12.08.2020

Das Projekt "House of One" in Berlin

Haus Gottes für alle Religionen

Es ist eine himmlische Vision, die der Prophet Jesaja entwirft: ein gemeinsames Gebetshaus für alle Völker. In Berlin mühen sich Juden, Christen und Muslime, diese Utopie Wirklichkeit werden zu lassen. Doch die Tücken liegen im Detail.

Wollen ein Gebetshaus für alle Religionen:Pfarrer Gregor Hohberg, der Rabbiner Andreas Nachama und Imam Kadir Sanci
Wollen ein Gebetshaus für alle Religionen: Pfarrer Gregor Hohberg, der Rabbiner Andreas Nachama und Imam Kadir Sanci

Von Andreas Kaiser 

In der Hauptstadt ist man mächtig stolz auf das Projekt. Ein Modell vom „House of One“ steht auf dem Schreibtisch von Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD). Auch Markus Grübel (CDU), der Beauftragte der Bundesregierung für Religionsfreiheit, findet das Vorhaben klasse. „Wir betonen immer das Trennende“, sagte er, übersähen aber oft, dass die Religionen auch viel Gemeinsames haben. 2024 soll in der Mitte der Metropole, in der seit jeher Menschen aus aller Welt zusammenkommen und leben, ein gemeinsames Bet- und Lehrhaus von Christen, Juden und Muslimen eröffnet werden. 

Die Idee zu dem viel gelobten Vorhaben am Petriplatz hatten die Mitglieder der evangelischen St.-Petri-St.-Marien-Gemeinde bereits vor mehr als zehn Jahren. Als das Land damals die Gemeinde fragte, ob sie Interesse am Grundstück der 1964 abgerissenen Petrikirche habe, war die Sache rasch klar. Eine weitere Kirche brauchte die Gemeinde nicht. Man hatte mit der Parochial- und der Marienkirche bereits zwei Gotteshäuser. In Gesprächen wurde die Idee geboren, ein Haus des interreligiösen Dialogs und zur Friedensförderung zu errichten. „Von Anfang an waren auch Muslime, Juden und Säkulare an dem Projekt beteiligt“, erklärt Roland Stolte. „Wir sind bewusst zurückgetreten und wollten als Christen nicht einfach etwas vorgeben.“ Stolte ist Theologe und Verwaltungsleiter vom House of One. 

Man lernt neue Impulse und Sichtweisen kennen

Die Baukosten für den architektonisch ehrgeizigen, massiven Ziegelbau werden auf 47 Millionen Euro beziffert. Je ein Drittel tragen Bund und Land. Der Rest wird über ein Fundraisingprojekt gesammelt. Im House of One sollen vier Räume entstehen. Eine Kirche, eine Synagoge, eine Moschee sowie ein zentraler gemeinsamer Raum. „Man geht vom Eigenen aus, tritt hinaus in das Gemeinsame und kann jederzeit ins Eigene zurückkehren. Aber man kommt nicht mehr so heim, wie man rausgetreten ist. Man hat neue Impulse und Sichtweisen kennengelernt“, ist sich Stolte sicher. 

Obwohl im House of One die Identität der einzelnen Religionen gewahrt werden soll, regte sich Widerstand. Vor allem vielen Muslimen ging diese Art der Interreligiosität zu weit. Auch einzelne Christen warfen den Initiatoren vor, sie betrieben Synkretismus, also eine unlautere Vermischung. Stolte spricht da lieber vom „theologischen Wagemut“, bei dem „stets tastend neue Formen“ ergründet werden müssten. Das Ziel umschreibt er wie folgt: „Wir wollen versuchen, Religion neu zu denken, weg von binnenreligiösen Diskursen“.

So soll das House of One in Berlin aussehen.
So soll das House of One in Berlin aussehen. 

Während Berlins ehemaliger Erzbischof Rainer Woelki dem Projekt sehr reserviert gegenüber stand, wird dessen Nachfolger Heiner Koch sogar Mitglied im Kuratorium vom House of One. Offene Kritik entzündete sich dagegen immer mal wieder an der muslimischen Partnerorganisation des Hauses. Iman Kadir Sanci ist Mitglied der Gülen-Bewegung, die von der Türkei für den gescheiterten Putschversuch von 2016 verantwortlich gemacht wird. Wegen ihm weigern sich bis heute größere islamische Verbände wie die türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) beim House of One mitzumachen. 

Doch eine Trennung von Sanci kam für die Initiatoren vom House of One nicht infrage. Im Gegensatz zu anderen muslimischen Verbänden stehe das Dialog Forum, dem Sanci angehört, für die integrative Idee des Bet- und Lehrhauses, erklärt Stolte. Der Stiftungsrat habe sich zudem entschlossen, Schwierigkeiten auch auszuhalten. „Die Probleme, die wir an der Oberfläche haben, sind vor allem politischer Natur“, sagt Stolte. Beim House of One setzt man in Sachen Akzeptanz auf Zeit. Rabbi Andreas Nachama, der jüdische Mitinitiator des Projekts, betonte mehrfach, „wenn es einfach wäre, dann bräuchte man uns nicht“. Auch der Umstand, dass Religion immer wieder „als Legitimation für Gewalt missbraucht wird“, zeige, wie wichtig es sei, miteinander ins Gespräch zu kommen. 

Das Miteinander soll viele Herzen bewegen

Der Historiker Nachama möchte im House of One, allen Unterschieden und Streitigkeiten zum Trotz, den „Respekt miteinander und füreinander so entwickeln, dass religiöse Unduldsamkeiten aus dem Bewusstsein entschwinden“. Das sieht auch Imam Sanci so; „unser Miteinander könnte weltweit viele Herzen bewegen“, hofft er. 

Tatsächlich kommt die Vision vom House of One bereits heute im Ausland gut an. Spender aus 60 verschiedenen Ländern unterstützten das Berliner Vorhaben. Vor allem aus den USA, Kanada, Brasilien, aber auch aus dem Nahen Osten, sogar Kasachstan und Pakistan floss Geld. In einigen Staaten gibt es ähnliche Projekte. In einem Gefängnis in Ruanda entstand eine „Kirchenmoschee“. Auch in der Zentralafrikanischen Republik, wo seit Jahren ein Bürgerkrieg zwischen Muslimen und Christen tobt, will man sich ein Beispiel an Berlin nehmen und in Bangui ein gemeinsames Friedenshaus bauen. 

Zwar haben sich zuletzt die Bauarbeiten, auch Corona-bedingt, verzögert. Doch das Herz des Projekts schlägt schon lange laut und deutlich. Bereits seit etlichen Jahren veranstaltet der Stiftungsrat interreligiöse Workshops und Dialogabende. „Dabei soll erfahrbar werden, welchen Mehrwert die Religionen für den Frieden haben“, betont Stolte. Zur Vision des Jesaja passt das durchaus. Auch für ihn hat das „Haus des Gebets für alle Völker“ einen politischen Auftrag: „So spricht der Herr: Wahrt das Recht und sorgt für Gerechtigkeit.“ (Jesaja 56,1)