08.07.2015

Anfrage

Wie schließt man Frauen mit in die Lesung ein?

Gibt es kirchliche Richtlinien für die Nennung von weiblichen Personen? Etwa für die Anrede „Brüder und Schwestern“ bei Lesungen oder sonst etwa „Jüngerinnen und Jünger“? S. H., Wiesbaden

Man muss unterscheiden, was wirkliche Bibelzitate und was liturgische Beifügungen für den Lektor sind. Seit mehr als 20 Jahren verweisen alle neuen Lektionare in einer Fußnote darauf, dass bei Lesungen aus den Briefen als Anrede auch „(Liebe) Schwestern und Brüder“ verwendet werden darf. Paulus wendet sich ja an die ganze Gemeinde, zu der Frauen, Männer und Kinder gehören. Dem Weltbild der damaligen Zeit und damit wohl auch dem Denken des Paulus entspricht jedoch die männliche Form. 

Paulus selbst verwendet bis auf den Brief an die Gemeinde in Kolossä übrigens gar keine direkte Anrede, sondern richtet seinen Gruß an die „Gemeinde in ...“; er spricht von „den Heiligen“, „den Geheiligten“ und „der Kirche“. Dennoch kann am Beginn eines Lesungsabschnitts ein „(Liebe) Brüder (und Schwestern)“ ergänzt werden, weil dies erstens kein Bibelzitat ist und zweitens den Briefcharakter verdeutlicht.

Davon unterschieden werden die Stellen, an denen im Bibeltext selbst das Wort „Brüder“ oder „Jünger“ vorkommt. Auch wenn hier zu fragen wäre, inwieweit die Bezeichnung dort auch dem antiken Weltbild geschuldet ist, so bräuchte es doch jeweils im Einzelfall exegetische Kenntnisse, um dies zu beurteilen. Deshalb sollte hier der „amtliche“ Originaltext vorgelesen werden. 

Eine erläuternde Auslegung der Schriftworte kann dann in der Predigt geschehen. Und dann kann der Prediger – exegetische Kompetenz vorausgesetzt – durchaus erläutern, wo Frauen und Männer gleichermaßen gemeint und angesprochen sind, gerade auch heute. Das große Engagement der Frauen in den urchristlichen Gemeinden ist ja auch in den Paulusbriefen immer wieder zu erkennen Und auch bei Jesus selbst kommen Frauen immer wieder an Schlüsselstellen seines Wirkens und seiner Verkündigung vor. Zu seiner Anhängerschaft zählten neben den zwölf männlichen Aposteln eben auch Frauen, also „Jüngerinnen“. 

Von Michael Kinnen