04.11.2015

Großzügigkeit und Gastfreundschaft armer Menschen erleben

Wenig haben, viel geben

Die Witwe in Sarepta, die dabei ist zu verhungern und den Gottesmann trotzdem großzügig bewirtet. Die Witwe, die am Opferstock des Tempels ihr letztes Geld einwirft. Zwei beeindruckende Menschen aus der Bibel. Wie andere Arme dieser Welt, die großzügig teilen und bewirten. Und die junge Menschen aus Deutschland beeindruckt haben. 

 

Luise Binder unterrichtete Englisch in einer Schule in Tansania. Foto: privat

Susanne Manstein (22) aus Mainz war für ein Jahr in Palmela/Portugal und hat dort im Kindergarten eines Sozialzentrums gearbeitet.

„Einmal in der Woche haben wir Freiwilligen ein Brot von der Küche bekommen. Für einige der Mitarbeiter des Zentrums wäre dieses Brot eine große Hilfe gewesen; viele leiden sehr unter der Wirtschaftskrise in Portugal. So erhalten die Zweitkräfte in den Kindergärten nicht mehr pro Monat als Minijobber bei uns, arbeiten aber regulär acht bis zehn Stunden pro Tag. 

Helena, eine portugiesische Kollegin von mir, war immer froh, wenn wir Freiwilligen ihr hin und wieder das wöchentliche Brot überlassen haben, weil wir es nicht brauchten.

Zu ihr habe ich schnell eine persönliche Bindung aufgebaut; dennoch war ich sehr überrascht, als sie mir zu meinem Geburtstag im Dezember ein Präsent mitbrachte. In unserer Wohnung war es ohne Zentralheizung im Winter sehr kalt und weil Helena das wusste, hat sie mir eine große, warme Fleecedecke geschenkt. Ich hatte damit nicht gerechnet. Das Geschenk hat mich sehr beeindruckt und nicht nur äußerlich gewärmt.“

 

In diesen Tagen ist der Osnabrücker Olaf Pieper als Teil einer kleinen Delegation seiner Kirchengemeinde in Soroti/Uganda. Im Jahr 2004 war er schon einmal dort.

„Wir haben dort unter anderem das Ziegen-Projekt ins Leben gerufen“, erzählt er. Jeweils ein aus Deutschland finanziertes Ziegenpaar wird an eine arme Familie gegeben. „Der Familie gehört die Milch, die die Ziege gibt. Das erste Junge muss aber an eine andere arme Familie weitergegeben werden.“ Ein Schneeballsystem sozusagen.

Pieper erinnert sich an eine Sonntagsmesse, die er in Soroti mitgefeiert hat. „Es gibt dort wie bei uns eine Kollekte, die gemeinsam mit den Gaben von Brot und Wein zum Altar getragen wird.“ Nun ist es aber so, dass längst nicht alle Gemeindemitglieder Geld haben, von dem sie abgeben könnten. „Deshalb haben einige Naturalien als Kollekte zum Altar gebracht. Einen Sack Hirse aus ihrer eigenen Ernte zum Beispiel – und eine Ziege.“ 

Diese Gaben kommen denjenigen zugute, die noch weniger haben. „Es war beeindruckend, was abgegeben wurde, um denen zu helfen, die noch ärmer sind“, sagt er.

 

Luise Binder (22) aus Leipzig war 2011–2012 in Iguguno, einem Dorf in Zentraltansania. Sie hat dort in einer Schule Englisch unterrrichtet und in einer Krankenstation ausgeholfen.

„Mit zwei Freiwilligen haben wir in einer Gastfamilie gelebt. Die hatten zwar Strom, der oft ausfiel, aber keinen Herd, nur eine Feuerstelle. Insgesamt waren wir dort sieben bis elf Leute: die Mutter, drei Jungs im Alter von 14 bis 17 Jahren – zwei gehörten zur weiteren Verwandtschaft, der dritte stammte aus dem Busch und arbeitete als Kuhjunge –, eine Gastschwester und zwei Gastbrüder etwa in meinem Alter und der Vater.

Meine Kollegin und ich hatten ein Zimmer mit je einem Doppelbett. Der Nachbarraum, der immer geschlossen war und den wir erst später einmal gesehen haben, war halb so groß. Darin stand ein kleineres Bett, in dem aber alle drei Jungs geschlafen haben. Unsere Gastschwester hat im Bett der Mutter geschlafen. Als uns das klar wurde, waren wir völlig platt über diese Großzügigkeit. Als wir abends von der Arbeit kamen, hatten die Brüder meist das zweite Mal am Tag Wasser geholt aus einem nahen Brunnen. Etwas davon hatten sie auf dem Feuer erhitzt, so dass wir uns damit duschen konnten. Sie haben uns dann herzlich begrüßt mit den Worten: ‚Dada – Schwester – deine Dusche ist fertig.‘ Das Leben in dieser Familie war eine tolle Erfahrung.“

 

Linda Frische (22) lebte für ein Jahr in Lima, Peru. Dort wohnte sie bei Ursulinenschwestern und arbeitete im Kindergarten und einer Schule in einem sehr ärmlichen Viertel.

„Im Winter 2011 durfte ich dabei sein, als einige Schwestern und Lehrerinnen sowie besonders viele Schülerinnen und Schüler in einen Ort südlich von Lima namens Pachacámac fuhren. Vorher sammelten die Familien der Schule Spenden in Form von Kuscheltieren, Spielzeugen und anderem. All das übergaben wir den Kindern in dem Ort. Auch sangen, tanzten und spielten wir mit ihnen und teilten mit ihnen typisch peruanische warme Schokolade und süßes Früchtebrot. Wir erzählten uns, wer wo das Weihnachtsfest feiern wird. Die Kinder äußerten ihre innigsten Weihnachtswünsche.

Was sich relativ normal anhört, war für mich ein besonderes Erlebnis: Die Schüler, die selber weniger als wenig haben und die ihre Tage teilweise am Existenzminimum verbringen, sammeln Spenden für noch ärmere Kinder und Familien und teilen ihre Zeit mit ihnen. Diese Botschaft der Nächstenliebe konnte während meines Auslandsaufenthaltes niemand mehr toppen.“

 
Aufgezeichnet von Roland Juchem