20.11.2012

Eine alte Sehnsucht der Menschen, die oft enttäuscht wird

Wir wollen einen König ...

Menschen wünschen sich einen König, auch heute noch. Wenn sie aber einen kriegen, merken sie oft schnell: Der ist auch nur ein Mensch. Von der Hoffnung und Enttäuschung mit einer Symbolfigur.

In den 1970er Jahren lief in deutschen Kinos ein politischer Dokumentarfilm. Darin ging es auch um politische Systeme. Eine Frau sagt: „Am besten wäre es doch, wir hätten einen guten König.“ Lautes Gegröle im Kinosaal: „Ha, ha, ha – einen König …“
Als kürzlich bei einer Umfrage gefragt wurde: „Brauchen wir einen starken Führer, der Deutschland mit starker Hand zum Wohle aller regiert?“, antworteten zehn Prozent: „Ganz klar Ja“; 15 weitere Prozent stimmen eingeschränkt zu. Da blieb manchem wohl das Lachen im Halse stecken. Aber ist ein König nicht „ein starker Führer“? Wenn das Wort nicht so belastet wäre …
„Der König gibt dem Gebiet, das er beherrscht, Ordnung und Frieden“, schreibt der US-amerikanische Franziskaner Richard Rohr. „Allein durch seine Gegenwart fühlen sich die Menschen geborgen und sicher. … Er ist niemals willkürlich oder unberechenbar.“ Rohr spricht vom Idealbild des Königs, einem Bild, das so stark zu sein scheint, dass der Psychologe Carl Gustav Jung (1875–1961) darin ein seelisches Vorbild sieht, einen Archetypen, wie er das nennt.
Solche Könige gibt es heute nur noch als Ideal. Ein Ideal aber, das auf lebende Könige – und seien sie Oberhäupter moderner Demokratien – immer noch projiziert wird. König Juan Carlos I. von Spanien etwa. Seit dem Tod des bösen Diktators Francisco Franco 1975 jahrzehntelang als guter König und Retter von Demokratie und Freiheit geschätzt, muss auf seine alten Tage herbe Kritik einstecken.

Der König stolpert über einen Elefanten

Das Volk leidet unter Schulden, Arbeitslosigkeit und Sozialkürzungen, „Seine Majestät der König“ aber pflegt das kostspielige und höchst umstrittene Hobby der Elefantenjagd. Das kostete Juan Carlos I. nicht nur der Ehrenvorsitz beim Tierschutzbund WWF in Spanien, sondern auch viel Vertrauen.
Immerhin gestand er ein: „Ich bedauere das sehr, ich habe mich geirrt.“ Und er versprach: „So etwas wird nicht wieder vorkommen.“ Die Entschuldigung dauerte zwar nur zehn Sekunden, gilt aber als sensationell. Dass ein König sich entschuldigt, ist nicht unbedingt vorgesehen – zeigt aber Größe.
Juan Carlos‘ Kollegen in Schweden, Carl XVI. Gustav, geht es ein wenig ähnlich. Je älter er wird, desto mehr verblasst sein Glanz. Vier Bücher, die vermeintliche Seitensprünge und Eskapaden des Monarchen aufdecken, haben sein Ansehen erheblich ramponiert. Ein fünftes aus der Feder königstreuer Autoren will nun nachweisen, dass die ersten vier auf sehr zwielichtigen Quellen basieren.
Im Grunde sagen solche Auseinandersetzungen wie auch die Klatsch-und-Tratsch-Berichte über Royals eher etwas über die seelische Verfassung des Volkes. Manche wollen einen König, der sie schützt, angenehm unfrei hält und mit seinem schönem Glanz auf sie abstrahlt. Andere pflegen Trotz und Rebellion und halten sich für bessere Könige.
Nun lässt sich in einer Demokratie gut reden und lästern. So etwas belebt die Regenbogenpresse und die Wartezeit beim Arzt. Früher galt das als Majestätsbeleidigung und konnte tödlich enden. Als Könige noch Regierungschef, Gesetzgeber und Richter in einem waren, entpuppten sich viele als Tyrann. Trotzdem hieß es, sie seien von Gottes Gnaden.
Dabei steht Gott nicht so auf Könige. Sie sind ihm suspekt. Nur weil sein Volk drängelte und nörgelte – „Ein König soll über uns herrschen, wie bei den anderen Völkern“ – beauftragte Gott schließlich seinen Propheten Samuel, einen einigermaßen erfolgreichen Kriegsherrn zum König zu salben. Doch es kam, wie es kommen musste: Die anfängliche Begeisterung verflog, Saul beging Fehler, zeigte Schwächen und wurde schließlich von einem jungen Draufgänger namens David demontiert.

„Aus dem Haus David“ heißt: beste Referenzen

Dessen Leben hätte der Regenbogenpresse von heute hohe Auflagen beschert. Immerhin schaffte er es, nach seinem Tod als idealer König zu gelten. „Das Haus David“ hatte einen klangvollen Namen, versprach beste Herkunft. Dagegen kamen Karolinger, Staufer, Wittelsbacher, Habsburger, Windsors oder Bourbonen nicht an, mochte Karl der Große sich auch „neuer David“ nennen.
Zurück zur Bibel: Die hält von Propheten deutlich mehr als von Königen. Waren doch alle späteren Könige nach David und Salomo mehr oder weniger Versager. Dennoch starb die Hoffnung nicht aus: Eines Tages würde er kommen, der ideale, der gute, der starke, der weise, der großmütige, der mächtige und gerechte König. Natürlich aus dem Haus David.
Gegen Ende seines öffentlichen Auftretens, als Jesus in Jerusalem die Massen fasziniert und spaltet, sehen manche in ihm einen König. Doch da missverstehen sie ihn. Und später, im Verhör durch Pilatus, trifft er auf einen, dem Könige ebenfalls suspekt sind. Pilatus ist Machtpolitiker. Also will er wissen: Könnte dieser Volksheld aus Galiläa die Macht des Kaisers in Rom irgendwie behelligen?

Solch ein König erregt Argwohn

„Bist du der König der Juden?“, fragt er den gefangenen Jesus. Nun gut, antwortet Jesus, wenn du in solchen Kategorien denkst, bin ich ein König. Dann aber erzählt der mutmaßliche Rebell etwas von einer anderen Welt, von einer Wahrheit für diese Welt und einer Macht von oben. Daraus werde schlau, wer kann …
Ist ja auch schwer zu verstehen für Menschen, die gerne klare Machtverhältnisse haben, mit einem König an der Spitze. Nur: Dieser König nennt seine Untergebenen nicht Diener, sondern Freunde, er erhebt die Liebe zum obersten Gebot, kritisiert Gewalt, gibt sich mit Verlierern ab und behauptet, auf diese Weise werde das Königreich Gottes errichtet.
Später, als er den Tod besiegt hat und klar wird, an diesem, von Gott gesandten Menschen wird die Welt gerichtet, sagen Menschen: Er ist ein König. „Jesus“, so schreibt Richard Rohr, „nennen wir den König der Könige, weil er vom Reich Gottes sprach, dass alle Menschen umfasst. Meistens haben wir vor diesem Königreich Angst, weil wir selbst dort nicht König sein können, und weil wir dort vieles nicht kontrollieren und vereinen können.“
Roland Juchem