17.11.2021

Johanna Beck im Interview

„Es ist noch lange nicht gut“

Als Jugendliche ist Johanna Beck von einem Ordensmann missbraucht worden. Heute kämpft sie für Veränderung in der Kirche – im Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz und beim Synodalen Weg. Im Interview erzählt sie, was ihr Hoffnung macht, was sie sich von Bischöfen und Gemeindemitgliedern wünscht und warum sie trotz aller Probleme die Kirche nicht verlässt.

Johanna Beck, Missbrauchsbetroffene und engagierte Katholikin
Johanna Beck, Missbrauchsbetroffene und engagierte Katholikin

 

Früher haben Sie in der Kirche Missbrauch erfahren. Heute engagieren Sie sich in der Kirche – im Gemeinderat, beim Synodalen Weg und als Mitglied im Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz. Warum?

Gerade deshalb. Gerade weil ich Missbrauch erfahren habe. Wenn mir die sexualisierten Übergriffe und der geistliche Missbrauch in meiner Kindheit und Jugend nicht passiert wären, wäre ich vielleicht eine genügsame, unkritische Katholikin geworden. Jetzt kämpfe ich dafür, dass sich in der Kirche etwas verändert. In ihren Strukturen und Denkmustern. Ich habe das Gefühl, es tut sich was. 

Viele Gläubige haben eher das Gefühl, dass sich gerade nichts verändert. Was gibt Ihnen Hoffnung? 

Manchmal wird auch meine Hoffnung sehr strapaziert. Als der Papst den Kölner Kardinal Woelki im Amt belassen hat, war meine Motivation ziemlich am Tiefpunkt. Aber dann kam die nächste Synodalversammlung des Synodalen Wegs, und die fand ich durchaus ermutigend. Da herrscht eine Dynamik, die man nicht mehr einfach in die Tube reinkriegt. Die wird sich Wege bahnen – wo immer die auch hinführen werden. 

Welche Wege können das sein? Zuletzt hat Rom Reformvorschläge aus Deutschland doch konsequent zurückgewiesen.

Ja, aber Hoffnung macht mir, dass dieses angstvolle Schielen nach Rom immer häufiger verschwindet. Und dass Kirchenleute sagen: „Wir machen jetzt hier vor Ort unser Ding, wir schreiten voran und wummern gegen die vatikanischen Betonwände.“ Klar kam kürzlich dieses Schreiben aus Rom mit dem Verbot von Segnungen homosexueller Paare. Aber es gab dann trotzdem Segensfeiern, pastoralen Ungehorsam und Regenbogenfahnen an Kirch-
türmen. Ich hoffe sehr, dass in Deutschland von der Basis her eine neue Form von Kirche gebaut wird. Klar ist: Da brodelt’s.

Was wären die wichtigsten Reformen, die Sie sich in der Kirche wünschen?

Ich bin da sehr nah bei den vier großen Themen des Synodalen Wegs. Macht muss besser kontrolliert und verteilt werden. Der Zölibat muss neu durchdacht werden. Wir brauchen eine Sexualmoral, die nicht verletzt, sondern den Menschen dient. Und am Thema Geschlechtergerechtigkeit kommt man nicht vorbei. Die Kirche schneidet sich ihre eigene Zukunft ab, wenn sie ihre ganzen tollen, begabten Frauen kategorisch ausschließt.

Sie haben, trotz all Ihrer Kritik, mal gesagt: „Diese Kirche ist immer noch meine Kirche.“ Wie meinen Sie das?

Mir liegt noch immer was an dieser Kirche – und deshalb möchte ich sie von innen heraus verändern. Für mich ist der Glaube eine Kraftquelle, auch im eigenen Aufarbeitungsprozess. Ich habe ein Recht darauf, dass die Kirche sich so verändert, dass ich als Betroffene dort bleiben kann. In mir ist so ein Trotz. Ich sage: Nein! Nicht wir müssen gehen! Die Täter müssen gehen, die zu oft noch fester Bestandteil dieser Kirche sind. Wir können den Dunkelmännern doch nicht die Kirche überlassen. Aber klar, es kann durchaus sein, dass ich irgendwann an einen Punkt komme, wo ich sage: Ich kann es mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren, in dieser Kirche zu bleiben. 

Wann käme dieser Punkt?

Wenn ich merke, nein, hier verändert sich gar nichts. 

Warum ist es für Sie so entscheidend, dass sich die Kirche verändert?

Es macht mich wahnsinnig, wenn ich bei Kirchenvertretern das Gefühl habe: Die haben den Schuss noch nicht gehört. Die wollen nicht sehen, dass es nicht darum geht, aus Krawallgründen alte Strukturen zu zerschlagen. Fakt ist doch, dass diverse Studien zu dem gleichen Schluss kommen: Es gibt in der Kirche Strukturen, die dem Missbrauch Tür und Tor öffnen. 

Konservative Stimmen in der Kirche sehen das anders. Sie sagen, beim Synodalen Weg werde der Missbrauchsskandal missbraucht, um kirchenpolitische Forderungen durchzusetzen, die es schon seit mehr als 30 Jahren gibt.

Natürlich gibt es diese Reformforderungen schon lange. Aber der Missbrauchsskandal gibt diesen Forderungen doch viel mehr Durchschlagskraft. Weil klar ist, dass der Klerikalismus, der Zölibat, die kirchliche Sexualmoral und die Diskriminierung von Frauen sexuellen Missbrauch in der Kirche begünstigen. Sich dieser Erkenntnis zu verweigern, bedeutet, bewusst die Ohren vor dem Zeugnis von Betroffenen zu verschließen. Das empfinde ich als zynisch. 

Wenn ich Ihnen zuhöre, ahne ich, wie engagiert Sie für Veränderung in der Kirche kämpfen. Wie anstrengend ist dieser Kampf für Sie?

Ziemlich anstrengend. Ab und zu erinnert mich mein Mann immer mal daran, dass ich meine Energie ja auch noch für die Familie brauche. 

Woran merken Sie, wenn die Anstrengung zu viel wird?

Ich merke das körperlich und seelisch. Sich immer wieder mit diesen Abgründen zu befassen, das reißt auch in mir selber immer wieder alte Wunden auf. Ich fühle mich da schnell wieder ohnmächtig gegenüber diesem Apparat, und ich habe das Gefühl, mir wird wieder die Kontrolle entzogen. Das tut weh. Mir ging’s ja nach meinen Missbrauchserfahrungen phasenweise echt nicht gut, ich habe Angststörungen, Schlafstörungen und Depressionen bekommen. Zum Glück hatte ich eine tolle Therapeutin, die mir gezeigt hat, wie ich damit umgehen kann. 

So schnell geben Sie nicht auf, oder?

Nein. Ich weiß, ich habe mir nicht den leichtesten Weg ausgesucht. Es wäre natürlich einfacher zu sagen: Ich trete jetzt aus und haue von draußen drauf. Dann würde ich mir dieses ganze innere Ringen sparen. Man kriegt in der katholischen Kirche schon immer eine Watschn nach der anderen – besonders aus Rom. Und ich frage mich manchmal, warum ich mir das eigentlich antue. Aber dann gibt’s da eben doch noch den Teil in der Kirche, der mich hält und weiterträgt. Bisher.

Wie beurteilen Sie, was sich in der Kirche schon verändert hat – in Sachen Missbrauchsaufarbeitung und in Sachen Prävention?

Bei Präventions- und Schutzkonzepten ist die Kirche schon relativ weit. Aber es darf nicht dabei bleiben, Schulungen zu machen. Es muss viel tiefer gehen. Prävention bedeutet eben auch, missbrauchsbegünstigende Strukturen zu reformieren – und alles, wirklich alles zu tun, damit Missbrauch in Zukunft verhindert wird. 

Wo gelingt das schon gut?

Überzeugend finde ich etwa das Konzept in Essen, wo das Bistum sagt: Nicht wir berufen Betroffenenbeiräte, sondern wir geben Hilfe zur Selbsthilfe. Die dürfen selbstbestimmt und unabhängig agieren. Einige andere Bistümer hinken bei der Aufarbeitung hinterher, so zerfasert sie zu einem Flickenteppich. Dabei hätte die Kirche jetzt die große Chance, voranzuschreiten – mit einem konzertierten Vorgehen der Kommissionen und Betroffenenbeiräte in den einzelnen Diözesen. Die Kirche muss gezwungen werden, der ganzen Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Und je unabhängiger die Aufarbeitung passiert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die ganze Problematik komplett beleuchtet wird.

Oft wird gesagt, die Kirche müsse den Blick der Betroffenen einnehmen. Was würde das aus Ihrer Sicht konkret bedeuten?

Es würde bedeuten, dass man die Missbrauchsstudien geschlossen ernst nimmt, sich vom Zeugnis der Betroffenen berühren lässt und entsprechend handelt. Und es müsste bedeuten, dass die Betroffenen entschädigt werden – und zwar so, dass es sich nach christlicher Nächstenliebe anfühlt. Das Entschädigungssystem müsste realisieren, was für verheerende Folgen Missbrauch für ein ganzes Leben haben kann. Das heißt: Die Entschädigungssummen müssten höher sein als bisher geplant. Zudem birgt das aktuelle Entschädigungsverfahren ein viel zu großes Retraumatisierungspotenzial.

Was wünschen Sie als Missbrauchsbetroffene sich von den Bischöfen?

Es ist gut, dass viele von ihnen öffentlich Schuld bekennen. Aber sie müssen eben auch handeln. Ich glaube, dass ein Bischofsrücktritt ein unglaublich gutes Zeichen wäre. Und ich glaube, der Papst hätte viel zur Versöhnung und Befriedung beigetragen, wenn er die Rücktrittsgesuche der Erzbischöfe Marx und Heße angenommen hätte. Er hat ein wichtiges Zeichen durchkreuzt, als er das nicht getan hat, und das ist verheerend.

Er ist nun mal der Chef der Kirche.

Ja, aber manchmal denke ich mir: Warum geht denn ein Bischof dann nicht hin und sagt zum Papst: „Nein! Ich nehme die Nichtannahme meines Rücktrittsgesuchs nicht an. Ich trete trotzdem zurück, weil ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann, im Amt zu bleiben.“

Und was wünschen Sie sich von ganz normalen Gemeindemitgliedern? Manche Gläubige wollen mit dem Thema ja auch in Ruhe gelassen werden.

Ich fände es gut, wenn auch normale Gemeindemitglieder ein Bewusstsein für die Dramatik des Problems entwickeln würden. Und ich würde mir wünschen, dass Betroffene in Gemeinden nicht ausgegrenzt werden, wenn sie sich outen. Und dass die Gläubigen dieses Thema einfach aushalten. Es ist halt noch lange nicht gut. Wenn jetzt wieder der Deckel draufgemacht wird, schwelt das Thema weiter – und irgendwann kommt es wieder hoch. Das muss jetzt grundlegend aufgearbeitet werden. Dann haben wir vielleicht irgendwann ein Fundament, auf dem man was Neues, Besseres drauf bauen kann.

Wie wichtig ist Ihnen die Kirche trotz all ihrer Schwächen heute, um Ihren Glauben zu leben?

Sehr wichtig. Ich habe das Gefühl, dass mein Glaube sich dort, in der katholischen Spiritualität, am meisten zu Hause fühlt. Und ich habe das Glück, dass ich hier in Stuttgart eine tolle Gemeinde habe, in der ich mich total wohl und angenommen fühle – auch mit meiner Missbrauchsgeschichte. Die Gemeinde ist sehr offen und tolerant, jeder Mensch findet da seinen Platz. Und wir haben einen ganz tollen Pfarrer, der mich in der Aufarbeitung meiner Geschichte sehr unterstützt hat. 

Inwiefern?

Er war der erste offizielle Kirchenvertreter, der mir wirklich zugehört und geglaubt hat. Er hat mir seine Unterstützung zugesagt und dazu geraten, ein kirchliches Verfahren gegen den Täter anzuleiern. Das war für mich heilsam.

Zehn Jahre lang hatten Sie nach Ihrem Missbrauch nichts mehr mit der Kirche zu tun. Wie haben Sie sich wieder angenähert?

Der erste Auslöser war die Geburt unserer drei Kinder – und die Frage: Was wollen wir denen an religiösen Festen und Inhalten mitgeben? Ich habe dann festgestellt: Es gibt in der Kirche gute Dinge, die Halt geben können. Aber ich habe damals überhaupt nicht aktiv nach einer Gemeinde gesucht. 

Nein?

Nein, ich habe erst eher so für mich im stillen Kämmerlein wieder angefangen, mich mit der Bibel und dem Christentum zu beschäftigen. Und irgendwann stand ich dann durch Zufall vor der Tür von Sankt Eberhard, meiner heutigen Gemeinde. Ich bin reingegangen. Und irgendwie hat sich das wie Nach-Hause-Kommen angefühlt. Also bin ich sitzengeblieben, und gerade ging ein Gottesdienst los. Der Pfarrer Christian Hermes hat gepredigt, es war mein erster Gottesdienst seit dem Abi-Gottesdienst, und ich habe gemerkt: Okay, es geht auch anders, es spricht mich an, es bringt was in mir zum Klingen. 

Kannten Sie dieses Gefühl gar nicht? 

Nein. Ich bin in die KPE reingewachsen, die Katholische Pfadfinderschaft Europas, eine fundamentalistische Jugendorganisation. Da wurde eine sehr toxische Theologie indoktriniert: Es gab den strafenden Gott, der einem Gebete auferlegt, die man abzuarbeiten hat. Es wurden Angstbilder aus Hölle, Fegefeuer und einem strengen Sündenregister aufgeblasen. Und es wurde einem eine ganz krude, unfrei machende Theologie eingeimpft. Und ein schlimmes Frauenbild: oben die reine Maria, die als Ideal über allen stand – und unten die anderen Frauen, die bösen Verführerinnen und Sünderinnen. 

Wie hat Sie das geprägt?

Ich habe schon als Kleinkind stundenlange Predigten über Hölle und Fegefeuer und den Endkampf zwischen Engeln und Dämonen anhören müssen. Das hat bei mir massive Schäden hinterlassen: Das Gebetsleben war seitdem für mich immer etwas, das ich abarbeiten musste – weil ich dachte, wenn ich das nicht mache, dann passiert was Schlimmes. Gebet war für mich nie was Positives. Irgendwann konnte und wollte ich nicht mehr unterscheiden zwischen dieser fundamentalistischen Gruppierung und der normalen katholischen Kirche. Als Teenager habe ich angefangen, gegen alles Katholische zu rebellieren, weil ich so viel Wut in mir hatte. Ich wäre da fast von meiner katholischen Mädchenschule geflogen. 

Und Ihre heutige Gemeinde hat Sie wieder mit der Kirche versöhnt?

Ja, denn durch sie durfte ich erfahren, dass es ja eigentlich darum geht, dass Gott ein Gegenüber ist, der einen in Freiheit setzt und mit dem man eine Art freundschaftliche Beziehung haben kann. Das war befreiend.

Würden Sie heute Ihre Kinder der Kirche anvertrauen?

Das ist die schwierigste Frage, die ich mit mir rumschleppe. Ich möchte meine Kinder religiös erziehen. Aber gleichzeitig frage ich mich immer wieder, ob ich meine Kinder der Kirche anvertrauen will. Als unser ältester Sohn neun wurde, war für uns die Frage, ob er zur Erstkommunion gehen soll – und dann auch beichtet. Ich habe ihm die Entscheidung selbst überlassen. Er wollte – und hat dann bei dem Pfarrer gebeichtet, der mich so unterstützt hat. 

Kennen Ihre Kinder Ihre Geschichte?

Mit unserem ältesten Sohn habe ich in Grundzügen darüber gesprochen – und er findet es toll, was ich da mache. Mir ist wichtig, dass ich unseren Kindern nicht unnötige Ängste mitgebe. Aber auch, dass sie wissen: Ich darf Nein sagen.

Interview: Andreas Lesch

 

Zur Person:

Johanna Beck (38) ist Mitglied im Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz. Als Jugendliche hat sie vier Jahre lang sexualisierte Übergriffe im Rahmen der Beichte sowie geistlichen Missbrauch durch einen Ordensmann erlitten. Heute engagiert sie sich auf vielfältige Weise für Veränderung in der Kirche, etwa durch ihre Mitarbeit beim Synodalen Weg und durch Vorträge und Artikel über ihre Geschichte mit der Kirche. Im März 2022 erscheint im Herder-Verlag ihr Buch „Mach neu, was dich kaputt macht – Warum ich in die Kirche zurückkehre und das Schweigen breche“. Die Literaturwissenschaftlerin lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Stuttgart und engagiert sich in der Domgemeinde St. Eberhard im Kirchengemeinderat. Seit 2018 studiert Beck Theologie im Fernkurs in Würzburg.