19.11.2014

Werden beim Gericht noch Menschen leben?

Im Glaubensbekenntnis heißt es: „Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“. Bedeutet der Satz, dass am Tage des „Jüngsten Gerichtes“ die noch lebenden Menschen keinen Tod erleiden müssten? C. P., Stadtilm

Ja, das bedeutet er. Jedenfalls erleben diese Menschen keinen Tod, so wie die Menschen ihn bis dahin erleben. Das Glaubensbekenntnis, verfasst im 4. Jahrhundert, beruht auf Vorstellungen von der Wiederkunft des Messias, wie die Menschen sie sich damals ausgemalt haben. Und da nach der Auferweckung Jesu seine Wiederkunft relativ bald erwartet wurde, war klar: Einige von uns leben dann noch.

Paulus etwa schreibt den Christen in Thessalonich, die ähnlich gefragt haben wie Sie: „Dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn: Wir, die Lebenden, die noch übrig sind, wenn der Herr kommt, werden den Verstorbenen nichts voraushaben“. Allerdings fragten die Thessalonicher mehr nach dem Schicksal der Verstorbenen als nach dem der Lebenden.

Auch Jesus selbst, so überliefern es die Evangelisten, rechnete damit: „Diese Generation wird nicht vergehen, bis alles eintrifft.“ Allerdings warnte er auch davor, den Termin des Endgerichts zu berechnen oder konkret zu terminieren: „Ihr wisst nicht, wann die Stunde kommt.“ Denn „jenen Tag und jene Stunde kennt niemand … nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater“ (Markus 13,32).

Inzwischen sind fast 2000 Jahre vergangen. Wir Christen warten noch auf die Wiederkunft Christi; und die Menschheit weiß heute mehr und anderes über ihre mögliche eigene Entwicklung und das Schicksal unseres Planeten. Aber: Die Aussagen von Physikern, Soziologen und Ethnologen benennen Wahrscheinlichkeiten. Die Menschheit könnte durch Meteoriteneinschläge ausgelöscht werden, die Erde könnte in vier Milliarden Jahren in der Sonne verglühen. Darüber, wie Menschen und wann vor Gott stehen werden, sagt das nichts. 

Das Credo hingegen äußert das feste Vertrauen, dass jeder sich einmal vor Gottes Gericht – und Barmherzigkeit – verantworten muss. Wann das sein wird? Das weiß niemand.

Roland Juchem