12.09.2019

Was ist mit den Gerechten Schafen, die geblieben sind?

Für die Treuen

Jesus vermittelt im Sonntagsevangelium eine schöne Botschaft: Gott freut sich über jedes einzelne Schaf, das umkehrt. Doch was ist mit den vielen Gerechten, die ohnehin geblieben sind?

Foto: kna/Erika Rebmann
Im Gleichnis lässt der Hirte die 99 treuen Schafe zurück. Freut sich der Himmel nicht über sie? Foto: kna/Erika Rebmann

Ein bisschen hart ist das schon – über die 99 treuen Schafe freut sich der Himmel nicht? Das erinnert an den älteren Bruder im Gleichnis vom verlorenen Sohn, das in der Langfassung des Sonntagsevangeliums steht. Auch hier geht es Jesus um die Botschaft, dass jeder reuige Sünder immer wieder zum himmlischen Vater umkehren darf. Der ältere Bruder, der seinem Bruder das Willkommensfest nicht gönnt, wird zum Spielverderber. 

Fair ist das nicht. Was wäre, wenn es den älteren Bruder nicht gäbe? Wer hätte dem Vater geholfen, den Betrieb am Laufen zu halten? Zum Hirten, der dem entlaufenen Schaf nachläuft und die übrigen 99 zurücklässt, sagte kürzlich ein Pfarrer in einem Interview: „Eigentlich machen wir als Kirche gerade alles falsch. Neun Schafe sind verloren, um die kümmern wir uns überhaupt nicht. Stattdessen kümmern wir uns nur noch um das eine Schaf.“

Er meint damit, dass kirchliches Geld und Personal im Moment vor allem für den schrumpfenden Rest der aktiven Gläubigen und nicht für den großen Teil der fernstehenden Katholiken genutzt wird. Die Kirche stecke 90 Prozent ihrer Ressourcen in die verbliebenen zehn Prozent der treuen Kirchgänger, sagen immer wieder Kritiker und fordern ein Umdenken. Falsch ist das nicht. Aber dennoch: Was wäre die Kirche eigentlich ohne die treuen zehn Prozent, die Woche für Woche zur Messe kommen? 

 

Gottesdienste

Ja, viele Gottesdienste sind spärlich besucht. Oftmals ist die Gemeinde überaltert. Aber sie ist da. So kann der unregelmäßige Kirchgänger sich darauf verlassen, dass es eine Messe gibt, wenn er alle zwei, drei Wochen zum Sonntagsgottesdienst gehen will. Oder wenn er am Todestag eines Angehörigen das Bedürfnis hat, eine Werktagsmesse mitzufeiern. Und zu Weihnachten können die Festtagskirchgänger deswegen kommen, weil die zehn Prozent verlässlich da sind, weil sie wissen, wie die Gemeinde antwortet, wann man singt, steht und kniet. So manche Festgemeinde wäre bei Hochzeit oder Taufe aufgeschmissen, wenn nicht eine Hand voll Gäste noch die Lieder kennen und singen würde. Die treuen zehn Prozent tragen den kirchenfernen Rest. Weil es ein paar nimmermüde ältere Männer und Frauen gibt, die sich als Messdiener, Lektoren oder sogar als Sargträger betätigen, können Beerdigungen würdevoll durchgeführt werden.

Gemeindeleben

Zur Pfarrkirmes oder zum Gemeindefest kommen die Kinder aus dem benachbarten Hochhaus und haben ein paar schöne Stunden (und geben noch Geld für Hilfsprojekte aus), weil einige wenige Aktive in der Gemeinde ein solches Fest auf die Beine stellen, weil sie andere ansprechen und zum Mitmachen bewegen. So werden aus zehn Prozent schnell mehr. Weil sich in einer Gemeinde jede Woche 30 Sänger treffen und üben, kann es einmal im Jahr ein Konzert geben, etwa in der Adventszeit. Da kommen dann auch die in die Kirche, die man zu Gottesdiensten nie sieht.

Gremien und Verbände

Weil es immer noch Menschen gibt, die sich für den Pfarrgemeinderat oder Kirchenvorstand wählen lassen und die Verantwortung nicht scheuen, kann die Pfarrgemeinde auch über die Kirche hinaus wirken und zum Beispiel Kindergärten unterhalten. Weil es einen harten Kern in den Verbänden gibt, kann zum Beispiel die Frauengemeinschaft jedes Jahr die Karnevalsfeier organisieren, zu der dann auch weitere Frauen kommen. Die arg geschrumpfte Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) sorgt vielleicht dafür, dass beim Kirchenkaffee Getränke ausgeschenkt werden. Und weil es unter den treuen zehn Prozent ein noch viel kleineres Grüppchen gibt, ist die Kirche geputzt und der Rasen vor der Kirche gemäht.

Nächstenliebe

Weil es den treuen Rest gibt, bekommen auch Menschen, die vereinsamt zu Hause oder im Heim herumsitzen, ab und an Besuch. Andere engagieren sich im Tafelladen oder im Kleiderladen der Gemeinde, in dem sich Bedürftige zum Beispiel warme Winterkleidung holen können. Manche Gemeinde organisiert einen Hospizdienst. Seine Hilfe in Anspruch nehmen kann jeder, unabhängig von Religion und Weltanschauung. Wenige Christen helfen auf diese Weise, dass Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet werden.  

Katechese

Weil es die treuen zehn Prozent gibt, kann überhaupt Erstkommunion gefeiert werden. Ohne Messe keine Erstkommunion. Weil sich immer noch Mütter und Väter finden, die sich als Katecheten engagieren, können Kinder auf die Erstkommunion vorbereitet werden. Und weil es die treuen zehn Prozent gibt, wird immerfort gebetet, auch für die, an die sonst niemand denkt.

 

Die treuen zehn Prozent sind wie der ältere Bruder im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Sie sind da. Treu und zuverlässig. Manchmal wird das selbst von Kirchenoberen verkannt. Dabei können wir alle für diese Treue dankbar sein. Aber Vorsicht: Sie ist kein Grund, selbstgerecht zu werden. Kein Grund, sich aufzuregen, wenn Feiertagschristen zu Weihnachten die Bänke füllen, wenn bei der Beerdigung niemand weiß, wann er stehen oder knien muss, wenn man bei der Erstkommunion bei Eltern der Kommunionkinder sieht, dass deren letzte Kommunion lange zurückliegt. Folgt man den Gleichnissen Jesu, sind solche Anlässe Grund zur Freude. Menschen finden Kontakt zum Glauben, Kontakt zur Kirche. Ich, der ich das Glück habe, diese geistliche Heimat zu haben, darf mich darüber freuen! 

Von Ulrich Waschki