schreibt: „Das Werk eines jeden wird offenbar werden; jener Tag wird es sichtbar machen, weil es im Feuer offenbart wird. Das Feuer wird prüfen, was das Werk eines jeden taugt. (...) Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch.“ (1 Kor 3, 13ff.) Dies wird zusammen gesehen mit den Aussagen im 2. Korintherbrief: „Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat“ (2 Kor 5,10) und an anderen Stellen. Schon das 2. Makkabäerbuch deutet im Alten Testament einen Zwischenzustand an, in dem die Toten geläutert werden (2 Makk 12, 45).
Die Vorstellung, dass jeder für sein Leben vor Gottes Gericht Rechenschaft ablegen muss, hat später in der Kunst zu drastischen Ausmalungen der Vorstellung des Fegfeuers geführt. Dem Feuer wird eine reinigende Kraft zugesprochen; hier spielt das Goldhandwerk eine Rolle, in dem das Edelmetall durch Schmelzen im Feuer von unreinem Beiwerk gesäubert wird.
In der heutigen Sicht kirchlicher Lehre ist das Fegfeuer als Durchgangsstation „der Zustand jener, die in der Freundschaft Gottes sterben, ihres ewigen Heils sicher sind, aber noch der Läuterung bedürfen, um in die himmlische Seligkeit eintreten zu können“ (Katechismus-Kompendium Nr. 210). Die Erklärversuche des „Feuers“ gehen heute dahin, dass beim Gericht im Angesicht des liebenden Gottes die Verfehlungen des eigenen Lebens wie eine brennende Scham empfunden werden. Dies ist deutlich unterschieden von der „Hölle“, die den Zustand des dauerhaften Getrenntseins von Gott darstellt.
Michael Kinnen