04.06.2014

Tag der Organspende

Werben für eine Trendwende

Lässt sich der Abwärtstrend stoppen? Nach Bekanntwerden der Betrugsfälle in deutschen Transplantationskliniken im August 2012 ist die Zahl der Organspenden bundesweit dramatisch gesunken. Seitdem ringt die Transplantationsmedizin um eine Kehrtwende. Inzwischen liegt ein schwer überschaubares Bündel an Reformen vor. Kritiker beklagen aber weiterhin mangelnde Transparenz.

 

Die meisten Menschen in Deutschland sind zu einer Organspende bereit, doch nur 28 Prozent haben einen Organspenderausweis ausgefüllt. Foto: kna-bild

Für mehr Vertrauen soll auch der bundesweite "Tag der Organspende" werben, der am Samstag begangen und in diesem Jahr zentral auf dem Stuttgarter Schlossplatz eröffnet wird. Unter dem Motto "Richtig. Wichtig. Lebenswichtig." beginnt der Aktionstag zunächst mit einem Ökumenischen Dankgottesdienst in der Domkirche Sankt Eberhard. Während des Bühnenprogramms treten auch bekannte Künstler wie Laith-Al-Deen, Edo Zanki, Sydney Youngblood und Mary Roos auf. Im Vorfeld hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) an die Bundesbürger appelliert, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. "Gemeinsam wollen wir erreichen, dass noch mehr Menschen ihre Entscheidung in einem Organspendeausweis dokumentieren und mit ihrer Familie darüber sprechen", unterstreicht der CDU-Politiker.

Dabei ist die Verunsicherung groß: Betrugsskandale in mehreren Kliniken, bei denen Wartelisten manipuliert wurden, haben potenzielle Spender verärgert. Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), die die Organspende in Deutschland organisiert, brach die Zahl der Spender im Jahr 2013 um 16 Prozent auf nur noch 876 ein - der niedrigste Wert seit der Verabschiedung des Transplantationsgesetzes 1997. Trends aus dem laufenden Jahr weisen darauf hin, dass sich die Stimmung nicht wesentlich geändert hat.
 

Nur 28 Prozent in Deutschland haben einen Organspenderausweis

So stagniert auch die Zahl der Menschen, die einen Organspendeausweis ausgefüllt haben. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2013 sind die meisten Menschen in Deutschland zu einer Organspende bereit, doch nur 28 Prozent haben einen Organspendeausweis ausgefüllt. Bei nur etwa jeder zehnten Organspende liegt den Ärzten und Koordinatoren tatsächlich eine schriftliche Willensbekundung des Verstorbenen vor.

"Derzeit stehen 11.000 Patienten auf der Warteliste, die durch eine Organspende eine neue Lebenschance erhalten", wirbt der Medizinische Vorstand der DSO, Axel Rahmel, für eine Trendumkehr. "Für diese Menschen ist die Entscheidung für Organspende lebenswichtig." Auch die Angehörigen würden durch eine Festlegung entlastet, ergänzt der Mediziner. Jeder einzelne Organspender könne bis zu sieben Menschen das Leben retten oder zumindest ihr Leid lindern. "Und jeder von uns kann plötzlich auf eine Transplantation angewiesen sein", sagt Uwe Korst, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands Niere und selbst Organ-Empfänger.

Nach Einschätzung der Deutschen Stiftung Patientenschutz allerdings haben DSO und Politik noch nicht ausreichende Konsequenzen aus den Skandalen gezogen. Die Transparenz sei nach wie vor mangelhaft, kritisiert der Vorstand der Stiftung, Eugen Brysch. Die zentrale Frage sei, ob es bei der Verteilung der Organe gerecht zugehe.
 

Die Regeln müssen für alle gleich sein

"Die Bevölkerung will sicher sein, dass die Regeln für alle Empfänger gleich sind", sagte Brysch. Dazu müsse auch klar geregelt werden, an welche Gerichte sich Schwerstkranke wenden können, wenn sie eine Entscheidung über die Platzierung auf der Warteliste überprüfen lassen wollen.

Brysch forderte zudem Bundesgesundheitsminister Gröhe auf, zu klären, in welchem Umfang Ausländer in Deutschland Organe erhalten. "Bisher gab es hier eine Fünf-Prozent-Regel für Spenderorgane an Patienten, die nicht im Eurotransplant-Gebiet wohnen", sagte er den "Stuttgarter Nachrichten". "Diese Regel war immer schon Willkür und wurde nun von Eurotransplant aufgelöst." Jetzt könne jedes Transplantationszentrum machen, was es will. "Es geht um viel Geld. Denn diese ausländischen Patienten sind Privatzahler. Hier muss schnell eine staatliche Lösung her."

kna