19.05.2021

Teil 3 unserer Credo-Serie

Jesus - der Mann der Titel

Unsere Serie zum Apostolischen Glaubensbekenntnis beschäftigt sich mit den Grundpfeilern des christlichen Glaubens. Ab jetzt geht es um Jesus und was er für uns ist. Von Bruder und Freund ist nicht die Rede.

Eine Statue zeigt Jesus.
Jesus Christus - das ist mehr als ein Vor- und Nachname. Es ist ein Glaubensbekenntnis. 

Von Susanne Haverkamp

Der zweite Teil des Glaubensbekenntnisses ist der längste. Zwei Drittel des Credos beschäftigen sich mit Jesus Christus – mit seinem Woher und Wohin, seinem Leben, Sterben, Auferstehen und seiner Wiederkunft. Daran erkennt man: Der Kern des christlichen Glaubens ist Jesus. Und: Über ihn ist viel zu sagen, und das in knappster Form. Was das Verständnis nicht erleichtert.

Ich glaube an ... Jesus Christus

Jesus Christus, das ist kein Vor- und Nachname, sondern ein Glaubensbekenntnis: Ich glaube an Jesus – einen echten Menschen, der in einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Land historisch nachweislich auf der Erde gelebt hat. Und ich glaube an Christus – den Gesalbten, den Erlöser. Dieses „Jesus Christus“, das uns so selbstverständlich über die Lippen geht, ist die Kurzform für das, was das Große Glaubensbekenntnis so formuliert: wahrer Mensch und wahrer Gott.

Und das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingt. Denn für viele Leute war und ist Jesus in allererster Linie ein herausragender Mensch, einer, an dessen Predigt und an dessen Praxis wir Maß nehmen können für unser eigenes Leben. Juden bezeichnen ihn als vorbildlichen jüdischen Rabbi, tiefgläubig und gesetzestreu. Der Koran würdigt ihn als Gesandten Gottes und Propheten. Für manchen Atheisten ist Jesus ein Vorbild in Gewaltfreiheit und Nächstenliebe. Und auch für Christen gilt: Jesu menschliche Seite – im Leben wie im Sterben – macht ihn uns zum Bruder. Er hing eben nicht als Gott am Kreuz, der wusste, dass er ein bisschen leidet und dann alles gut wird. Nein, Jesus litt wie leidende Menschen eben leiden.

Der Name Christus hingegen verweist auf seine göttliche Seite – und die haben seine Jüngerinnen und Jünger erst nach Ostern wirklich begriffen. Ja, in den Evangelien kommen Christus-Bekenntnisse vor, aber erstens wurden die auch erst Jahrzehnte später geschrieben und zweitens sind sie viel seltener als etwa in den Briefen. Dass Jesus der Christus (griechisch), der Messias (hebräisch), der Gesalbte (deutsch) Gottes ist, wurde erst durch die Auferstehung zur christlichen Glaubensgewissheit. Dann aber so eindeutig und prägend, dass das Wort „Christen“ schon in biblischer Zeit zum Eigennamen wurde. Wir sind eben Christus-Gläubige, nicht (nur) Jesus-Jünger.

... seinen eingeborenen Sohn

Eingeboren – dieses Wort kennen wir allenfalls aus kolonialistischen Zeiten: die primitiven Eingeborenen und die zivilisierten Europäer. Aber darum kann es ja wohl nicht gehen.

Fangen wir aber mit dem vertrauten, aber auch missverständlichen „Sohn“ an. Denn das so menschlich-biologisch klingende Wort meint biblisch etwas ganz anderes. In Psalm 2,7 spricht der frischgesalbte König Israels: „Gott sprach zu mir: Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt.“ Der Satz, klar, ist kein antiker Vaterschaftstest, sondern eine Inthronisationsformel und bedeutet: Du bist König durch meinen Willen; heute habe ich, Gott, dich eingesetzt! Auch Paulus verstand „Sohn“ ähnlich. Im Römerbrief schreibt er, Christus sei „eingesetzt als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten“ (Römer 1,4)

Eine nicht unbedeutende theologische Richtung folgerte daraus, dass Jesus erst durch seine Auferweckung sozusagen vergöttlicht wurde; Gott habe den Menschen Jesus aus dem Grab heraus zu seiner Rechten erhöht und als Sohn eingesetzt. Doch die Mehrheit war anderer Meinung. Jesus war auch im Leben schon „Sohn“ und zwar in dem Sinne, dass in Jesu Wirken Gott unmittelbar anwesend ist; in Jesus wirkt Gott selbst. Der ist der grundlegende Unterschied zwischen Jesus als Sohn Gottes und uns als Söhnen und Töchtern Gottes.

Damit sind wir zurück beim „eingeboren“. Der Begriff meint zum einen genau das: Jesus ist der eingebore im Sinne von einziggeborene Sohn Gottes. Der Evangelist Johannes formuliert das so: „Der einzige Sohn“ (Johannes 1,14; 3,16); für alle anderen Menschen benutzt er – anders als viele biblische Autoren – den Begriff „Kinder Gottes“. 

Zu anderen kommt in dem Wort das zum Ausdruck, was das Große Glaubensbekenntnis so formuliert: „Aus dem Vater geboren vor aller Zeit.“ Es geht um die Präexistenz, also um die Frage, ob es Jesus schon gab, bevor er auf Erden geboren wurde. Ja, sagt das Glaubensbekenntnis: Jesus ist ewig, wie Gott ewig ist, oder, wie es im Brief an die Kolosser heißt: „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung, denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden ...“ (Kolosser 1,15)

Ziemlich viel Theologie für drei kurze Worte. Mir hilft, was der Dogmatiker Theodor Schneider in seinem Buch über das Credo schreibt: Beim Titel „eingeborener Sohn Gottes“ gehe es „nicht um eine abstrakte Spekulation über die besondere Seinsweise Jesu Christi und seinen besonderen Status. Er ist der Sohn, weil und indem er für uns gekommen ist; er ist Sohn nicht für sich, sondern für uns“.

… unseren Herrn

Kyrios, Herr, ist der alte biblische Gottesname. Tausendfach wird er im Alten Testament für den unaussprechlichen Gottesnamen eingesetzt. In der Antike wurde aber auch ein wichtiger Mann mit „Herr“ angeredet – und „Kyrios“ war der Titel des Kaisers. Wenn die Christen ihren Herrn mit „Kyrios“ bezeichneten, schwingt all das mit: die göttliche Vollmacht; seine Bedeutung als Überlegener, als Chef; und die Distanzierung vom Kaiser, denn nur einer ist der Herr: Jesus Christus.

Heute benutzen wir gern andere Titel und sagen „Bruder“ oder „Freund“. Wir lieben flache Hierarchien, aber dem Credo ist das fremd: Jesus ist kein Kumpel, sondern Christus, der Herr.